Bio-Baumwolle im Schweinezyklus

Das Problem wird gerne verschwiegen in der Branche. Es geht um den grossen Angebotsüberhang an Biobaumwolle, also Cotton aller Fasertypen, bei deren Anbau die Prinzipien der organischen Landwirtschaft nach EU- oder US-Standard eingehalten werden. Dabei hatten Verarbeiter, Detailhändler und Nonprofit-Organisationen jahrelang auf eine Ausdehnung der Produktionskapazitäten hingearbeitet. Die hohen Prämien hatten die Bauern gelockt.

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Da die Anbauflächen für Biobaumwolle erst nach einer Umstellungsperiode von zwei bis drei Jahren zertifiziert werden können, zeigen sich die Folgen zeitverzögert. Erst gab es Mangel und hohe Preise, jetzt Überschuss zur Unzeit. Ein sogenannter Schweinezyklus hat begonnen. Erstmals warnt der Branchenverband Organic Exchange Baumwollfarmer gar davor, Biobaumwolle anzupflanzen, ohne dass dafür feste Abnahmeverträge vorliegen. Auch über neue Handelsformen und Biotechnologie wird nachgedacht. Findet in der Bio-szene eine Revolution statt?

Purzelnde Preise

Die Branche befindet sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium und deckt trotz hoher medialer Präsenz winzige 0,6 Prozent des weltweiten Baumwollmarktes ab. Aktuelle Preisentwicklungen sind nicht direkt ersichtlich, Biobaumwolle wird nur physisch, nicht an Börsen gehandelt. Doch der Preisverfall ist markant. Die Aufschläge von 40 bis 50 Prozent im Verhältnis zu konventioneller Ware, die man früher Farmern zahlte, seien auf rund 15 Prozent gefallen, sagt Jitender Kumar vom indischen Weiterverarbeiter Alok Industries. Im Handel werde Bio-Cotton zu minimen Aufschlägen von nur 2 bis 5 Prozent angeboten, berichtet die Remei in Rotkreuz ZG, einer der wichtigsten Player im Geschäft. Man beobachte eine Angleichung an die Preise konventioneller Ware, sagt auch der bedeutende Cotton-Händler Reinhart aus Winterthur.

Dabei wuchs der Absatz bisher phänomenal: Weltweit stieg er 2007 um 83 Prozent, 2008 nochmals um 63 Prozent. Jetzt aber steigt die Nachfrage nicht mit dem fallenden Preis. Dieses Jahr wird maximal ein Plus von 20 Prozent erwartet.

Grosse Endkunden wie Coop Naturaline, die vor allem von Remei beliefert werden, wollen nicht von kurzfristigen Preisen profitieren. Der eigene Weg sei langfristig angelegt, ebenso wie die geltenden Abnahmeverträge und die festen Prämien von 15 Prozent für die Farmer. Man habe im letzten Jahr den Naturaline-Umsatz um 5 Prozent gesteigert, und dies plane man auch 2009. Auch die Kleidermarke Switcher, die ab 2011 vollständig organisch produzieren will und zurzeit 25 Prozent ihrer Baumwolle in Bioqualität bezieht, winkt ab. Man könne nicht kurzfristig einkaufen, Biobaumwolle erfordere einen gewissen Erfahrungsaufbau.

Ab dem zweiten Quartal 2008 summierten sich die Lagerbestände innerhalb der Wertschöpfungskette von Spinnerei bis Näherei bis Anfang 2009 auf 42 000 Tonnen. Dies schreibt das statistische Zentralorgan der Branche, der Marktreport des Nonprofit-Fachverbandes Organic Exchange.

150 Prozent mehr produziert

Die Überschüsse der vergangenen Saison beruhen auf einer massiven Produktionsausweitung von 152 Prozent. Vor allem Indien, Syrien und die Türkei haben massiv mehr produziert. Jetzt ist die Pipeline voll, und der Druck der Anbauer steigt weiter, wie aktuelle Schätzungen von Simon Ferrigno von Organic Exchange zeigen: Fast 178 Megatonnen Organic Cotton erwartet er für die laufende Saison, ein Plus von 22 Prozent. In Kombination mit dem Lagerbestand und dem erwarteten Absatz dürfte sich das massive Ungleichgewicht verschärfen. In Indien gebe es bereits Bauern, die auf Bio umstellten, nun aber zurückruderten, meint Jitender Kumar aus Mumbai. Organic sei eine unsichere Luxusware.

