Das Comeback des Partykönigs

Ein Nachtadliger der 70er- und 80er-Jahre meldet sich zurück: Mit einer Erinnerungsparty will Ueli Steinle seinen Club Ugly noch einmal aufleben lassen.

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Von Marcel Reuss

Wir waren jung, träumten von der grossen Welt. Und vielleicht wären wir in einer Stretchlimousine durch Zürich gebraust. Hätten wie die Tilllate-Jugend das Fenster runtergekurbelt, blöd gelacht und billigen Champagner verschüttet. Aber damals fuhren noch keine Stretchlimos durch die Nacht. Dafür gab es ein Edelrestaurant in Wiedikon. Da mussten wir hin. Nicht wegen der 17 «Gault Millau»-Punkte, die sagten uns nichts. Wegen der Stühle, die im Nouvelle standen. Düstere Riesen, gestaltet vom Meister der Finsternis, von Alien-Giger persönlich. Auf diesen sassen wir an jenem Abend in den 80er-Jahren und meinten, wir seien in Hollywood.

Schön geträumt, und genau das zeichnete Ueli Steinle aus. Er war der Illusionist in Zürichs verschlafenem Nachtleben. Er war der Mann, der einen Hauch von Welt in eine Stadt brachte, bei der noch keiner an Little Big City dachte.

Der Multitasker

Liest man einen «Magazin»-Artikel von 1983, war Steinle irgendwie alles. Einer mit einer Nase für Trends. Eventmanager, als es diesen Begriff noch nicht gab. Ein «Telefonfreak», der simultan mit L.A. telefonierte und Schach spielte. Er war Gigers Manager, Verleger mit Wirtepatent, Innenarchitekt. Und er war Chef des Nouvelle, des angegliederten Edelcaterings und Erfinder des Ugly. Des Clubs, in dem ab Mitte der 70er-Jahre das Zürcher Nachtleben pulsierte, obwohl er in Richterswil lag. In der Villa dort feierte der Nachtadel gemeinsam mit Musikstars ein Fest, das zwanzig Jahre dauerte. Zurück blieb ein Mythos, an den Steinle diesen Samstag noch einmal erinnern will. Mit der Ugly-Jubelparty im Restaurant Mezzo.

Ich bin der Ueli, sagt Steinle an diesem nüchternen Montagmorgen. Er bittet an den Glastisch. Wie damals im Nouvelle umranden diesen schwarze Stühle. Anders als damals sind sie in normaler Grösse. Steinle selber gleicht dem Ueli, den man von Fotos kennt, schon mehr. Noch immer gebräunter Teint, trotz seiner 62 Jahre noch immer schlank, schwarzer Anzug, schwarzes Hemd, halb langes schwarzes Haar.

In den Medien ist es still geworden um den Partykönig, das Wunderkind der Erlebnisgastronomie. Gräbt man in den Archiven, finden sich Gründe: Mitte der 90er-Jahre verregnete ein Jahrhundertsommer der anderen Art Steinles Zeltshow «Magic Japan». Weil die Rezession gleichzeitig die Lust auf Luxusgastronomie dämpfte und ein Teil seines anderen Partytempels, der Magic Factory in Schlieren, abbrannte, geriet er in finanzielle Nöte. Er machte einen Schnitt, stiess sein Imperium ab. Dem Clubleben kehrte er endgültig den Rücken, als 2001 seine Tochter auf die Welt kam. Mit ihr kam, wie er sagt, die Realität in sein Leben.

Beruflich hat er sich seither neu definiert. Als Global Consultant, so nennt er das, betreut er mit seiner Firma Unternehmen. Er organisiert Feste oder bringt die Beatles oder wie dieses Wochenende die Blues Brothers ins Dolder.

Fisch für Santana

Doppelgängerkonzerte, was einer gewissen Ironie nicht entbehrt, weil er sich früher mit den Originalen die Nächte um die Ohren schlug. Al Jarreau spielte im Ugly sein erstes Europakonzert. Blondies Debbie Harry wohnte mehrere Wochen in seiner Wohnung oberhalb des Clubs. Für Santana musste er den Fisch dreimal zubereiten, bis dieser dem Gitarrengott schmeckte. Und mit David Bowie habe er einst eine ganze Nacht in der Waschküche verbracht, weil das «Ögly» so voll gewesen sei.

