Das Tischlein deckt sich auch in Bülach

Seit einem halben Jahr verteilen Freiwillige in Bülach jeden Dienstag Nahrungsmittel an Bedürftige. Die Hilfe wird dankbar angenommen. Die Bilanz ist positiv.

Die Lebensmittel werden angeliefert.

Die Lebensmittel werden angeliefert. Bild: Gesa Lüchinger

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Die Schweiz gilt als reiches Land. Trotzdem leben gegen eine Million Menschen unter dem Existenzminimum. Die versteckte Armut betrifft grosse Familien, Arbeitende im Niedriglohnbereich, Alleinerziehende, Ausgesteuerte oder randständige Menschen. Für diese Menschen gibt es Tischlein deck dich.

Der 1999 gegründete Verein Tischlein deck dich hat sich zum Ziel gesetzt, Lebensmittel vor der Vernichtung zu retten und damit Menschen in einem finanziellen Engpass zu unterstützen. Die Organisation sammelt Produkte, welche der Handel nicht mehr auf den Markt bringen will, obwohl sie noch einwandfrei und konsumierbar sind.

«Als Pensionierter habe ich Zeit»

Tischlein deck dich sammelt die Produkte bei den Produzenten und Detaillisten ein, lagert sie in Winterthur nach Verfalldatum und verteilt sie an die mittlerweile 71 Abgabestellen in der Schweiz. Eine davon ist Bülach. Die Initiative dazu ist von den Bülacherinnen Pia Fässler, Doris Oberli und Claudia Frauenfelder ausgegangen. Sie haben den Kontakt zur Stadt, zum Verein Tischlein deck dich (www.tischlein.ch) und zu den Pfarreien gesucht. Seit Mitte Januar funktioniert die Bülacher Abgabestelle. 24 Freiwillige unter der Teamleitung von Mirjam Meier, Sozialdiakonin bei der evangelisch-reformierten Kirche, teilen sich in die Arbeit. Jeden Dienstag decken rund ein halbes Dutzend von ihnen im Eingangsbereich des reformierten Kirchgemeindehauses am Grampenweg den Tisch.

Ursula Hiltebrand macht gerne mit, denn «das ermöglicht mir den Kontakt mit Menschen, denen es nicht so gut geht.» Unter den Freiwilligen sind bloss zwei Männer. Einer von ihnen, Albert Bösch, ist von seiner Frau ermuntert worden, mitzumachen, weil sie selbst auch dabei ist. «Als Pensionierter habe ich Zeit, und es macht mir auch Freude», sagt Bösch.

Daniel Knöpfli, Leiter Soziales und Gesundheit der Stadt Bülach, ist dankbar, dass die Initiative zu diesem Angebot von privater Seite gekommen ist. Die Stadt hatte schon einmal einen Anlauf genommen, aber der ist daran gescheitert, dass sie Erwerbslose einsetzen wollte. Das wiederum wollte der Verein Tischlein deck dich nicht. Dort beharrte man auf dem Einsatz von Freiwilligen. An diese werden hohe Ansprüche gestellt. Erwartet werden eine «saubere, gepflegte und selbstbewusste Erscheinung, gute Umgangsformen, Teamfähigkeit und Sozialkompetenz».

Ein Augenschein vor Ort zeigt, dass dies keine leeren Worte sind. Die «Kunden» werden mit Handschlag begrüsst und verabschiedet. Michelle (27), Mutter zweier Kleinkinder aus Bachenbülach, ist «froh und dankbar» um dieses Angebot. «Genieren tue ich mich nicht», sagt sie. Michelle ist eine der 56 Bezugsberechtigten, die zusammen 165 hungrige Mäuler stopfen müssen. Zu ihnen gehört auch der 44-jährige Kosovare Miftar, der zurzeit arbeitslos ist und für seine Frau und fünf Kinder sorgen muss. Entsprechend voll sind seine Taschen. Die Schweizerin Susanne (54) aus Bülach, auch sie arbeitslos, findet das Angebot «einfach super». 20 Personen sind am letzten Dienstag zur Abgabestelle gekommen und haben Nahrungsmittel für 76 Personen abgeholt.

Kein Selbstbedienungsladen

Angeboten wurden Brot, Fertigsalat, Fertig-Gemüsesuppen, Käsehäppchen, Fruchtsäfte, Schokolade, Bananen, Pizze und mehr. Sie stammen von Produzenten, Grossverteilern und Detaillisten. Aus dem Unterland mit dabei sind die Bäckerei Rössler aus Bülach, der Gemüsehändler Heinz Eymann aus Winkel und die Eisberg-Gruppe (Convenience-Salate) aus Dänikon. Das Angebot ist nicht immer gleich. Und vor allem: Der gedeckte Tisch ist kein Selbstbedienungsladen. Jeder Kunde erhält eine Nummer, muss sich mit einer Karte ausweisen, die ihn zum Bezug einer oder mehrerer Angebotsportionen berechtigt. Einzeln werden sie um die Tische geführt. Am Ende zahlt jeder einen symbolischen Franken. Die Bezugskarten werden von der Stadt ausgestellt. Die Bezüger sind nicht primär Sozialhilfeempfänger, sondern ganz einfach Leute mit einem sehr tiefen Einkommen, das individuell berechnet wird. Sie kommen primär aus den Bülacher Kreisgemeinden.

Mirjam Meier zieht nach knapp einem halben Jahr eine positive Bilanz. Alles laufe reibungslos. Sie habe ein gutes Team. «Das Angebot entspricht ganz offensichtlich einem Bedürfnis. Wir hätten aber nichts dagegen, wenn es noch von mehr Menschen genutzt würde», sagt Mirjam Meier. Interessierte können sich bei Kirchen sowie privaten und staatlichen Sozialberatungsstellen melden.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus dem Unterland gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an unterland@tages-anzeiger.ch

Erstellt: 16.06.2010, 21:07 Uhr

Paid Gallery

Erleben Sie ein einmaliges Abenteuer in Australien

Unendliche Weiten und spektakuläre Landschaften: An diese zweiwöchige Reise werden Sie sich Ihr Leben lang erinnern.

Blogs

Mamablog Wären Sie gerne Ihr eigenes Kind?

Sweet Home Holen Sie sich die Natur ins Haus

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Man soll die Feste feiern, wie sie fallen: Menschen in «Txatxus»-Kostümen nehmen am traditionellen ländlichen Karneval in Lantz, Nordspanien, teil. (24. Februar 2020)
(Bild: Villar Lopez) Mehr...