Blaues Blech für grosse Köpfe

Zürichs Strassennamen passen nicht allen. Doch sind sie äusserst stabil und trotzen Moral und Politik.

Erinnerungen an Zürichs frühere Tage: Rudolf Brun-Brücke

Erinnerungen an Zürichs frühere Tage: Rudolf Brun-Brücke Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ein «historisches Fehlurteil und neuerliches Unrecht» droht. Das prophezeit Simon Kälin, Gemeinderat der Grünen. Er will, dass in Zürich eine Strasse oder ein Platz nach Maurice Bavaud benannt wird, dem Neuenburger Theologiestudenten, der 1938 Hitler erschiessen wollte, vor der Tat jedoch gefasst und drei Jahre später hingerichtet wurde. «Bavaud hat sein Leben für alle Schweizerinnen und Schweizer geopfert. Er ist damit eine Symbolgestalt helvetischer Freiheitsgeschichte und verdient eine öffentliche Würdigung in unserer Stadt doch mindestens ebenso sehr wie etwa ein General Wille oder General Guisan.»

Warum betont Gemeinderat Simon das? Weil die städtische Strassenbenennungskommission keinen Bavaud-Platz will mit dem Argument, Bavaud fehle der Bezug zu Zürich. Allerdings fehlt der auch beim Waadtländer Henri Guisan, und Ulrich Wille kam aus Meilen. Überhaupt sind die Zürcher Strassentafeln gespickt mit Auswärtigen, die von Zürich nie etwas gehört haben oder die Stadt höchstens vom Umsteigen auf der Reise in den Süden kannten: Jupiter (römischer Gott/Jupiterstrasse in Hirslanden/Hottingen), André-Marie Ampère (französischer Physiker/Ampèrestrasse in Wipkingen), James Watt (Erfinder der Dampfmaschine/Wattstrasse in Oerlikon), Ludwig van Beethoven (Komponist/Beethovenstrasse in der Enge), Georg Ohm (Benenner des elektrischen Widerstands/Ohmstrasse in Oerlikon), Christian Fürchtegott Gellert (deutscher Dichter geistlicher Lieder/Gellertstrasse in Fluntern) und viele, viele mehr.

Kosaken in Seebach

Diese Strassen erhielten ihre Namen in der Regel nach der ersten und zweiten Eingemeindung, als Zürich seine Nachbardörfer schluckte oder diese sich freiwillig unter den Schirm der reichen Stadt drängten. Fast jedes dieser Dörfer hatte eine Zürichstrasse, einen Bergweg oder ein Am Bach. Adressen in einer Stadt müssen aber Unikate sein, weshalb die Strassenbenennung damals viel zu tun hatte und nach allem griff, was auf einer Strassentafel Platz fand. Darunter auch Vornamen ohne Bezug zu irgendeiner konkreten Person, weder aus Zürich noch sonstwo: Agnes-, Berta-, Elsa-, Gerhard-, Gerold-, Ulrichstrasse usw..

Mittlerweile sind die Eingemeindungen längst vorbei, Zürichs Strassen sind benannt, neue kommen nur noch wenige hinzu – und für die nimmt sich die Benennungskommission unter Vorsitz des Polizeivorstehers, der -vorsteherin viel Zeit und Mühe. Wenn immer möglich werden historische Bezüge hergestellt, denn Strassennamen können Teil des öffentlichen Gedächtnisses sein. Der Kosakenweg zum Beispiel erinnert an die Kosaken, die 1799 während der Schlacht bei Zürich ihr Lager in Seebach aufschlugen.

Der Kosakenweg erhielt 1923 seinen Namen und blieb seither unbehelligt. Was durchaus erstaunen kann, denn die Öffentlichkeit ist heute moralisch empfindlicher. Haben die Kosaken damals keine Gräuel begangen? Gestohlen und gemordet? Genau dies warf SP-Gemeinderat Dominik Schaub vor einigen Jahren dem ehemaligen Bürgermeister Rudolf Brun vor: Brun habe 1349 nicht nur das Massaker an den Zürcher Juden toleriert, sondern sich auch das Haus eines Ermordeten unter den Nagel gerissen. Zum Gedenken der jüdischen Opfer verlangte Schaub die Umbenennung der Rudolf-Brun-Brücke in Moses-ben-Menachem-Brücke, den Rabbi der jüdischen Gemeinde.

Das Parlament lehnte Schaubs Postulat zwar ab, doch der Stadtrat berücksichtigte das Anliegen wenig später mit der Synagogengasse in der Altstadt. Nach der SP entdeckte auch die Alternative Liste die Moral auf der Strasse und verlangte eine Ergänzung auf der Tafel der Jakob-Burckhardt-Strasse in Höngg. Auf dieser sollte nicht nur an die Professur des Basler Historikers an der ETH erinnert werden, sondern auch an seine antisemitischen Äusserungen. Aber der Gemeinderat zeigte kein Interesse.

