Auch aussichtslose Kantonsratskandidaten kämpfen

Wer für den Kantonsrat auf dem letzten Listenplatz kandidiert, wird kaum gewählt.Trotzdem betreiben die Listenletzten im Bezirk leidenschaftlich Wahlkampf.

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Von Daniel Fritzsche

Es gibt viele schöne Sprichwörter, die ihnen Mut machen: «Die Letzten werden die Ersten sein» zum Beispiel. Oder: «Wer zuletzt lacht, lacht am besten.» Nüchtern betrachtet, trifft es eine andere Redensart besser: «Die Letzten beissen die Hunde.» Denn wer auf dem letzten Listenplatz zu den Kantonsratswahlen antritt, darf sich keine grossen Hoffnungen machen, tatsächlich gewählt zu werden. Die Chancen sind minim.Was motiviert Politiker dennoch dazu, sich für diesen undankbaren Listenplatz herzugeben? Eine Umfrage im Bezirk zeigt: Die Gründe sind vielfältig.

Folker Horst (SP), Sonderschulleiter aus Meilen, kandidiert auf dem 13. und damit letzten Platz für seine Partei. Trotz der schlechten Ausgangslage strotzt er vor Energie. «Ich bin bereit und voll motiviert zu gewinnen», sagt der 52-Jährige. Der Wahlkampf bereite ihm Spass, und er erhalte grosse Aufmerksamkeit. Horst glaubt: «Wenn es am 3. April nicht klappt, dann vielleicht in vier Jahren oder bei den nächsten Wahlen für ein Amt in der Gemeinde.»

Die Nummer 13 der FDP, Olivier Barthe, bezeichnet die Kantonsratswahlen als Abenteuer. «Ein Abenteuer, dem hoffentlich weitere folgen werden.» Mit seiner Kandidatur möchte er das Fundament für spätere Wahlen legen. Der Elektroingenieur aus Meilen ist erst seit zwei Jahren Mitglied der Freisinnigen. Vom Politikvirus ist er aber schon voll infiziert. Auf die FDP-Liste schaffte es Barthe aus Zufall. Weil ein anderer Kandidat aus beruflichen Gründen nicht mehr an den Wahlen teilnehmen durfte, rutschte er nach. «Ich hatte ein ähnliches, technisch-rationales Profil wie er», erklärt der Meilemer. Finanziell muss er sich nicht am Wahlkampf beteiligen. «Das kommt dann wahrscheinlich erst in den oberen Rängen.»

Einer, der die Liste abrundet

Aus taktischen Überlegungen kam Peter Lehmann aus Hombrechtikon auf die CVP-Liste. «Dieses Jahr kandidieren viele junge Leute», sagt der Lüftungstechniker. «Da wollte die Parteileitung noch jemanden aus der älteren Generation aufstellen.» Der 66-Jährige musste sich «etwas bearbeiten lassen», bis er Ja sagte. Mit einem Wahlerfolg rechnet er nicht. Dafür nehme er etwas anderes aus seinem «nicht sehr aktiven Wahlkampf» mit, «ein schönes Föteli in der Zeitung».

Ein «alter Hase» rangiert bei den Grünen auf dem 13. Listenplatz. Toni Baggenstos, selbstständiger Handwerker aus Erlenbach, sass schon einmal dort, wo viele Listenletzte einmal hin wollen: im Kantonsrat. «Das kommt mir vor, als wäre es eine Ewigkeit her», sagt der 63-Jährige lachend. Eine Legislaturperiode lang, von 1995 bis 1999, hielt er durch – dann wurde er abgewählt. Die Grünen zogen erst vier Jahre später wieder ins Ratshaus ein. Erneut auf den vorderen Rängen kandidieren wollte Baggenstos seither nicht mehr. «Ich habe den Ratsbetrieb kennen gelernt. Das muss ich mir nicht mehr antun», sagt er. Auf der Grünen-Liste erscheint sein Name nur noch aus Solidaritätsgründen. «Ich stehe nach wie vor hinter der Politik meiner Partei, aber persönliche Ambitionen habe ich keine mehr.» Es gebe Jüngere, die jetzt antreten sollen.

Keine wirklichen Ambitionen auf das prestigeträchtige Amt hat auch Lukas Relly (EVP). Der Informatiker aus Küsnacht möchte mit seiner Kandidatur ein Zeichen setzen für konstruktive Lösungen in Zeiten, in denen die Pol-Parteien mit immer härteren Bandagen kämpften und kaum mehr etwas zustande brächten. Zwar sehe er sich als politischen Menschen, aber «im kleinen Rahmen». In seiner Wohngemeinde engagiert er sich in der Bürgerrechtskommission. Der Kantonsrat, das sei dann eine ganz andere Liga.

«Angst, gewählt zu werden»

Peter Schibler (GLP) ist ein besonderer Fall. Der Männedörfler Kinderarzt mit Praxis in Stäfa kandidierte bereits vor vier Jahren. Damals stand er auf dem achten Listenplatz und kämpfte sich auf Platz 2 vor. «Ich musste mir ernsthafte Sorgen machen, gewählt zu werden», sagt der Grünliberale heute. Weil er neben dem Beruf «absolut keine Zeit» für ein politisches Amt hätte, setzte er sich dieses Jahr mit Inbrunst dafür ein, dass er auf den letzten Listenplatz versetzt wird. «So kann ich zumindest relativ sicher sein, dass ich verschont bleibe.»

Martullo übt den Skandal

Zeit und Wille, politisch Karriere zu machen, hat der Listenletzte der SVP. Roberto Martullo, Personalberater aus Meilen, hatte schon letztes Jahr angekündigt, «einen engagierten Wahlkampf führen zu wollen – auch wenn die Chancen nicht allzu rosig sind». Der 49-jährige Schwiegersohn von Alt-Bundesrat Blocher machte seine Drohungen wahr und fiel bereits mehrfach durch «Skandälchen» auf. Zuletzt, weil er in der Meilemer Postfiliale Wahlwerbung für sich machte, was ihm später verboten wurde. Ob ihm der Aktionismus nützt, wird sich am 3. April an der Urne zeigen.

Erstellt: 11.03.2011, 22:10 Uhr

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