Blochers Schwiegersohn drängt es ins Rampenlicht

Roberto Martullo tut fast alles für etwas Aufmerksamkeit. Jetzt kandidiert er für die SVP Meilen auf einem aussichtslosen Listenplatz für den Kantonsrat.

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Von Lorenzo Petrò

Meilen – Roberto Martullo trägt Perücke, Sonnenbrille und karierte Schlaghosen. Brusthaar, umwallt von den hellblauen Rüschen seines Hemdes, quillt allen entgegen, die der Meilemer SVP-Präsident begrüsst. Es ist Fasnacht, allerdings nur bei ihm – Martullos Parteikollegen sind in Anzug und Hemd zum Salvator erschienen, dem Politsatire-Abend im Meilemer Gasthof Löwen. Man komme «verkleidet», hatte man abgemacht – Martullo hats als Einziger wörtlich genommen. Doch der Schwiegersohn von Christoph Blocher macht das Beste draus. Im Paradiesvogel-Outfit schüttelt er umso emsiger Hände. Auch wenn ihn die wenigsten erkennen unter seinem Fummel.

Er hat es nicht unbedingt leicht, der Martullo, aber Mut, den hat er. Parteikollegen sagen es mit Bewunderung, seine Gegner mit spöttischem Unterton. Anerkennen müssen beide, dass der 49-Jährige eine Blitzkarriere hingelegt hat. Vor seiner Heirat mit Magdalena Martullo, Tochter von SVP-Übervater Christoph Blocher, vor 11 Jahren war er noch nicht einmal in der Partei – seit einem Jahr ist er Präsident der SVP-Ortssektion, und jetzt lacht er von jeder zweiten Plakatwand im Bezirk.

Ausländer und Scheininvalide

Martullo macht Wahlwerbung wie kein anderer. Dabei steht sein Name zuunterst auf der SVP-Liste für den Kantonsrat: Platz 13. Seine Chancen sind gleich null. Und ausgerechnet die Ausländer hat sich der Sohn italienischer Gastarbeiter zum Thema gemacht. «22 Prozent sind genug», sagt er. Statt Sixties-Kostüm trägt er beim Gespräch ein weisses Hemd, eine rote Krawatte und einen dunklen Anzug. Braun gebrannt, das Haar kurz geschoren, wirkt Martullo zwar eleganter als seine Parteikollegen am Vorabend, aber wie er da am Esstisch sitzt, macht er mehr den Eindruck eines Versicherungsvertreters als den eines Hausherrn. Das Haus – ein Anwesen eher – scheint eine Nummer zu gross. Eine Kirschlorbeerhecke, von Martullo persönlich zum perfekten Rechteck geschnitten, trennt es von der Strasse. Vom Wohnzimmer aus geniesst man den Rundumblick über den Rasen, vorbei an Rosen und Buchsbäumchen in die Berge. Man ahnt es, hier wohnten Martullos Schwiegereltern, bevor sie nach Herrliberg zogen.

Je nach Zählart, fährt Martullo fort, der Dialekt auf halbem Weg zwischen Wohlen und Zürich stehen geblieben, sei man bereits bei 30 Prozent Ausländern angelangt. «Jetzt heisst es konsolidieren», sagt er, die Stimme fest, als müsste er einen ganzen Gemeindesaal überzeugen. Martullo will keine Person aus dem Ausland mehr reinlassen, bis der Anteil an der Gesamtbevölkerung wieder ein gesundes Mass angenommen hat. Die Parteispitze sei da viel zu zögerlich.

Martullo ist kein Mann der feinen Töne. Im Wahlkampf um die Gemeinderatssitze vor einem Jahr hat er zusammen mit Parteisekretär Yves Gadient den Zweihänder ausgepackt und gegen den bürgerlichen «FDP-Filz» gewettert. «Mutig» nannten das viele. Aber auch in den eigenen Reihen meinten sie damit eigentlich «ungeschickt». Und sie behielten recht: Die Meilemer SVP scheiterte fulminant, sie hat gar einen Sitz im Gemeinderat verloren.

Nun sind es also die Ausländer, die dranglauben müssen. Als Thema scheint dies weniger heikel, deshalb trägt Martullo dick auf: Mit einem Einwanderungsstopp liesse sich auch gleich das Problem der gestiegenen Gesundheitskosten und der teuren Mieten lösen, ist er überzeugt. Schliesslich seien 80 Prozent der Spitalpatienten Ausländer. Und die Schweizer unter den Scheininvaliden könne man an einer Hand abzählen. Eine Tatsache, die die Krankenkassen verschweigen würden. Woher er diese Zahlen hat, sagt Martullo nicht. Natürlich seien seine italienischen Eltern einst dankbar gewesen, in der Schweiz arbeiten zu dürfen, und sie hätten dies auch fleissig getan. «Aber das waren andere Zeiten.» Er sei der einzige Ausländer gewesen in seiner Klasse damals. «Ich musste mich integrieren, ob ich wollte oder nicht.»