Besonders die afrikanische Ware bleibe liegen, sagt Ferrigno. Wer seine Organic- oder Fairtrade-Baumwolle nicht verkaufen könne, bringe diese zu konventionellen Preisen auf den normalen Markt, heisst es bei Max Havelaar. Trotz grossem Absatzzuwachs konstatiert auch die Fairtrade-Initiative einen zu grossen Nachschub.

Ein gebrochenes Versprechen?

Hatte man nicht Bio- und Fairtrade-Bauern ein sicheres Auskommen versprochen? Und Nachhaltigkeit? Handel als Hilfe, hiess die Idee. Auch für das hiesige Staatssekretariat für Wirtschaft Seco war das ein Grund, zusammen mit der Entwicklungsorganisation Helvetas den Anbau und die Vermarktung von Bio-Cotton in Westafrika zu fördern.

Seit Jahren habe sie die Nonprofit-Organisationen vor zu kurzfristig gedachter Angebotsförderung gewarnt, sagt eine Ökonomin, die zu diesem «stark moralisierten» Sektor forscht und lieber anonym bleiben will. Als die Abnehmer zu Beginn der globalen Wirtschaftskrise ihre Kaufvereinbarungen nicht einhielten, habe der Überhang begonnen.

Mark Starmanns, Spezialist für fairen Handel an der Uni Zürich, nimmt auch die Konsumenten in die Pflicht: Diese sollten eher Bioware kaufen. Aber dies sei schwierig, so Starmanns, wenn nur wenige Modebrands attraktive Organic-Ware anböten und die jeweiligen Labels nur wenigen Konsumenten bekannt seien. Deshalb tragen die Unternehmen eine Mitverantwortung. Aus seiner bald erscheinenden Studie schliesst er: «Kleine Schweizer Mode-Labels glauben, dass die Konsumenten kein grosses Interesse an Bio-mode haben.»

Der Absatz schwächele doch gar nicht, moniert hingegen Hans-Peter Egler vom Seco, er könnte lediglich noch stärker zulegen. Der allgemeine Biotrend sei ungebrochen. So hoffen das auch die Akteure der Branche. Die drei grössten Abnehmer Wal Mart, C&A und Nike, die zusammen 50 Prozent der weltweiten Nachfrage ausmachen, bekennen sich auf jeden Fall zu weiterer Expansion. An einer Fachkonferenz diesen Herbst in Seattle zeigt sich rege Teilnahme, unter anderem auch von Disney und Adidas.

Die Bio-Zukunft wird anders

In der Schweiz schätzt man, dass der Bio-Marktanteil von derzeit fünf auf bis zu zehn Prozent steigen wird. Gemäss internen Zahlen der Helvetas sieht der Absatz der westafrikanischen, biologisch und zugleich fair zertifizierten, hochpreisigen Baumwolle aus ihren Förderungsprojekten relativ gut aus. Etwa 13 Prozent der Ernte warte noch auf einen Käufer, man verhandle bereits. Mitte 2010 seien die Märkte wieder geräumt.

Alok Industries denkt gar, dass die Prinzipien des Bioanbaus langfristig zum Industriestandard würden. Dies aber nur, wenn man auch den wirklich grossen Wachstumsmarkt genetisch veränderter Baumwolle miteinbeziehe. 54 Prozent aller 2008 verwendeten Baumwolle sei bereits Biotech gewesen. Ein Paradigmenwechsel in der Branche, ebenso wie die Einführung eines Spotmarktes für Bio-Cotton, den die meisten befragten Parteien nun befürworten. Eine Börse könnte dem bislang intransparenten Markt die Signale zur Glättung von Schwankungen in der Produktion liefern. Und auch bei den Entwicklern von Standards feilt man an besserem Marketing.

Während die Bauern in Indien und anderswo auf bessere Zeiten hoffen, versuchen Helvetas, Seco und private Anbieter wie Coop und Switcher mit einer Plakatkampagne die Konsumenten für das Thema biofaire Textilien zu sensibilisieren. Den ersten Kunden beriet Helvetas schon vorher. Die Stadtpolizei Zürich trägt seit Anfang dieses Jahres hundertprozentig biofaire Hemden. In einer Spinnerei im indischen Bundesstaat Tamil Nadu wird ökologische Baumwolle hergestellt, möglicherweise fehlen dafür aber nun die Abnehmer. Foto: Fabian Zapatka (laif)

Erstellt: 20.10.2009, 02:02 Uhr

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