Hintergrund

Auf Jakob Tanner folgt ein Nobody

Der renommierte Historiker Jakob Tanner wird pensioniert. Die Universität Zürich möchte seine Stelle mit einer Assistenzprofessur ersetzen. Diese Art von Nachwuchsförderung stösst auf Kritik.

Ein Historiker mit internationalem Ruf: Jakob Tanner in der Zürcher Zentralbibliothek.<br>Foto: Samuel Trümpy

Ein Historiker mit internationalem Ruf: Jakob Tanner in der Zürcher Zentralbibliothek.
Foto: Samuel Trümpy

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Jakob Tanner ist als tiefgründiger Kenner der Schweizer Geschichte national und international angesehen. Manche bezeichnen ihn als den profiliertesten Schweizer Historiker der Neuzeit und nennen seinen Lehrstuhl den wichtigsten der Deutschschweiz. Im Sommer 2015 wird Tanner pensioniert. In einem kürzlich publizierten Stelleninserat schreibt die Universität Zürich Tanners Stelle aus «Assistenzprofessur mit Tenure-Track für Allgemeine und Schweizer Geschichte der neueren und neuesten Zeit» aus. Das bedeutet, der Nachfolger oder die Nachfolgerin hat 6 Jahre Zeit, sich zu bewähren. Gelingt dies ihm oder ihr, winkt die Professur.

Diese Aussicht befremdet viele Fachleute, nicht alle wollen sich dazu mit Namen äussern. Im Historischen Seminar war man sich einig, dass jemand mit ähnlicher Ausrichtung und Arbeitsleistung wie Jakob Tanner die Nachfolge antreten sollte.

«Eine Kapazität wie Jakob Tanner durch einen Nobody zu ersetzten, ist ein Affront», sagt eine Historikerin. «Wir brauchen jemanden, der sich ab Stellenantritt pointiert zum politischen Geschehen äussern kann und nicht erst in sechs Jahren», sagt ein Historiker. Als «schlicht skandalös» bezeichnet Carlo Moos die Strategie der Universität Zürich. Er war bis vor drei Jahren Professor für Neuere Allgemeine und Schweizer Geschichte. Eine Assistenzprofessur könne kein Ersatz von Jakob Tanner sein und gefährde die Bedeutung des Historischen Seminars.

Jakob Tanner war gestern nicht für eine Stellungnahme erreichbar. Philipp Sarasin, Ansprechperson für die Bewerbungen, möchte zu den Bedingungen im Stelleninserat nichts sagen, da die Universitätsleitung diese festlege.

Ziel: Mehr jüngere Professoren

Für Andreas Jucker bedeutet jede Ausschreibung einer Professur einen Neuanfang. Der Dekan der Philosophischen Fakultät sagt: «Man erbt den Ruf des Vorgängers nicht, sondern muss ihn neu erarbeiten – egal wie die Professur vorher besetzt war.» Um die Professorenschaft zu verjüngen und den Nachwuchs zu fördern, hat sich die Universität Zürich das Ziel für 2020 gesetzt, 25 Prozent aller Professuren mit Assistenzprofessuren zu besetzen.

Entscheidend seien nicht persönliche Überlegungen, sondern strukturelle, sagt Jucker. «Je grösser ein Institut ist, wie etwa das Historische Seminar, desto besser eignet sich die Strategie der Nachwuchsförderung durch Assistenzprofessuren. Ist bloss ein Professor zuständig für einen Studiengang, wäre das zu heikel.» Laut dem Dekan geht es bei der Nachwuchsförderung nicht um eine Sparübung. Jakob Tanners Nachfolge ist bereits die dritte Professur, die von einer Assistenzprofessur mit der Möglichkeit auf eine spätere Professur ersetzt wird.

Georg Winterberger vertritt als Co-Präsident der Vereinigung akademischer Mittelbau der Universität Zürich (Vauz) die Interessen der (Ober-)Assistierenden und Doktorierenden. «Wir beurteilen den Entscheid, Jakob Tanner mit einer Assistenzprofessur zu ersetzen, eher positiv», sagt er. Die Position sei eine Chance für die Person, die sie bekomme. Sollten sich die Zahl der Lehrveranstaltungen und die Stellenprozente der Assistierenden an der Forschungsstelle für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte verringern, widerspräche das jedoch dem Interesse des Mittelbaus.

Eine Chance, sich zu profilieren

Caspar Hirschi ist seit 2012 Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. Der 38-Jährige macht sich schon lange für Nachwuchsförderung an den Schweizer Universitäten stark und begrüsst den Entscheid. «Indem die Universitätsleitung für die Nachfolge einer der profiliertesten Köpfe am Historischen Seminar eine Tenure-Track-Assistenzprofessur vorsieht, zeigt sie, dass es ihr Ernst ist, die akademischen Karrierewege für junge Forschende sinnvoller zu gestalten.»

