Das Shoppingparadies, das keiner wollte

Völlig ungeplant ist in Hinwil eine der grössten Einkaufsmeilen des Kantons entstanden. Eine beispielhafte Fehlentwicklung. Jetzt muss man retten, was zu retten ist.

Die Gemeinde möchte eigentlich ein Dorf sein: Willkommen in Hinwil-West.

Die Gemeinde möchte eigentlich ein Dorf sein: Willkommen in Hinwil-West. Bild: Beat Marti

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Eigentlich dürfte es das gar nicht geben, was da im Industriequartier am Rand von Hinwil steht. Während der Staat mit grossem bürokratischem Aufwand versucht, den Umgang mit den knappen Landreserven zu planen, ist hier innert weniger als zwei Jahrzehnten vollkommen ungeplant ein gewaltiges Einkaufsparadies entstanden. Wobei der Begriff «Paradies» ein relativer ist.

Auf einer Fläche von einem Dutzend Fussballfeldern reihen sich entlang der Hauptstrasse die schmucklosen Hallen von Firmen wie Coop, Manor, Denner, Aldi, Jumbo und Athleticum. Dazwischen ein paar Rasenstreifen, ein McDonald’s und vor allem viele, viele Parkplätze – denn wer hierherkommt, kommt mit dem Auto. Oft bilden sich dabei lange Staus, ähnlich wie man das auch in Dietlikon, Bülach, Dietikon oder Wädenswil kennt. Falls Raumplaner Albträume haben: Etwa so muss man sich die wohl vorstellen. Aber auch Hinwiler Bürger bekunden Mühe mit ihrer Einkaufsmeile, wie Bevölkerungsbefragungen zeigen.

Gehadert und gezögert

Die Entwicklung ist sogar jenen Leuten unheimlich geworden, die daran ursprünglich ihre Freude hatten. Vor zwei Jahren sprach der damalige Gemeindepräsident erstmals offen von einer Fehlentwicklung. Nicht nur wegen der Verkehrslawine, sondern auch darum, weil die traditionellen Ortskerne von Hinwil und der Nachbargemeinde Wetzikon angesichts der übermächtigen Konkurrenz zu veröden drohen. Die Angst vor dem Lädelisterben geht um.

«Zuerst hatten wir gewissermassen das Pech, dass anstelle der erhofften Industriebetriebe die Einkaufszentren hierherzogen», sagt Hinwils Bauvorstand Peter Sieber (CVP), «und dann haben wir zu spät reagiert.» Erst 2009 zog der Gemeinderat die Notbremse und erwirkte einen faktischen Baustopp. Dies, nachdem er sich davor noch gegen eine rot-grüne Initiative gesperrt hatte, die dasselbe Ziel verfolgte. Der Baustopp bietet zwar eine Verschnaufpause, er ist aber befristet auf drei Jahre. Nur noch ein Jahr bleibt den Hinwilern, um zu entscheiden, wie es weitergehen soll. Dieser Tage zerbrechen sich die Gemeinderäte an einer Klausursitzung den Kopf darüber. Ihr Spielraum ist allerdings beschränkt, denn das Areal ist grösstenteils schon überbaut. Zudem, gibt Sieber zu bedenken, gehen viele der Kritiker selbst gerne im Industriequartier einkaufen.

Die Wüste zur Stadt umbauen?

Stadtentwickler der ETH Zürich haben deshalb unlängst quasi die Flucht nach vorn empfohlen. Ihre Idee: Statt die Einkaufsmeile als Problem zu sehen, könnte man sie zu einer Art Stadtzentrum ausbauen, von dem alle umliegenden Orte profitierten. Konkret schlagen sie vor, eine Stadtbahn, Wohnungen, öffentliche Plätze, Grünflächen und Sportanlagen zu bauen. Dem Vernehmen nach steht diese Idee bei den Verantwortlichen in Hinwil aber nicht hoch im Kurs. Auch die Nachbargemeinden haben Mühe mit dem Gedanken, der Einkaufsmeile noch mehr Bedeutung einzuräumen, als sie ohnehin schon hat. Sie gingen sogar so weit, Hinwil im Leitbild fürs Zürcher Oberland den Rang eines Zentrums von regionaler Bedeutung abzuerkennen.

