Auf dem Rückweg aus der Ungewissheit

Nach der Schockdiagnose Hirnnerventumor und einer sechstündigen Operation arbeitet Klotens Romano Lemm am Comeback.

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Von Silvan Schweizer, Kloten

Es ist Trainingsschluss in Kloten, das Eis leert sich allmählich. Nur noch einige Junge feilen an ihrer Schusstechnik und wuchten Puck um Puck aufs Tor. Es ist der Zeitpunkt, da auch Romano Lemm aufs Feld gleitet. Er hat sich ein gelbes Trikot übergestreift, die Signalfarbe steht für: Dieser Mann darf keinesfalls gecheckt werden.

Knapp vier Wochen ist es her, dass beim 27-Jährigen ein gutartiger Nerventumor aus dem Kopf operiert wurde. Zum dritten Mal seither steht er nun auf dem Eis. Lemm versucht vorsichtig einige Richtungswechsel, dribbelt im Slalom um Pucks herum. Doch seine Bewegungen verraten, dass der begnadete Techniker noch nicht der Alte ist. «Sobald ich das Tempo anziehe, habe ich Mühe», sagt er. «Und wenn ich den Kopf rasch drehe, benötige ich länger, um die neue Situation zu erfassen. Die Koordination in meinem Kopf stimmt noch nicht ganz.»

Solidarität der Hockey-Schweiz

Trotzdem ist es erstaunlich, wie weit der Flyers-Stürmer in seiner Regeneration bereits ist. «Er trainiert schon fast besser wie ein durchschnittlicher, gesunder Mensch», bestätigt Fredy Rothen. Zusammen mit Klotens Fitnesscoach und dem beteiligten Arzt der Hirslanden-Klinik hat Lemm ein Programm zusammengestellt. «Es ist eine Mischung aus Kraft und Balance», sagt Rothen. Einerseits muss Lemm nach der Pause von Neuem Muskeln aufbauen, andererseits wurde durch den Eingriff sein Gleichgewichtssinn gestört.

Der Tumor hatte sich wohl schon vor drei Jahren zwischen Ohr und Schädelbasis eingenistet und wuchs seitdem kontinuierlich. Entdeckt wurde er, weil Lemm schon im September über einen leichten Tinnitus klagte. Ein MRI brachte dann die aufwühlende Diagnose. Doch Lemm gewann angesichts der guten Heilungschancen rasch Zuversicht. Und schon bald wurde er aus der ganzen Eishockey-Schweiz mit Mails und SMS überflutet, etwa wünschte der frühere Teamkollege Kimmo Rintanen aus Lugano gute Genesung. «Es war schön zu wissen, dass so viele Menschen an mich dachten», sagt Lemm.

Angst vor Nachwirkungen

Obwohl er auch schon bei einer Schulteroperation unter Vollnarkose gewesen war, wurde er nervöser je näher der Termin rückte. «Ich hatte von einem Typen gehört, der eigentlich nur an der Nase operiert wurde. Und dennoch nicht mehr aufwachte», erzählt Lemm. «Und wenn eine Operation am Kopf stattfindet, ist das Risiko natürlich immer grösser als anderswo.» Andere Patienten mit seinem Befund litten danach an Schwindelanfällen, Lähmungen im Gesicht, Schluckproblemen oder sie verloren auf der behandelten Seite gar das Gehör.

Lemm aber konnte schon bald nach der sechsstündigen Operation wieder normal gehen. «Es lief alles glatt. Der Arzt war sehr zufrieden. Und ich natürlich auch», erzählt er. Nur eine Narbe hinter dem linken Ohr zeugt heute vom Eingriff. Der Nacken schmerzt noch, vor allem nach dem Schlafen, weil da das Gewebe arg strapaziert und ihm eine Titanplatte eingesetzt wurde. Und der Tinnitus ging nicht weg, er könnte vielleicht für immer bleiben. «Der nervt mich aber nur, wenn es rundherum leise ist», sagt Lemm. «Wenn ich spreche oder Musik höre, ist das kein Problem.»Nach der Operation begab sich der Zürcher für eine Woche in eine Spezialklinik nach Leukerbad. Dort konnte er sich in Sprudelbädern entspannen und erste therapeutische Übungen absolvieren. Schon bald langweilte sich Lemm im Wallis jedoch. Im Rehabilitierungszentrum, das auch viele Rheuma-Patienten beherbergt, gehörte er zu den Jüngsten. Einmal kam Alain Brunold, mit dem er in der Kindheit einst in Urdorf gespielt hatte, aus Visp zu Besuch. Sonst aber fehlte ihm oft Gesellschaft. «Das Internet im Zimmer funktionierte nicht. Da musste ich mit meinem Computer halt in den Gang sitzen», klagt Lemm und lacht. «Es war ein erholsamer Aufenthalt. Aber länger hätte ich nicht bleiben wollen.»Seither arbeitet Lemm am Comeback. Er sagt von sich, er sei normalerweise ein geduldiger Mensch, aber auch: «Wenn ich keine Verbesserung spüre, werde ich schon kribbelig.» In seinem Hinterkopf geistert der Wunsch herum, bereits am Spengler-Cup wieder zu spielen. «Doch es ist eben nicht wie eine Knieverletzung», sagt Lemm. «Da hat man einen Plan, weiss genau, wann was möglich sein sollte. Jetzt muss ich viel mehr auf mein Gefühl achten.»

Vorgestern sah sich Lemm die Höhepunkte von NHL-Star Sidney Crosby an, und wie dieser nach langer Verletzungspause fulminant mit zwei Toren zurückkehrte. «Ein Comeback wie Crosby?», sagt Lemm und schweift gedanklich kurz ab, «das wäre nicht schlecht.»

Wenn das Training der Kollegen endet, fängt seines an: Romano Lemm war gestern zum dritten Mal nach der Operation auf dem Eis. Foto: Reto Oeschger

Erstellt: 29.11.2011, 06:24 Uhr

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