Autismus als Erfolgsgarant

Eine Herrliberger Stiftung ermöglicht jungen Menschen mit Asperger-Autismus, eine Informatiklehre zu machen.

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Von Jacqueline Surer

Herrliberg – Jugendliche Autisten haben oft herausragende Begabungen. Insbesondere im IT-Bereich sind sie zu überdurchschnittlichen Leistungen fähig. Trotzdem bekommen sie nur schwer eine Lehrstelle. Eine Herrliberger Stiftung mit Sitz in Dietikon hat diese Lücke nun gestopft: Sie bietet jugendlichen Autisten die Chance, eine Ausbildung als Informatiker zu absolvieren. Mit dem Angebot hat die Stiftung offene Türen eingerannt.

Nicolas absolviert seinen ersten Schnuppertag in der Stiftung «Informatik für Autisten». Die Stiftung, die in Herrliberg gegründet wurde, ermöglicht jungen Menschen mit Asperger-Syndrom, eine Lehre als Informatiker zu machen. Es handelt sich dabei um eine autistische Störung, die sich vor allem in Kommunikationsschwierigkeiten äussert (siehe Kasten). Menschen mit Asperger-Syndrom verfügen oftmals über ein überdurchschnittliches Zahlenverständnis, hohe Intelligenz und die Fähigkeit, komplexe, sich wiederholende Aufgaben zu lösen. Der Computer ist für sie als Arbeitsgerät ideal.Nicolas drückt auf den Bildschirmknopf. Nichts passiert. Er drückt den Knopf noch einmal. Nichts. Der Monitor bleibt schwarz. Ausbildungsleiter Roland Kornus schaut ihm über die Schulter. «Vergleich den Computer mal mit einem, der funktioniert.» Nicolas zottelt in ein anderes Büro und kehrt mit einem Verbindungskabel zurück. Er kriecht unter den Schreibtisch, montiert den Stecker – und der Monitor beginnt zu leuchten.

Zermürbende Lehrstellensuche

Sichtbar ist die Behinderung nicht. Wer durch die Räume der Stiftung geht, wähnt sich in einer normalen Büroetage: In den Räumen arbeiten immer zwei bis vier junge Männer still an ihren Computern. Roland Kornus, Ausbildungsleiter der Stiftung, bestätigt diesen Eindruck: «Bei manchen dauert es länger, bis man feststellt, mit welchen Schwierigkeiten sie zu kämpfen haben.»

Für Jugendliche mit Asperger-Autismus ist die Lehrstellensuche eine zermürbende Angelegenheit. In einer geschützten Werkstatt fühlen sie sich unterfordert, in einer regulären Berufsausbildung überfordert. Von diesem Dilemma erfuhr vor drei Jahren der Herrliberger Wirtschaftsinformatiker und IT-Unternehmer Siegfried Wirtner. Die Mutter eines Sohnes mit Asperger-Syndrom hatte ihn gebeten, ihrem Jungen eine Lehrstelle im Informatikbereich zu vermitteln. «Ich stellte schnell fest, dass es im Kanton Zürich kein entsprechendes Angebot gab», sagt Wirtner. Er beschloss, die Lücke selber zu füllen.

Ausbildungsangebot boomt

Im Sommer 2009 startete Wirtner den ersten Ausbildungstestlauf mit sechs Lehrlingen. Als Schulungszentrum diente sein Privathaus in Herrliberg. Das neue Angebot stiess schnell auf grosses Interesse: Ein Jahr nach Beginn des Pilotprojekts bewilligte die Invalidenversicherung, welche die Berufsausbildung finanziert, neun zusätzliche Ausbildungsplätze. Die Stiftung musste zusätzliche Schulungsräume in Feldmeilen beziehen. Auch hier wurde der Platz knapp. Als im letzten Sommer zwölf weitere Lehrlinge dazukamen, zügelte die Stiftung mit Sack und Pack in eine 600 Quadratmeter grosse Büroetage in Dietikon. Und die Stiftung wächst stetig weiter: Bis Sommer 2012 wird die Zahl der Lehrlinge voraussichtlich auf 40 steigen.

