Bei bunten Buchstaben haben Legastheniker den Durchblick

Stäfner Schüler haben ein raffiniertes Programm gegen Lese- und Rechtschreibschwäche getestet. Mit Erfolg.

Lesen und Schreiben ist nicht für alle leicht: Legasthenikern kommt jetzt aber eine neue Software zu Hilfe.

Lesen und Schreiben ist nicht für alle leicht: Legasthenikern kommt jetzt aber eine neue Software zu Hilfe. Bild: Keystone

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Ferpassen. Oder auch verpassen. Für Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche ist nicht so offensichtlich, ob ein Wort mit F oder mit V geschrieben wird, wenn sie die Buchstaben bloss schwarz auf weiss vor sich haben.

Ganz anders, wenn den einzelnen Buchstaben verschiedene Farben, Formen und Strukturen zugeordnet sind. Ist das V beispielsweise gelb und das F blau, dann prägen sich Legastheniker die Buchstaben zusammen mit einer Farbe ein. Auf diese Weise fällt es ihnen leichter, sich zu merken, wie man «verpassen» korrekt schreibt.

Gratis als Testgemeinde dabei

Die Schüler des Stäfner Schulhauses Kirchbühl haben während des letzten Jahres die Software Dybuster getestet, die Legastheniker unterstützen soll. Auf das Programm gestossen ist die im Kirchbühl tätige Heilpädagogin Judith Frei auf der Suche nach geeigneten Hilfsmitteln für Legastheniker. Man machte sich bereits Gedanken über die Anschaffung der Software, als die Firma Dybuster anbot, Stäfa gratis als Testgemeinde einzusetzen.

Die Firma ist noch jung. Christian Vögeli ist Geschäftsführer des ETH-Spin-off und hat die Software entwickelt. Vögeli ist Informatiker. Wie ein Informatikproblem ging er auch das Legasthenieproblem an. Funktioniert die Wissensaufnahme auf einem Kanal nicht, versucht man, einen anderen Kanal zu nutzen. Vögeli hat deshalb den schwarzen Buchstaben Farbe, Form und Struktur gegeben. In einem ersten Spiel des Programms Dybuster erscheint jeweils ein farbiger Buchstabe. Erscheint zum Beispiel ein grünes Q, gilt es, auf der Farbpalette unterhalb des Buchstabens die Farbe Grün anzuklicken. Je länger man das Spiel spielt, desto blasser wird die Farbe der Buchstaben, bis sie irgendwann farblos sind und man sie auswendig zuordnen muss.

Grafische Darstellung von Wörtern

«Bei der Zuordnung des Alphabets zu acht Grundfarben haben wir darauf geachtet, dass Buchstaben, die Legastheniker oft verwechseln, also p und b oder d und b, nicht dieselbe Farbe haben», erklärt Vögeli. Beherrschen die Kinder das Farbsystem, geht es im zweiten Spiel um Form und Struktur. Indem man ein Wort per Mausklick in seine Silben teilt, ergibt sich eine grafische Darstellung. «Legastheniker haben Mühe, Dinge von links nach rechts zu verarbeiten», sagt Vögeli. Mit der Silbentrennung bekommen die Wörter eine neue Struktur.

In einem dritten Lernschritt sagt das Programm ein Wort, der Benutzer muss es schreiben. Auf dem Bildschirm tauchen die Silbenstruktur des Wortes sowie ein farbiger Punkt für jeden Buchstaben auf. Der Benutzer weiss somit, dass das Wort «verpassen» drei Silben hat, dass es mit einem gelben Buchstaben anfängt und es irgendwo einen Doppelbuchstaben hat. Auf diese Weise prägt sich das Kind mit der Zeit ein, dass man «verpassen» mit v und zwei s schreibt. Ein weiterer Vorteil von Dybuster ist, dass sich das Programm die spezifischen Fehler eines Benutzers merkt und diese Schwierigkeiten beim nächsten Spiel wieder einbaut.

An allen Schülern getestet

Dybuster wurde im Stäfner Schulhaus Kirchbühl bei 4.- bis 6.-Klässlern getestet, und zwar bei allen Schülern, nicht nur solchen mit einer Lese- und Rechtschreibschwäche. Die Hälfte der Klassen hat die Software jeweils benutzt, die andere Hälfte nicht. Am Ende der Testphase führten die Lehrkräfte Rechtschreibtests durch, deren Resultate einen klaren Erfolg zeigten. Die Schüler, die mit Dybuster gearbeitet hatten, verbesserten sich um 30 Prozent, während die andere Hälfte sich sogar leicht verschlechterte.

Die Stäfner Heilpädagogin Frei kann die Studienergebnisse bestätigen. Auch auf die Lesefertigkeit habe die Benutzung von Dybuster positive Auswirkungen gehabt, weil ja mit der Silbentrennung gearbeitet werde. Eltern und Lehrpersonen hätten zudem beobachtet, dass Dybuster für Kinder mit ADHS ein gutes Instrument zur Steigerung der Konzentrationsfähigkeit sei. Die Akzeptanz bei den Eltern sei gross gewesen. Immerhin mussten sie sich verpflichten, mit ihren Kindern vier wöchentliche Trainingseinheiten à 20 Minuten durchzuarbeiten. «Nur einige wenige, hielten ihre Verpflichtung nicht ein», sagt Frei.

Gleiche Fähigkeiten über andere Kanäle

Auch für ihre eigene Arbeit sei die Software eine Erleichterung. Da die Schule die Trainingseinheiten per Internet überwachen kann, weiss die Heilpädagogin, welche Fehler ein Kind macht, und kann spezifisch darauf eingehen, zum Beispiel bei Diktaten. Frei hat auch Intelligenztests gemacht mit ihren Schülern, weil sie wissen wollte, ob Kinder mit guten kognitiven Fähigkeiten bei Dybuster besser abschneiden.

«Es gab keine grossen Unterschiede», sagt Frei. Das zeige, dass Legastheniker gleich gut lesen und schreiben lernen könnten, für die Erwerbung dieser Fertigkeiten aber andere Kanäle bräuchten. Dybuster sei aber kein Wundermittel. «Am Anfang scheint das Programm sehr attraktiv, aber irgendwann wird es zur Knochenarbeit – denn ohne Üben geht es nicht.»

Mehr Nachrichten und Hintergründe vom rechten Seeufer gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an staefa@tages-anzeiger.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.09.2010, 20:38 Uhr

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