Steinle blättert in den Alben, die er für die Revivalparty ausgegraben hat, und lässt Namen fallen: Udo Lindenberg, Nina Hagen, Ian Dury, Eddie Harris, Pink Floyd und all die Musiker, die nach Konzerten in Zürich oder Plattenaufnahmen in Montreux noch schnell einen Abstecher an den Zürichsee machten.Der Besucher sieht die Fotos: von Leuten, die in ihren 70er-Kostümen so brav wirken, dass einem die kleidermässige Übersexualisierung der heutigen Ausgangsszene ins Auge springt. Trotzdem scheint die Zeit eine freiere gewesen zu sein in diesem Club, der – so wird erzählt – so funky war wie die Musik, die gespielt wurde, obwohl es dafür keine Bewilligung gab.

Denn spätestens um zwei Uhr hatte das Nachtleben in Zürich Schalterschluss. Steinle lud die Leute deshalb privat zu sich ein. Zuerst in eine Garage in Albisrieden. Dann für zwei Jahre ins erste Ugly in der Enge, bis der Vermieter genug hatte vom Lärm. Dann nach Richterswil. In die Fabrikantenvilla, die er 1976 zusammen mit Kollegen zum Club umbaute. Die Leute zahlten Eintritt, brachten die Getränke, die er nicht verkaufen durfte. Er stellte die Gläser und bekochte seine Gäste. Das habe das Ugly ausgemacht: neben dem Starglamour, der Zusammenhalt. Man sei eine verschworene Gemeinschaft gewesen. Auch weil er und seine damalige Partnerin sich wie ein Wirtepaar um die Gäste gekümmert hätten. Wem es schlecht ging, erholte sich in seiner Loge. Wer es schaffte, nahm den ersten Zug oder wagte sich auf die Strasse, auf der man es mit der Nulltoleranz noch nicht so genau nahm.

Als Steinle 1979 das Nouvelle übernahm, gab ihm das die Möglichkeit, seine Gäste auch gegen Geld zu verköstigen. So begann sein Imperium zu wachsen: der Club, das Restaurant, das Catering. Steinle wurde zum Partykönig, der in einem «Einrichtungswahn» Unorte zu bespielen begann: vor Fredy Müller das Kaufleuten, vor dem Conelli das Bauschänzli, vor dem Theater Spektakel die Landiwiese. Er war, so sieht er sich selber, ein Vorreiter der späteren Liberalisierung in der Zürcher Gastronomie. Er war einer der grössten Investoren in die Partystadt.

Blick nach vorne

Steinle schliesst die Alben. Sie lösen in ihm gemischte Gefühle aus. Weil er einer sei, der nach vorne schaue. In eine Zukunft, die er sich geschäftlich vermehrt im wärmeren Miami vorstellen kann. Auf die Revivalparty vom Samstag. Nein, zurückdrehen könne man das Rad nicht, und die Stimmung wohl auch nicht ganz wieder aufleben lassen. Die Musik und die Bilder sollen daran erinnern, und vielleicht schaue ja noch Robbie Williams vorbei. Da ist Steinle wieder ganz der Illusionist, der einen Tiger aus dem Hut zaubert, der möglicherweise ein Karnickel sein wird.

Ugly-Jubelparty – diesen Samstag ab 21.30 Uhr im Restaurant Mezzo, Eichstrasse 29, Zürich. www.starticket.ch. Dresscode: sexy. Stars in Concert presents: The Blues Brothers – «I’m a Soulman» mit Aretha Franklin und Ray Charles – diesen Sonntag um 14 und 18 Uhr im Dolder Grand, Ballroom. www.starticket.ch. Dresscode: keiner.

Die Schönen trieb es ins «Hässliche»: Ueli Steinle gibt den Dompteur für eine rote Katzenschar. Foto: PD

Highlife im Dezember 87 mit der New Yorkerin Phoebe Legere. Foto: PD

Erstellt: 25.01.2012, 06:20 Uhr

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