Champagner für 26'000 Franken

Ein Kaufmann schildert die angebliche Abzockmasche des Nachtclubs Chilli’s. Er ist ein Kronzeuge im Verfahren gegen Wirt Samir Y.

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Markus W.* hatte sich am Freitag, dem 14. Juni, abends um sechs Uhr im Zürcher Chräis Chäib mit einem Kollegen verabredet, um etwas Geschäftliches zu besprechen. Der Kollege tauchte nicht rechtzeitig auf, und W. wollte sich die Wartezeit im Chilli’s vertreiben, betrat das Lokal und bestellte einen Whisky. Was dann passierte, schildert W. als «den grössten Albtraum meines Lebens». Obwohl er weder eine Kreditkarte und nur wenig Bargeld dabeihatte, überredeten ihn eine Animierdame und ein Kellner dazu, eine Champagnerflasche für 190 Franken zu bestellen.

W. dachte, zur Feier des Tages – er stand kurz vor der Pensionierung – wolle er sich diese Champagnerflasche gönnen. «Da ich nichts hatte, um diesen Betrag zu zahlen, schlug ich vor, die 190 Franken am darauffolgenden Montag zu zahlen. Um seine Solvenz zu beweisen, habe er den beiden Versicherungsbelege gezeigt, die bewiesen, dass er sich in Kürze ein «Pensionskassenkapital von bedeutender Höhe» auszahlen lassen könne, sagt W. Er hatte kein schlechtes Gefühl dabei, da es erst etwa halb sieben war und der Club menschenleer. Danach hätten ihn rund neun Animierdamen bedrängt, ihm in ein Séparée zu folgen, damit man die bevorstehende Pensionierung feiern könne.

Whisky aufgezwungen

Da sich W. gegen den Gang ins Séparée wehrte, hätten die Animierdamen ihn in einen Sessel im Club gedrückt. «Eine von ihnen zwang mich dann regelrecht, den Whisky zu trinken, den ich ursprünglich bestellt und in dem ganzen Trubel wieder vergessen hatte», sagt W. Eine halbe Stunde später, etwa um halb acht Uhr habe er das letzte Mal auf die Uhr geschaut. Von da an wisse er nichts mehr. «Ich wachte um etwa halb drei Uhr in der Nacht mitten im Club wieder auf, in dem mittlerweile Hochbetrieb herrschte», sagt W. Sofort habe ihn Panik ergriffen, und er hätte am liebsten auf der Stelle davonrennen wollen.

«Aber ich konnte nicht, ich war apathisch und völlig willenlos und fragte nur noch nach einem Taxi», sagt W. Dann habe ihm Samir Y., der Gerant des Chilli’s, eine Rechnung von über 26'000 Franken und die dazugehörigen Belege über 20 Magnum-Champagner-Flaschen präsentiert. «Ich unterschrieb, den Betrag zu schulden, aber ich war komplett weggetreten, vermutlich von Medikamenten, die man mir in den Whisky gemischt hatte», sagt W. Und: «Niemand kann 20 FlaschenMagnum-Champagner trinken in einer Nacht und sexuelle Dienstleistungen habe ich in meinem Zustand auch keine in Anspruch genommen.»

Anzeige bei der Stadpolizei

Am Morgen erstattete W. Anzeige wegen Betrugs und Körperverletzung bei der Stadtpolizei. Die Beamten forderten ihn auf, einen Alkoholtest zu machen, um die Glaubwürdigkeit seines Betrugsvorwurfes zu untermauern. «Ich musste zweimal blasen und das Gerät zeigte zweimal 0,0 Promille», sagt W. Den geschuldeten Betrag zahlte er nicht. Am 4. Juli erhielt W. einen Zahlungsbefehl des Betreibungsamtes Zürich 7, Samir Y. betrieb W. um insgesamt 26'932 Franken. W. erhob Rechtsvorschlag und traf Samir Y. am 22. Oktober persönlich vor der Friedensrichterin.

Y. beharrte auf der Zahlung, W. bestritt die Schuld weiterhin. Was Y. während des Treffens bei der Friedensrichterin nicht wusste, W. mittlerweile aber hatte in Erfahrung bringen können: In der Zwischenzeit waren bereits weitere Anzeigen gegen Y. in Sachen Chilli’s eingegangen, die Ermittlungen gegen ihn und weiteres Chilli’s-Personal waren bereits angelaufen.

Sowohl die Strafanzeige, als auch das Zivilverfahren um den Zahlungsbefehl hält W. neben einer Schadenersatzforderung aufrecht.

Chilli’s bestreitet Vorwürfe

Der Rechtsberater des Chilli’s, Alfredo Borgatte, bestreitet W.s Darstellung. Dieser habe am fraglichen Abend angekündigt, anlässlich seiner Pensionierung «mal ein bisschen über die Stränge schlagen zu wollen». Man habe mit ihm eine Kreditlimite von 15'000 Franken vereinbart und ihn darüber informiert, als diese erreicht war. In der Zwischenzeit habe W. verlangt, dass er exklusiv Karaoke singen dürfe, was man ihm auch organisiert habe. Auf W.s Wunsch habe man die abgesprochene Ausgabenlimite um drei Uhr morgens erweitert.

Dass er gesungen habe, stimme, aber das mit den Kreditlimiten sei eine Erfindung, sagt W.: «Ich habe ja nach einer halben Stunde geschlafen. Wie hätte ich da verhandeln sollen? Das ist einfach eine Lüge.»


* Name von der Redaktion geändert

Erstellt: 15.11.2013, 06:53 Uhr

Happige Rechnung: Über 26'000 Franken für 20 Flaschen Champagner. (Zum Vergrössern auf das Bild klicken) (Bild: Ausriss: TA)

Symboldild (Bild: Keystone )

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