Für den Regionalplaner Thomas Rubin ist dies nachvollziehbar. Auch er zweifelt daran, dass die Einkaufsmeile je echte Zentrumsqualitäten würde entwickeln können. Und er erinnert daran, dass zum Beispiel Wetzikon durch den Umzug der Manor-Filiale nach Hinwil deutlich geschwächt worden sei – in solchen Gemeinden habe man eine Entwicklung, die man «nicht so toll finde», nicht auch noch stützen wollen. Inzwischen allerdings zeichne sich ab, dass man auf diesen Entscheid noch einmal zurückkommen könnte. Nicht nur die Frage nach der Zukunft Hinwils scheint schwierig zu beantworten, sondern auch jene, wie es überhaupt so weit kommen konnte: dass eine Einkaufsmeile entstand, von der heute alle sagen, sie sei nicht geplant gewesen. Und dies, obwohl etwa in Dietlikon eine vergleichbare Entwicklung schon früher eingesetzt hatte, man also hätte ahnen können, worauf man sich einliess.

«Wie eine Benzinexplosion»

Der frühere Regionalplaner Claude Ruedin ist der Ansicht, es habe nicht an mahnenden Stimmen gefehlt. Doch der bürgerlich dominierte Hinwiler Gemeinderat habe sich gegen planerische Eingriffe gewehrt und stattdessen eine Politik des Laisser-faire bevorzugt. «Das Ergebnis ist etwa das gleiche, wie wenn man Benzin direkt anzündet, statt es kontrolliert in einem Motor zur Explosion zu bringen», sagt er.

Einer der kritisierten Politiker ist der langjährige Hinwiler Gemeindepräsident Hansueli Gubler (FDP), der selbst als Unternehmer mit der Baustofffirma FBB im Industriequartier wirtschaftet – wie übrigens auch sein Vorgänger, Belimo-Gründer Walter Burkhalter (SVP). Er hält es für sinnlos, aus der Rückschau zu kritisieren, was man alles hätte anders machen sollen. «Da spielten viele Entscheide mit, die aus damaliger Optik unproblematisch schienen.»

Mauscheleien? Nicht in Hinwil!

Man kann es auch anders sagen. Was am Rand von Hinwil steht, ist die Summe von kurzfristigem Denken, Einzelinteressen und Zufällen: Da war in den Achtzigerjahren einmal die Idee, regionale Arbeitsplatzgebiete einzurichten. Man dachte an Industrie. Dann aber kam es zum Niedergang von Sulzer in Rüti, der auf die Region wie ein Schock wirkte. Der Kanton reagierte Anfang der Neunzigerjahre auf die Deindustrialisierung, indem er den Gemeinden erlaubte, ihre Bauvorschriften zu lockern. Hinwil machte darauf sein Arbeitsplatzgebiet auch für Dienstleister zugänglich. Kurz darauf eröffnete Jumbo eine Filiale, dann Manor. Ein Grossverteiler zog den anderen an, es entwickelte sich eine Eigendynamik. Eine wichtige Rolle spielten dabei auch die Grundeigentümer – darunter viele Bauern –, die gerade während der Rezession der Neunzigerjahre froh waren, an die gut zahlenden Einkaufszentren verkaufen zu können.

Und da waren schliesslich die Lokalpolitiker, die dagegen nichts einzuwenden hatten, und die Gemeindeversammlungen, die ihnen folgten. «Es gingen damals viele Händel über die Bühne, und die Gemeinde verdiente gut an den Grundstückgewinnsteuern», sagt Ex-Gemeindepräsident Gubler. Er verwahrt sich aber gegen die kursierenden Gerüchte, dass dieselben Leute, die an den Landverkäufen verdienten, auch die Politik bestimmt hätten. «Die waren bei uns nicht einmal als Stimmenzähler involviert», versichert er.

Erstellt: 01.05.2011, 21:18 Uhr

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