«Keine endlosen Diskussionen»

Der Secondo Martullo hat Elektroniker gelernt, sich aber wie viele seiner Herkunft schnell emporgearbeitet. Bald war er erfolgreich im Verkauf tätig. Als Präsident des Schweizerischen Marketingklubs des Freiamtes lernte er Magdalena Blocher kennen – an einem Firmenanlass, sie arbeitete damals bei Rivella. Mehr Details gibt Martullo nicht preis. Das sähe seine Frau nicht gern.

Führt «Tochter Blocher» den Haushalt mit der gleichen eisernen Hand, für die sie als Chefin berühmt ist? Hat sie die Hosen an in der Familie Martullo? «Nicht mehr als anderswo», sagt ihr Mann. Wohin man in die Ferien gehe, bestimme sie. «Das delegiere ich», sagt er und lacht. Anderes werde ausdiskutiert. Wer öfter das letzte Wort hat, kann Martullo nicht sagen. Nur so viel: «Endlose Diskussionen bringen nichts.» Und eigentlich sei man meistens gleicher Meinung. Als er sich für sein jüngstes Hobby, das Töfffahren, belohnt hat, habe er auch keinen Antrag stellen müssen. Seine Chang Jiang, den chinesischen Nachbau eines längst ausgelaufenen BMW-Modells hat er einfach gekauft.

Eine Nanny für Blochers Enkel

Das klassische Familienmodell, das die SVP predigt, sucht man aber vergebens unter dem Dach seiner Villa. Eine Nanny kümmert sich um die drei Kinder, Roberto Martullo springt ein, wenn sie krank oder verhindert ist, und in den Randstunden. Dann, sagt er, gibt es Spaghetti mit Tomatensauce, nach einem alten Familienrezept. Dank der Nanny kann sich Martullo in seinem Büro in Zollikon Teilzeit um die Vermittlung von Kaderstellen kümmern. Manchmal mehr, manchmal weniger. Ist es mehr Hobby als Beruf? «Es soll derjenige Karriere machen, der das grössere Potenzial hat», sagt Martullo, « und das ist meine Frau.» Hätte man keine gute Nanny gefunden, Martullo wäre heute 100 Prozent Hausmann.

Die Enkel von Christoph Blocher werden also fremdbetreut. Kein Problem offenbar für den Grossvater. Eine Krippe, immerhin, sei – getreu der Parteilinie – nie zur Diskussion gestanden. «Man weiss ja nie, was für Ideologien den Kindern dort eingetrichtert werden, in einer staatlich subventionierten Krippe, geführt von Beamten. Solche «linken Strömungen», so Martullo, hätten ja bereits die Schulen ruiniert.

Rüffel vom Schwiegervater

Auch wenn Martullo in manchen Fragen eine härtere Gangart als die SVP vertritt: Er kann sich auch gewissen sozialen Ideen nicht verschliessen. Abzocker wie Ospel, Wuffli & Co. würde er am liebsten wegen Landesverrat anklagen «und ihre Vermögen einziehen». Auch war er es, der die Diskussion über bezahlbaren Wohnraum für den Mittelstand in Meilen lancierte, bevor SP und FDP an der Goldküste davon sprachen. Es sind Ideen, die ihm an der Goldküste durchaus Sympathien einbrachten.

Doch als sich Martullo für die Senkung des Rentenumwandlungssatzes aussprach, weil sie «unverhältnismässig und zulasten des Bürgers» sei, musste er dafür einen öffentlichen Rüffel von Schwiegervater Blocher einstecken. Als trottelig tat der SVP-Patron die Argumentation seines Schwiegersohnes ab, was der «Blick» dankbar und mit hämischer Freude breittrat.

Am Stammtisch und in der Bezirkspartei rätselt man noch, ob sie nun «mutig» sind, die Aktionen von Roberto Martullo, oder vielleicht doch Kalkül. Vielleicht hat er seine Parteikollegen ja absichtlich falsch verstanden, und den Auftritt im Paradiesvogel-Outfit von langer Hand geplant. Denn wo auch immer Martullo ins Fettnäpfchen tritt, die Aufmerksamkeit ist ihm sicher. Und damit vielleicht auch ein besserer Listenplatz bei den Kantonsratswahlen in vier Jahren.

«Mit einem Einwanderungsstopp liesse sich das Problem der hohen Gesundheits-kosten lösen.»

Roberto Martullo

Die Kirschlorbeerhecke um sein Heim in Meilen hat Roberto Martullo persönlich getrimmt.Foto: Daniel Kellenberger

Erstellt: 18.03.2011, 21:25 Uhr

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