Arm unter Reichen

An der Goldküste leben zahlreiche arme Menschen eine Existenz am Rande der Gesellschaft. Ein Verein verschafft einigen von ihnen einmal im Jahr eine Verschnaufpause: zwei Wochen Ferien im Toggenburg.

Im Esssäli des Ochsen: Mario Camadini, Rudolf Lüthi,  Leonore Schärer, Lina Bernegger, Agnes Kempin und das Wirtepaar Frieda und Kurt  Scheiwiller (v.?l.).

Im Esssäli des Ochsen: Mario Camadini, Rudolf Lüthi, Leonore Schärer, Lina Bernegger, Agnes Kempin und das Wirtepaar Frieda und Kurt Scheiwiller (v.?l.). Bild: D. Kellenberger

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Mario Camadini, Exil-Bündner, lebt bei seiner Schwester im Zollikerberg. Der 63-Jährige, ein knorrig-untersetzter Mann mit riesigen Arbeiterpranken, durchforstet seit mehreren Jahren die Region am Fusse der Churfirsten nach Pilzen. Camadini lebt von der Sozialhilfe – wegen seines Rückens musste er die Stelle bei einem Zolliker Gartenbauer aufgeben.

Die 67-jährige Agnes Kempin, Schwägerin der zurückgetretenen Männedörf­ler Gemeindepräsidentin, ist bereits zum sechsten Mal zu Gast im Landgasthof Ochsen zu Neu St.?Johann. Heuer ist sie erstmals ohne Mann angereist. Dieser ist vor einigen Monaten nach langer Leidenszeit gestorben. Kempin wirkt gefasst, macht aber einen verletzlichen Eindruck. Ihre Stimme ist sanft, sie lächelt tapfer. Durch die schwere Krankheit des Gatten wurde das bescheidene Vermögen des Ehepaares gänzlich aufgezehrt. Heute lebt Agnes Kempin von der AHV. Sie kann sich kaum etwas leisten.

Beliebter Tapetenwechsel

Unterschiedlicher wie die beiden kann man kaum sein. Was sie verbindet, sind zwei Wochen gemeinsame Ferien im Obertoggenburg. Zusammen mit vier weiteren Bewohnern der Goldküste profitieren sie vom Angebot der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirks Meilen (GGM, siehe Kasten): Weniger privilegierten Mitbürgern ermöglicht der Verein einmal im Jahr einen Tapetenwechsel. Meist sind es ältere Menschen, oft auch Familien mit Kindern oder Alleinerziehende; manchmal gar eine Gruppe aus dem Heim der Erlenbacher Martin-Stiftung. Für dreimal zwei Wochen im Jahr mietet der gemeinnützige Verein Räumlichkeiten im Landgasthaus Ochsen – Vollpension, ein gemütliches Zimmer und die wunderbar frische Luft des Obertoggenburgs inklusive.

Der übergewichtige IV-Bezüger Rudolf Lüthi lebt normalerweise in einer 2-Zimmer-Wohnung direkt an der lärmig-staubigen Seestrasse in Obermeilen. Den 59-Jährigen zeichnet eine gehörige Portion Galgenhumor aus: Ständig bringt er die sechsköpfige Gruppe zum Lachen. Lüthi lebt alleine: «Die Frauen sind mir immer davongelaufen, denen war ich zu schwer.» Derzeit geniesst Lüthi die Ruhe der Berge, und er tut sich am Essen im Ochsen gütlich: jeweils vier Gänge, liebevoll zubereitet vom Ochsen-Wirt Kurt Scheiwiller. Dessen Frau, Wirtin und Tätsch­meisterin Frieda Scheiwiller, kennt ihre Pappenheimer. Mit einigen ist sie «Duzis», andere lernt sie erst kennen. Dennoch: An ihr kommt niemand vorbei. Benimmt sich jemand daneben, ist er schnell weg vom Fenster, war das letzte Mal im Ochsen. «An unsere Hausordnung muss sich jeder halten», sagt das Energiebündel bestimmt.

