Auf dem schmalen Grat zwischen Antiquität und Abfall

Auf Fleedoo.ch werden alte Möbel, ausrangiertes Spielzeug und vieles mehr gratis angeboten. Der Herrliberger Unternehmer Philipp von Schulthess will damit gegen die Wegwerfmentalität kämpfen.

Philipp von Schulthess mit Programmiererin Harsha Chourey.

Philipp von Schulthess mit Programmiererin Harsha Chourey. Bild: Michael Trost

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Ein komplettes Wohnzimmer liesse sich mit Fleedoo einrichten. Ein Sofa und ein Holztischchen, Stühle, Lautsprecherboxen, CD-Ständer, ein TV und eine Stehlampe: alles Dinge, die auf dem Onlineportal Fleedoo.ch kostenlos angeboten werden.

Das Prinzip von Fleedoo ist bestechend simpel: Wer sein altes Sofa loswerden will, lädt ein Foto davon aufs Portal, gibt seine Kontaktdaten an und teilt mit, wann und wo das Möbelstück gratis abgeholt werden kann. Der erste Interessent, der sich meldet, bekommt den Zuschlag und holt das Sofa zum vereinbarten Zeitpunkt ab. Eine Registrierung ist weder für Käufer noch für Verkäufer vonnöten.

Edler Louis-Stuhl als Auslöser

Philipp von Schulthess hatte die Idee zu Fleedoo vor vier Jahren. Nach einem Abendessen schlenderte er durch das nächtliche Zürich – plötzlich fiel ihm vor einem Hauseingang ein edler, fein gearbeiteter Louis-Stuhl auf, der zur Mitnahme angeboten wurde. «Der Stuhl stand komplett abseits, kaum jemand beachtete ihn», erinnert sich der 33-Jährige. «Mir war klar, dass hier ein Potenzial vorhanden war für jemanden, der zwischen Angebot und Nachfrage vermitteln kann», erzählt von Schulthess.

Der studierte Betriebswirtschaftler, der heute als Werbefilmer arbeitet und sich früher schon mit Onlineplattformen beschäftigt hat, heckte daraufhin das Konzept zu Fleedoo aus. Der Portalname «Fleedoo» orientiert sich an Internetgrössen wie Google, Wilmaa oder Yahoo: leicht zu merken, mit prägnanten Doppelvokalen und in unterschiedlichen Sprachen einfach auszusprechen.

Bis zu 600 Besucher pro Tag

Aus Zeitgründen musste von Schulthess den Start mehrmals verschieben, bis er den Gratis-Flohmarkt diesen Sommer endlich online schalten konnte. Programmiert hatte er die Website gemeinsam mit der Stadtzürcher Informatikerin Harsha Chourey.

Heute stehen auf Fleedoo über 100 Gratisartikel zur Auswahl. «Tolle Angebote sind oft schon nach wenigen Stunden weg», sagt von Schulthess. Bis zu 600 Besucher verzeichnet die Homepage pro Tag, Tendenz steigend. Die meisten der Anbieter und Käufer stammen aus Zürich, aber auch im Aargau oder in Basel hat das Portal seine Anhänger.

Kein Müllentsorgung

Und natürlich finden sich auf Fleedoo immer wieder Skurrilitäten wie etwa eine 100-jährige Winde oder ausgetretene Fussballschuhe. «Es gibt natürlich Grenzen: Leuten, die Erotikartikel anbieten oder schlicht und ergreifend ihren Müll wegschaffen wollen, möchten wir keine Plattform anbieten», erklärt von Schulthess. «Deshalb kontrollieren wir alle Angebote nach dem Hochladen.»

Typische Fleedoo-Produkte hätten auf populären Auktionsportalen zwar kaum eine Chance, seien aber trotzdem noch nicht komplett wertlos. Als Beispiel nennt der Herrliberger seinen Mini-Disc-Spieler, den er als allererstes Fleedoo-Produkt hochgeladen hatte und der dann tatsächlich von einer Portalbesucherin abgeholt worden war. Auf Ebay hätte er dafür keinen Käufer gefunden, glaubt von Schulthess. Wegwerfen wollte er das Gerät aber nicht, auch wegen ökologischer Bedenken.

Ab 2011 Geld verdienen

«Mit unserem Portal möchten wir auch ein Zeichen gegen die grassierende Wegwerf-Mentalität setzen», erklärt von Schulthess. Fleedoo solle dazu beitragen, dass Dinge weitergereicht statt weggeworfen würden.

Noch arbeitet Fleedoo defizitär. Mit den Werbeeinnahmen können lediglich die Betriebskosten der Website gedeckt werden. Kommendes Jahr werde sich das ändern, schätzt Philipp von Schulthess und fügt an: Das schnelle Geld sei sowieso nicht sein Hauptantrieb, und manchmal müsse man als Unternehmer einen langen Atem haben. «Ich glaube an mein Projekt», betont der Herrliberger, der Fleedoo schon bald auf Französisch und Italienisch anbieten möchte.

Denn schliesslich sei seine Idee eines Onlineflohmarkts konkurrenzlos – im ganzen weiten Internet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.11.2010, 20:25 Uhr

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