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9 m2, WC auf dem Flur, 500 Euro

Die kleine Geschichte Wie Spekulanten in Paris die Studenten schröpfen – und deren Eltern. Wer sich unter neun Quadratmetern nichts vorstellen kann, der sollte sie jetzt abschreiten: drei mal drei Meter. Nun sollte man sich dazu noch denken, dass die Decke über der bescheidenen Fläche abgeschrägt ist, recht tief hängt. Und die Fenster sind klein. Mansardenfensterchen. Etwa so, wie sie ganz oben in bürgerlichen Herrschaftshäusern von Paris sind – «intra muros», im Zentrum also. Um die geht es hier. Die obersten, nur halbhohen Etagen, etwa der Häuser im bombastischen haussmannschen Stil, waren früher den Bediensteten der Bourgeoisie zugewiesen. Unter dem Dach wars heiss, dort mochten die feinen Leute nicht leben. Und das Personal hatte man jederzeit gern zur Hand. Es ist kein Zufall, dass man von Besenkammern spricht, wenn diese Zimmer der Dienstmädchen, der «bonnes», gemeint sind. Heute sind diese Besenkammern die eigentlichen Pariser Luxuslogen – ein Markt mit obszönen Preisen. Ein Wuchergeschäft. Hier ein Beispiel aus den Annoncen für Mietwohnungen: «Studio, 9 m2, WC und Dusche auf dem Flur, 500 Euro.» Oder: «9 m2, 7. Stock, ohne Lift, 690 Euro.» Zuweilen kommen noch Nebenkosten dazu. Die Küche nennt sich meist «Kitchenette» und besetzt eine Ecke. Die Dusche, wenn sie denn zur Wohnung gehört, verlangt dem Duscher einige Akrobatik ab. Doch das sollte dem Zielpublikum keine Probleme machen. Die Kategorie «Micro-logements», der Miniwohnungen, auch «Studio» und «Studette» genannt, richtet sich an junge Franzosen. Solche etwa aus der Provinz, die in der Metropole ihren ersten, noch knapp bezahlten Job antreten. Und an die Studenten. Sie sind die Opfer der Spekulation. Nie war es teurer, in Paris zu studieren und dabei allein zu leben, als jetzt. Diese Erkenntnis bedrückt natürlich vor allem die Eltern der Studenten. Das Wohnungsangebot in Paris ist traditionell dramatisch knapp, die Zahl der subventionierten Studenten- und Sozialwohnungen gering, die Nachfrage dafür extrem hoch. Und so reissen sich die Investoren um diese Objekte unter den Dächern, räumen die Besen aus, renovieren sanft, bauen Nasszellen ein, stellen einige Möbel rein, vornehmlich kleine und helle, und vermieten zu «Macro-Preisen». Pro Quadratmeter liegt der Mietpreis von Tausenden solcher Kleinstwohnungen mindestens drei-, gar viermal höher als bei den grösseren Wohnungen. Die linke Zeitung «Libération» widmete dem Thema am Montag ihre Frontseite. Sie hatte den Staatssekretär für Wohnungsbau gebeten, inkognito teilzunehmen an der Recherche, um sich ein Bild zu machen. Und Benoist Apparu, 40 Jahre alt, jungenhaftes Aussehen, spielte mit. Er liess den Chauffeur zu Hause, kam ohne Krawatte zur Wohnungsbesichtigung, gab sich als Angestellter der Modebranche aus. Das Inserat lautete: «Möbliertes Studio, 12 m2, 6. Stock, Lift, Küchenecke, Dusche/WC. 670 Euro, zuzüglich Nebenkosten.» Der Vermieter erkannte Apparu nicht, verhandelte und forderte einen Garanten, der die finanzielle Schmalbrüstigkeit des Interessenten kompensiert. Apparu gab vor, 1800 Euro im Monat zu verdienen – für einen jungen Franzosen ein stattliches Gehalt. Der Staatssekretär fand danach, es werde hier Missbrauch betrieben, solche Preise seien inakzeptabel: «So können wir nicht weitermachen.» Doch so reden Politiker immer, wenn die Medien dabei sind. Der Bürgerliche Apparu sagte gar, er prüfe auch, ob man die Mietpreise nicht plafonieren könne. Räumte aber gleich ein, dass die Wohnungen dann wohl einfach schwarz vermietet würden – ohne Mietvertrag, ohne Mieterschutz. Bei gleich bleibenden, grotesk hohen Preisen. Und vielleicht lassen sich die Kammern ja auch noch etwas mehr verkleinern. Von micro zu nano? 6 Quadratmeter? Fürs Abschreiten zu Hause: 2 Schritte auf 3. Geht doch. Oliver Meiler, Marseille Mansardenwohnung in Paris: Wenig Platz für viel Geld.

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