Vor allem scheue Menschen

Seit acht Jahren besteht die Zusammenarbeit zwischen den Ochsenwirten und der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirks Meilen. Und es ist ein funktionierendes Erfolgsmodell. Über die Sozialämter im Bezirk oder über Ärzte erhält die GGM die Informationen über bedürftige Mitbürger. Die Gesellschaft verteilt ihre Gelder nicht nach dem Giesskannenprinzip. Denn wer einmal dabei ist und sich nicht unsäglich benimmt oder bei den Mitreisenden unbeliebt macht, darf im kommenden Jahr gerne erneut kommen.

Zum ersten Mal mit dabei ist die Uetiker Rentnerin Pia Schmid. Die 71-jährige Witwe lebt alleine. Weil sie gerne jasst, hat sie bei den drei anderen Frauen in der Gruppe schnell Anschluss gefunden. Pia Schmid ist ein kritischer Geist. Und sie hat Humor. Trotzdem klingt Wehmut durch, wenn sie vom Fernseher als «meinem liebsten Hausfreund» berichtet. Es sei eine Wohltat, «zwei Wochen lang nicht jeden Abend alleine zu Hause sitzen» zu müssen. Ihr gefällt es gut hier. Sie würde jederzeit wieder kommen.

«Ploderchäs» zum Frühstück

Und das kann sie auch, wie Doris Alldis, Vorstandsmitglied der GGM, berichtet. Seit drei Jahren organisiert Alldis diese Ferienreisen, die mit 50'000 Franken rund die Hälfte des Jahresbudgets des Vereins beanspruchen. «Wie versuchen, diejenigen zu unterstützen, die sonst wirklich gar nichts mehr haben.» Dabei würden vor allem solche Menschen berücksichtigt, die scheu seien, nur ungern Hilfe beanspruchten und die eher Hemmungen hätten, die sozialen Institutionen zu beanspruchen, obwohl sie dazu berechtigt wären.

Wie die 80-jährige Lina Bernegger, die jeden Morgen von der Wirtin eine Extraportion «Ploderchäs» serviert bekommt. Eine Art Ricottavariante aus dem Toggenburg. Die vierfache Mutter, siebenfache Grossmutter und sechsfache Urgrossmutter reist viel ins Welschland, wo sich der Grossteil ihrer weitläufigen Familie aufhält. Trotzdem, auch sie ist oft einsam und geniesst ihren Aufenthalt in Neu St. Johann. «Alles ist so familiär hier.» Nicht zu vergessen das Herz und die Seele der Gruppe: Wenn Leonore Schärer lächelt, geht die Sonne auf. Die Augen der 76-jährigen Uetikerin glänzen, ihre Grübchen tanzen im Gesicht, sobald sie lacht. Sie ist bereits zum siebten Mal dabei.

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Erstellt: 09.09.2010, 21:05 Uhr

Die Gemeinnützige Gesellschaft

Ohne private Gemeinnützigkeit wäre die Gesellschaft ärmer dran. Dies galt erst recht im frühen 19. Jahrhundert, als die heuer
200 Jahre alt gewordene Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft gegründet wurde. Von einem ausgebauten Sozialstaat konnte damals noch keine Rede sein. Es oblag Privaten aus besseren Kreisen, die damals grassierende Not zu lindern. Die Gemeinnützige Gesellschaft des Bezirks Meilen (GGM) wurde 1862 gegründet. 2012 kann sie ihr 150-jähriges Bestehen feiern. Die GGM zählt rund 750 Mitglieder. Die finanzielle Basis für das gemeinnützige Wirken bilden einerseits die jährlichen Mitgliederbeiträge (5 Franken!)sowie Spenden und Vermögenserträge. Die «Ferienaktion» der GGM ist eine alte Tradition, die als «Mütterferien» in der Zwischenkriegszeit ihren Anfang genommen hat.(pem)

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