Nicolas sitzt vor einem Berg einzelner Computerteile. Festplatten, Kabel, Laufwerke. «Für die Neuen ist das immer die erste Aufgabe», sagt Roland Kornus. «Einen Computer auseinandernehmen und ihn dann wieder zusammenbauen. So, dass er am Schluss funktioniert.» Mit der fachlichen Ausbildung der Lehrlinge ist es in der Stiftung aber nicht getan. «Unser Ziel ist, die Jugendlichen für eine Anstellung im regulären Arbeitsmarkt fit zu machen», sagt Siegfried Wirtner. «Dazu gehören auch gewisse soziale Fähigkeiten. Bei manchen, die hier frisch ankommen, fehlen die.» Ein Sozialkompetenztraining ist deshalb fixer Bestandteil der Ausbildung.

Chance im Arbeitsmarkt

Der zwischenmenschliche Umgang wird auch im Alltag geübt: So gehört das gemeinsame Mittagessen zum täglichen Ritual. «Bei vielen Jugendlichen stand die Behinderung bisher immer im Zentrum», sagt Wirtner. «Hier ist das anders. Wir behandeln sie wie normale Lehrlinge.»

Ob die Jugendlichen am Ende ihrer wahlweise zwei- oder vierjährigen Lehre im regulären Arbeitsmarkt eine Chance haben, wird die Zukunft zeigen. Noch hat keiner die Ausbildung abgeschlossen. Wirtner ist zuversichtlich. Damit die Lehrlinge die Bedingungen in der realen Arbeitswelt kennen lernen, hat der Herrliberger in verschiedenen Firmen Praktikumsplätze akquiriert. Fixe Partner sind die Allianz-Suisse-Versicherung und die ETH Zürich. Mit der Swiss Re und dem Reiseunternehmen Kuoni steht Wirtner derzeit in Verhandlung.

Hört man den IT-Unternehmer über seine Schützlinge sprechen, wird klar, warum er seine anderen Tätigkeiten zugunsten der Stiftung immer weiter zurückstellt: Hier ist einer mit Herzblut am Werk. So war Wirtner auch besonders stolz, als vier Lehrlinge ankündigten, eine gemeinsame WG gründen zu wollen. Er vermittelte ihnen eine Wohnung in der Nähe des Lehrbetriebs. Die Kosten für die Miete trägt die Stiftung.

Gemeinsames Mittagessen

In den Büroräumen in Dietikon riecht es nach Pasta und Tomatensauce. Die Köchin bereitet in der Küche das Mittagsmenü zu. Langsam versammeln sich die Jugendlichen einer nach dem anderen am Esstisch. Nicolas schraubt immer noch konzentriert an seinem zerlegten Computer herum. Als ihn jemand zum Essen ruft, schaut er nicht einmal auf. www.informatik-und-autismus.ch

Das nach dem österreichischen Mediziner Hans Asperger benannte Asperger-Syndrom ist eine schwache Form von Autismus, die sich häufig in Kontakt- und Kommunikationsschwierigkeiten äussert. «Aspies», wie sich die Betroffenen selber nennen, tun sich oft schwer im Umgang mit anderen Menschen, weil sie nonverbale Signale nicht erkennen können. Umgekehrt verfügen sie über besondere Wahrnehmungsfähigkeiten und Gedächtniskapazitäten.

Die Asperger-Diagnose gibt es erst seit 1996. Dass aus der Behinderung ein Wettbewerbsvorteil werden kann, zeigt eine Liste bekannter Persönlichkeiten, die von Experten als Asperger-Personen eingestuft werden: Microsoft-Gründer Bill Gates, der US-Regisseur Steven Spielberg oder der Physiker Albert Einstein. (jsu)

Siegfried Wirtner investiert viel Herzblut in seine Stiftung. Foto: Reto Schneider

Erstellt: 04.01.2012, 06:22 Uhr

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