Es sei ein Riesenproblem, wenn es bis nach der Habilitation unklar bleibe, ob etwas aus ihrer Uni-Karriere werde. «Haben Akademiker erst mit 40 die Chance, Karriere zu machen, sind viele bereits abgeschliffen und haben an Originalität verloren.» Hirschi nennt den britischen Historiker Quentin Skinner, der mit 27 seine erste Lebensstelle in Cambridge erhalten habe. Kritiker fanden, er sei nicht dank Leistung, sondern aufgrund von Versprechen gewählt worden. Diese habe er eingelöst: Er gelte heute als einer der bedeutendsten Historiker im europäischen Raum.

Damit der Strukturwandel zu Assistenzprofessuren gelinge, gilt es laut Hirschi zwei Dinge zu beachten. Bei der Besetzung der Assistenzprofessur müssten die gleichen Standards gelten wie bei einer ordentlichen Professur. «Es ist an Schweizer Universitäten schon öfters vorgekommen, dass Professoren meinten, eine Assistenzprofessur sei dafür da, ihren eigenen Assistenten in einer Nacht-und-Nebel-Aktion besser zu versorgen.» Zudem müsse die Universität das Geld, das sie mit der Umwandlung der Stelle spare, dem Historischen Seminar zur Verfügung stellen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2013, 07:27 Uhr

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Jakob Tanner
Einer, der sich einmischt

«Wir haben die besten Leute der Welt ausgewählt», verkündete Jean-Pascal Delamuraz am 19. Dezember 1996. Der Bundespräsident sprach von jenen neun Wissenschaftlern, welche die Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg aufarbeiten sollten: die Bergier-Kommission. Einer dieser neun «Weltbesten» war der Historiker Jakob Tanner, auf­ge­wachsen in Root LU, ursprünglich Lehrer, inzwischen Dozent an der Universität Bielefeld. Für die politische Rechte eine unverständliche Wahl: «Ein Marxist!», kritisierte Christoph Blocher – und verwies auf ein Buch, das Tanner in den 70er-Jahren veröffentlicht hatte. Darin hatte dieser eine marxistische Einführung zur damaligen Wirtschaftskrise verfasst. Tanner war damals politisch am linken Rand aktiv, arbeitete bei der Gründung der kommunistischen Partei Poch mit.

Die Bergier-Kommission nahm ihre Arbeit aber rund 20 Jahre später auf, und Tanner hatte sich als längst als Wissenschaftler etabliert. Er war auch nicht den Kommunisten beigetreten, sondern der SP. 1997, ein Jahr nach dem Start der Bergier-Untersuchung, ernannte ihn die Universität Zürich zum Professor für Allgemeine und Schweizer Geschichte der neueren und neuesten Zeit.

Tanners Reputation fusste damals auf seiner Dissertation. Was trocken klingt – «Bundeshaushalt, Währung und Kriegswirtschaft. Eine finanzsoziologische Analyse der Schweiz zwischen 1938 und 1953» – loben Historiker heute als Meilen­stein im Zuge einer kritischeren Auseinandersetzung mit der neuen Geschichte des Landes. Rechtsbürgerliche Kreise werfen Tanner dagegen vor, Geschichte zu verdrehen.

Bekanntestes Beispiel dafür ist eine pointierte Interview-Aussage: Tanner bezeichnete das Reduit, den Rückzug der Schweizer Armee in die Alpen während des Zweiten Weltkriegs, als «Demutsgeste» gegenüber Nazi-Deutschland. Damit verärgerte er – nebst rechten Politikern – auch viele Vertreter der Aktivdienstgeneration.

Heute gilt Tanner als Schwergewicht unter den Schweizer Historikern. Weggefährten wie der Basler Georg Kreis sehen in ihm ein «Ausnahmetalent, präzis, pointiert, kreativ». Seine Forschung hat sich ein Stück weit entpolitisiert, er betreibt Wissenschaftsgeschichte, forscht zu Ernährung, Drogen, Psychiatrie.

Trotzdem ist er einer geblieben, der sich einmischt – die Medien rufen ihn gern an, auch weil er Wissenschaft mit bissigen Analysen verbindet. Das Internet? Es «liefert Theoretikern der Verschwörung einen Hallraum» («Handelszeitung»). Der Zustand des Landes? «Switzerland For Sale» («Die Zeit»). Die SVP? «Bietet Globalisierungsverlierern eine Puurezmorge-Heimat» (WOZ).In solchen Momenten wird deutlich, weshalb man ihn früher den «roten ­Tanner» nannte. Mario Stäuble

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