Carlos während Seelsorge vor Kirche verhaftet

Die Polizei habe während des Gesprächs mit einem Pfarrer zugeschlagen, kritisiert die Kirche. Derweil überprüfen andere Kantone den Jugendstrafvollzug.

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Die Polizei habe während des Gesprächs mit einem Pfarrer zugeschlagen, kritisiert die Kirche. Derweil überprüfen andere Kantone den Jugendstrafvollzug. Als die Polizei – angeblich sechs Mann in Kampfmontur – den jugendlichen Straftäter Carlos verhaftete, befand er sich eben in einem Gespräch mit einem Seelsorger. Das schreibt die «NZZ am Sonntag» über den Vorfall vom vorletzten Freitag in der Stadt Zürich. «Als der Zugriff erfolgte, führten Pfarrer Markus Giger und Carlos ein seelsorgerisches Gespräch», sagt Nicolas Mori, Sprecher der reformierten Kirche, gegenüber der Zeitung. Der verurteilte 17-Jährige trifft sich regelmässig mit dem Pfarrer, der auch als Gefängnisseelsorger im Massnahmezentrum Uitikon wirkt.

Obwohl sich die beiden auf öffentlichem Grund befunden hätten, habe es sich um ein Treffen in seelsorgerischem Rahmen gehandelt, kritisiert Kirchensprecher Mori. «Auch staatliche und politische Institutionen müssen den sensiblen Rahmen der Seelsorge respektieren.» Offensichtlich habe die Staatsanwaltschaft den Terminplan von Carlos’ Setting gekannt, man habe ihn «abgepasst». Der renitente Gewalttäter wurde rund um die Uhr betreut.

«Thaibox-Training ein Erfolg»

Angeordnet hatte die Verlegung der Zürcher Oberjugendanwalt Marcel Riesen. Carlos habe wegen des Medienrummels der vergangenen Tage geschützt werden müssen, teilte die Behörde mit. Es habe sich dabei technisch nicht um eine Festnahme gehandelt, sondern um die Versetzung vom offenen in den geschlossenen Vollzug, wie ein Sprecher der Oberjugendanwaltschaft sagt.

Der Fall Carlos war durch eine Reportage des Schweizer Fernsehens zum öffentlichen Thema geworden. Es stellte sich heraus, dass für den straffälligen Jugendlichen ein Sondersetting eingerichtet worden war. Dieses umfasste begleitetes Wohnen in einer 4½-Zimmer-Wohnung und therapeutische Massnahmen. Zudem hatte der Jugendliche täglich ein Thaibox-Training besucht. Die Kosten beliefen sich auf 29 200 Franken pro Monat. Eine «Luxusbehandlung», wie dies inzwischen auch Justizdirektor Martin Graf (Grüne) zugegeben hat.

Anna-Lisa Oggenfuss, die das Sondersetting ausgearbeitet hat, rechtfertigte am Wochenende das viel kritisierte Thaibox-Training. Dieses sei Mittel zum Zweck gewesen, auf dem Weg zum Ziel – einer Berufslehre. Es habe funktioniert: «Zum ersten Mal hat Carlos zu jemandem aufgeschaut, er hat die Tagesstruktur und die Anweisungen akzeptiert», sagte sie der «NZZ am Sonntag»

Morddrohungen gegen Gürber

Verschiedene Medien berichten, dass der für die Einzelbetreuung verantwortliche Jugendanwalt Hansueli Gürber Morddrohungen von verschiedener Seite erhalten hat. Die Polizei fahre regelmässig um Gürbers Haus. Dem Jugendanwalt setzte die Kritik an seiner Person offenbar zu: Der 62-Jährige sei wegen Herzproblemen zu 50 Prozent krankgeschrieben. Laut «SonntagsZeitung» steht der Jugendanwalt kurz vor der Pensionierung: Diese sei für nächsten Sommer vorgesehen.

Der Zürcher Fall Carlos könnte den Jugendstrafvollzug auch in anderen Kantonen verändern: Der Berner Polizeiund Militärdirektor Hans-Jürg Käser, Präsident der Konferenz der kantonalen Justiz- und Polizeidirektoren (KKJPD), werde dem Vorstand vorschlagen, den Umgang mit dem Jugendstrafrecht zu überprüfen und zu schauen, ob es auch in anderen Kantonen solche Sondersettings gebe. Dies sagte Käser am Samstag gegenüber der «Tagesschau» des Schweizer Fernsehens (SRF). Im Fall von Carlos sei jedes Augenmass verloren gegangen: «Ein Jugendlicher muss lernen, dass man bestraft wird, wenn man ein Verbrechen begeht.»

Erstellt: 09.09.2013, 07:12 Uhr

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