Wilhelm Tell gegen Europa

Doch nicht nur die Linke wollte Strassentafeln aufstellen. Die Schweizer Demokraten forderten eine Ehrung von Nationalrat James Schwarzenbach, dem «Vorkämpfer der patriotischen Bewegung in der Schweiz». Und die SVP in Gestalt ihrer führenden Köpfe Roger Liebi und Mauro Tuena wollte die Europaallee neben dem Hauptbahnhof in Wilhelm-Tell-Allee umbenennen – als Zeichen eines «unverkrampften nationalen Selbstbewusstseins». Beide Versuche schlugen fehl, Zürich hat heute keine James-Schwarzenbach-Strasse, dafür einen Annemarie-Schwarzenbach-Weg. Und auch keine Wilhelm-Tell-Allee als Widerstand gegen die Europäische Union, dafür seit 1881 eine schlichte, unpolitische Tellstrasse.

So zeigen sich die Zürcher Strassentafeln zwar politisch und moralisch umstritten, doch in ihrem Bestand äusserst stabil. Das musste Anfang der 90er-Jahre auch SP-Stadtpräsident Josef Estermann erfahren: Er wollte Max Frisch mit einem Platz ehren und schlug der Strassenbenennungskommission den Heimplatz vor, seit 1892 benannt nach Ignaz Heim, dem Förderer des Volksgesangs. Estermann hatte gute Gründe: Frisch ist im nahen Hottingen aufgewachsen, hat mehrere seiner Stücke im Schauspielhaus am Heimplatz uraufgeführt und niemand in Zürich sagt Heimplatz, nicht einmal die VBZ, deren Haltestellen dort Kunsthaus heissen.

Doch die Kommission unter SP-Stadtrat Robert Neukomm weigerte sich. Weniger aus Respekt vor Ignaz Heim (1818-1880), sondern aus Furcht vor dem Volksmund. Denn dieser sagt dem Platz seit jeher Pfauen und gegen den Volksmund hätte selbst Max Frisch keine Chance. Jetzt erhält er seinen Platz neben dem Bahnhof Oerlikon.

Baumwolle aus Wipkingen

Trotz der enormen Stabilität der Strassennamen – zwei Umbenennungen gabs im letzten Jahrzehnt: Der pädagogisch ambitionierte, rot-grüne Stadtrat wollte Wipkingen den Kattunpark aufzwingen, um auf ewig daran zu erinnern, dass es im Quartier Baumwolldruckereien gegeben hatte – Kattun wie Baumwolle. Doch die Wipkinger beharrten geschlossen auf dem volkstümlichen Wipkingerpark, bis der Stadtrat nachgab.

Und 2011 wurde einem Promienten sogar die Ehrung durch eine Strassentafel wieder aberkannt: Le Corbusier, der grosse Architekt, der sich dem nazitreuen Vichy-Regime in Frankreich angedient hatte. Nach ihm sollte ein geplanter Platz in der Überbauung Europaallee heissen. Doch als die Vorwürfe des Antisemitismus auftauchten, machte die Strassenbenennungskommission unter Daniel Leupi (Grüne) kurz entschlossen aus dem Le-Corbusier-Platz den Europaplatz. Weil es diesen aber noch nicht gibt und deshalb auch keine Strassentafel abmontiert werden musste, ist es nur eine halbe Umbenennung. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.06.2013, 10:16 Uhr

Artikel zum Thema

Maurer erinnert Auns an General Guisan

Vor rund 1000 Auns-Mitgliedern und Anhängern hat Bundesrat Ueli Maurer am Samstag in Bern den Sonderfall Schweiz verteidigt und den General hochleben lassen. Mehr...

Max Frisch ist auch ein Zug

Heute ist der 20. Todestag von Max Frisch. Tagesanzeiger.ch/Newsnet zeigt, wie und wo der Schweizer Schriftsteller weiter wirkt. Mehr...

«Max Frisch war stets an meiner Seite»

Barbara Honigmann, in Ost-Berlin aufgewachsen, lebt in Strassburg. In ihren Romanen setzt sie sich mit ihrer jüdischen Familiengeschichte auseinander. Am Sonntag erhält sie in Zürich den Max-Frisch-Preis. Mehr...

Durfte die Brücke trotz Kritik behalten: Rudolf Brun. (Bild: PD)

Kein Bezug zu Zürich, aber ein Quai: General Henri Guisan. (Bild: Keystone )

Stolperte über Antisemitismusvorwürfe: Le Corbusier. (Bild: Keystone )

Chancenlos am Pfauen, jetzt in Oerlikon: Max Frisch. (Bild: Keystone )

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Paid Post

Ein Geschenk, das lange Zeit Freude bereitet

Was soll ich denn bloss diese Weihnachten schenken? Mit fondssparplan.ch bietet sich die Chance, langfristig angelegte Freude zu bescheren.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Umstrittene Staatsoberhäupter: Bewohner von Pyongyang verneigen sich zu Ehren des siebten Todestags des nordkoreanischen Dikdators Kim Il Sung vor seiner Statue und deren seines Nachfolgers Kim Jong Il. (17. Dezember 2018)
(Bild: KIM Won Jin) Mehr...