«Am Züri-Fäscht-Wochenende kenne ich jede Gewitterzelle der Schweiz»

Zum neunten Mal ist Roland Stahel verantwortlich für das Züri-Fäscht. Er sagt Tagesanzeiger.ch/Newsnet, was die verheerenden Stürme am Turnfest in Biel für das Fest vom 5. bis 7. Juli in Zürich bedeuten.

«Zelte müssen gegen Winde von bis zu 90 km/h gesichert sein»: OK-Chef Roland Stahel.

«Zelte müssen gegen Winde von bis zu 90 km/h gesichert sein»: OK-Chef Roland Stahel. Bild: PD

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Herr Stahel, zweimal ist das Turnfest in Biel von einem Sturm heimgesucht worden, Personen wurden verletzt, Infrastruktur flog durch die Luft. Was waren Ihre ersten Gedanken, als Sie die Bilder sahen?
Ich war sehr bedrückt ob der eindrücklichen Bilder. Ein derartiger Sturm ist die Höchststrafe für einen Veranstalter.

Ist das Züri-Fäscht gewappnet gegen einen derartigen Sturm?
Die Situation in Biel ist eine ganz andere als in Zürich. Das Fest findet dort auf offenem Feld statt. Auch wenn ein Sturm uns ebenso treffen kann, bietet Zürich mit der städtischen Umgebung glücklicherweise besseren Schutz vor Naturgewalten. Ausserdem haben wir strenge Vorgaben, etwa für Zeltstände.

Was sind diese Vorgaben?
Jeder Zeltanbieter mit einer Publikumsfläche ab 25 Quadratmetern muss uns ein ausführliches Meldeblatt einreichen. Darin muss er nachweisen, dass ein Ingenieur mögliche Belastungen berechnet hat. So müssen Zelte gegen Winde von bis zu etwa 90 Kilometern in der Stunde gesichert sein. Das geschieht in der Regel mit Gegengewichten – wie bei Kränen. Manche Wirte behelfen sich mit 1000-Liter-Wassertanks. Aber auch die Stände mit kleineren Publikumsflächen müssen Auflagen erfüllen.

Wie stellen Sie sicher, dass sich die Wirte an die Vorgaben halten?
Wir führen periodisch und auch noch kurz vor dem Fest Kontrollgänge durch, die immer wieder für Ärger gesorgt haben und mittlerweile berüchtigt sind. Es kam schon vor, dass ich einem Wirt zwei Stunden vor Festbeginn sagte: Du musst dein Zelt noch mit viermal 400 Kilo sichern. Kein einfaches Unterfangen in so kurzer Zeit. Wir unternehmen alles, damit keine Zelte fliegen. Allerdings werden heute die wenigsten Standbesitzer überrascht, da sich herumgesprochen hat, dass wir pingelig sind und sehr streng kontrollieren. Das betrifft auch andere Bereiche wie Gasanschlüsse, Fluchtwege, Lebensmittelkontrollen, Feuerwehrdurchfahrten oder Jugendschutz.

Wegen der Massenpanik-Katastrophe in Duisburg haben Sie dieses Jahr die Fluchtwege neu aufgegleist. Müssen wegen der Sturmerfahrungen in Biel in Zürich gar keine neuen Vorkehrungen getroffen werden?
Wir reagieren immer wieder auf Ereignisse wie Duisburg. Nach einer Feuerwerkkatastrophe im holländischen Enschede im Jahr 2000 wurden etwa die Sicherheitsabstände zum Publikum verdoppelt. Seither werden auch die Silvesterfeuerwerke nicht mehr von der Münsterbrücke abgefeuert, sondern von Booten aus. Auf mögliche Stürme müssen wir uns aber nicht neu ausrichten, denn dieses Risiko bestand immer. Ich kann den Besucherinnen und Besuchern des Züri-Fäschts versichern: Sie sind sicher.

Stehen Sie in Kontakt mit Wetterstationen?
Natürlich. Ich bin selber Geograf und befasse mich mit Wetterphänomenen. Am Züri-Fäscht-Wochenende kenne ich jede Gewitterzelle der Schweiz. Mit der heutigen Satellitentechnik ist vieles früh sichtbar. Ein Sturm kommt ja nicht unerwartet. Die einzig mögliche Überraschung ist eine plötzliche Richtungsänderung einer Zelle.

Wie steht Zürich meteorologisch da?
Eine typische Gewitterzelle kommt von Westen und teilt sich im Aargau. Ein Teil der Zelle geht reussaufwärts Richtung Innerschweiz, wird vom Zugerberg behindert und weicht Richtung Hirzel/Wädenswil aus. So kam es schon vor, dass es während eines Züri-Fäschts in Wädenswil Starkregen gab und in Zürich kein Tropfen fiel. Der zweite Teil geht Richtung Rhein/Thur und entlädt sich im Zürcher Weinland. Zürich bleibt weitgehend verschont. Der Uetliberg ist unser grösster Schutz. Es gibt umgekehrt aber auch überraschende Fallwinde vom Uetliberg aus und Stürme, die limmataufwärts kommen.

Was machen Sie in diesem Fall?
An den bisherigen Durchführungen des Züri-Fäschts hatten wir oft Wetterglück. Da viel Sonne Sommergewitter bringt, habe ich schon manches Jahr gebibbert. Allerdings sind wir bereit. Über die Lautsprecher, die alle 25 Meter aufgestellt sind, können wir die Festbesucher schnell und umfassend erreichen. Wir können ihnen empfehlen, sich für ein paar Minuten vom See zu entfernen und hinter die schützenden Häuser zu ziehen – etwa zur Dufourstrasse. Dieses Szenario existiert. Ich habe auch die Möglichkeit, die Feuerwerke abzubrechen oder um eine halbe oder volle Stunde zu verschieben. Das ist sogar mit den SBB abgesprochen. Beginnt das Feuerwerk erst um 23.30 Uhr, kommen die Besucher aus Bern trotzdem mit dem Zug nach Hause.

Unter welchen Voraussetzungen verschieben Sie das Feuerwerk?
Bei Winden über 45 km/h.

Viele Attraktionen des diesjährigen Fests finden in der Luft statt. Welches sind die Limiten?
Der Hochseilartist sagt selber, ob er startet oder nicht. Er ist ja auch sehr blitzgefährdet. Aber Blitze aus heiterem Himmel gibts nicht. Der Heissluftballon fliegt nur bei Winden unter 20 km/h, der Armee-Super-Puma wiederum hält Winde von 70 km/h locker aus.

Ist auch denkbar, das ganze Fest aus Wettergründen abzusagen?
Das ist schwer zu sagen. Gewitter sind ja meist heftig, aber auch kurz. Bei dieser Frage bewegen wir uns in ethischen Bereichen: Kann man ein Fest fortsetzen, an dem es Todesopfer gibt? Auch spielen wirtschaftliche Überlegungen eine Rolle.

Sie organisieren Ihr neuntes Züri-Fäscht. Hat es schon brenzlige Situationen gegeben?
2007 gab es am Freitagabend einen Föhnsturm, Wellen von 1,5 Metern Höhe erreichten den Bürkliplatz. Ein Feuerwerkschiff ist gekippt, worauf Kisten mit 100 Schuss Feuerwerk im Wasser landeten. Die Wasserschutzpolizei musste ausrücken, Teile des Materials wurden ans Ufer gespült.

Erstellt: 21.06.2013, 15:17 Uhr

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