«Das Online-Geschäft macht uns zu schaffen»

Der Präsident des Gewerbevereins Bülach äussert sich zum Zustand seiner Branche in der Region.

«Die Gemeindebehörden müssen bei ihren Entscheiden den Bedürfnissen des Gewerbes Rechnung tragen»: Willi Wismer will den Gewereverein Bülach professionalisieren.

«Die Gemeindebehörden müssen bei ihren Entscheiden den Bedürfnissen des Gewerbes Rechnung tragen»: Willi Wismer will den Gewereverein Bülach professionalisieren. Bild: TA

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92 Gewerbetreibende sorgen vom 28. bis 31. Oktober auf dem Areal der Stadthalle für eine bunte Präsentation des heimischen Schaffens. Neu sind nicht nur Gewerbetreibende aus der Stadt, sondern auch aus den Kreisgemeinden sowie weiteren Gemeinden präsent. Die 13. Büli-Mäss findet erstmals ausschliesslich in Zelten statt. Dafür wird die Stadthalle vom 29. bis 31. Oktober vom Weinbauverein Zürcher Unterland genutzt. 34 Produzenten und Kelterer stellen aus. Das Wine-Happening löst den Rafzerfelder Wy-Träff ab. Von diesem wird als Tradition die Krönung der Unterländer Weinprinzessin übernommen. Ein Gespräch mit dem Stadtrat und Gewerbevereinspräsident Willi Wismer.

Eine ausserordentliche GV befasst sich morgen Donnerstag mit einer Strukturreform. Worum geht es?
In erster Linie wollen wir das Sekretariat professionalisieren. Damit können wir die Mitglieder des Vorstandes entlasten und haben es vielleicht einfacher, Leute für diese Aufgabe zu finden. Dabei müssen wir ein besseres Gleichgewicht zwischen Handwerkern, Detaillisten und Dienstleistern finden. Zudem soll eine Arbeitsgruppe eingesetzt werden, die sich mit der Frage beschäftigt, welche Dienstleistungen unser Verein den Mitgliedern in Zukunft noch anbieten soll.

Die Büli-Mäss steht bevor. Ist eine solche Messe noch zeitgemäss?
Davon bin ich überzeugt. So können wir das Gewerbe der Bevölkerung näher bringen und sie von unseren Leistungen überzeugen. Die Messe tut dem Standort Bülach gut.

Was hat sich im Gewerbe seit der Messe vor drei Jahren geändert?
Das hiesige Gewerbe zeichnet sich durch grosse Kontinuität punkto Struktur und Mitgliederzahlen aus. Die Anzahl der Handwerksbetriebe stagniert eher, dafür gibt es etwas mehr Unternehmen im Dienstleistungsbereich.

Das heisst, die Wirtschaftsflaute ging spurlos am Gewerbe vorbei?
Da und dort musste ein Geschäft schliessen. Betroffen waren vor allem die Restaurants. Aber das Baugewerbe war eher überlastet. Die günstigen Hypothekarzinsen haben richtig Schub für Neu- und Umbauten gegeben. Das ist sozusagen die positive Kehrseite der Rezession.

Es gilt also noch immer: «Handwerk hat goldenen Boden». Man kann als Gewerbetreibender reich werden?
Das mit dem «goldenen Boden» ist ja nicht primär auf die Rendite gemünzt. Das Zitat will zum Ausdruck bringen, dass es ein Handwerker zu etwas bringen kann, indem er vom Lehrling zum Unternehmer wird. Es war mehr das gesellschaftliche Ansehen, welches das Handwerk früher genoss.

Ist das Ansehen denn heute nicht mehr vorhanden?
Das traditionelle Handwerk hat Mühe, genügend Lehrlinge und Fachkräfte zu finden. Die Eltern drängen ihre Kinder zum Studium oder zur kaufmännischen Ausbildung, am liebsten bei Banken oder Versicherungen. Ob die Jungen dabei glücklich werden, scheint nebensächlich zu sein. Die Wertschätzung des Gewerbes hat deutlich abgenommen.

Und die Studierten shoppen später am liebsten im Einkaufzentrum oder online.
Das Onlinegeschäft macht uns tatsächlich zu schaffen. Der Handwerker kann auch übers Internet gebucht werden. Dort finden sich immer die neuesten Produkte und Preisvergleiche sind problemlos möglich. Dabei verzichtet man auf die Erfahrung und Beratung des Handwerkers vor Ort, was sich nicht immer auszahlt. Wenn dann etwas schief läuft, soll der ortsansässige Handwerker sofort Hilfe leisten. Unsere Trümpfe sind die qualitativ hochwertigen Produkte, die gute Beratung und Arbeit sowie der zuverlässige Service. So können wir Kundenbindung betreiben. Vergessen darf man auch nicht, dass wir wohnortsnahe Ausbildungs- und Arbeitsplätze anbieten.

Darüber hinaus beklagt das Gewerbe die staatlichen Vorschriften.
Der administrative Aufwand hat zugenommen. Das zu beklagen nützt nicht viel. Für den Handwerker ist das Kaufmännische natürlich nicht die Kür. Aber es gehört dazu. Bezahlt werden muss dieser Aufwand letztlich vom Kunden.

Gewerbepolitik ist kantonale oder nationale Politik. Was kann die lokale Politik für einen Beitrag leisten?
Die Gemeindebehörden sind einerseits Auftraggeber. Anderseits ist es wichtig, dass sie bei ihren Entscheiden den Bedürfnissen des Gewerbes Rechnung tragen. Deshalb ist der Austausch zwischen Politik und Gewerbe wichtig. In Bülach funktioniert das gut.

Seit Sie Stadtrat sind noch besser.
Die Informationswege haben sich dadurch verkürzt. Und bei Diskussionen kann ich direkt mitreden.

Und wie ist ihre erste Bilanz nach rund 100 Tagen Exekutive?
Positiv. Das Amt macht Freude. Es ist sehr vielseitig und interessant. Allerdings hatte ich noch keine besonders schwierigen Fälle zu lösen. Überrascht hat mich der zeitliche Aufwand, den alle Stadtratsmitglieder haben.

Das heisst, Sie treten bald als Präsident des Gewerbevereins zurück?
Ich bin bis 2011 gewählt. Wie es dann weitergeht werden wir sehen.

Die Leute stehen ja nicht gerade Schlange, um Vorstandsmitglied des Gewerbevereins zu werden.
Das ist in der Tat so. Wir arbeiten ehrenamtlich und haben insbesondere Mühe Handwerker zu finden...

...und Frauen.
Richtig. Momentan ist ein Vorstandssessel frei, und den würden wir sehr gerne mit einer Frau besetzen.

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Erstellt: 19.10.2010, 20:14 Uhr

Willi Wismer

Der 45-jährige Familienvater hat eine Fahrschule in Bülach. Er ist seit 2010 Präsident der Primarschulpflege und Stadtrat.

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