Das Tor zur Welt steht nun in Bauma

Dem Dampfbahn-Verein Zürcher Oberland ist ein Coup gelungen: Er hat die alte Halle des Centralbahnhofs Basel wiederentdeckt und baut nun diese Zeugin der «Laubsägeli-Architektur» in Bauma wieder auf.

Gleise und Fundamente sind vorbereitet, heute beginnt der Aufbau. Foto: Doris Fanconi

Gleise und Fundamente sind vorbereitet, heute beginnt der Aufbau. Foto: Doris Fanconi

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Bauma – Die Geschichte ist ein Krimi – nur spielen die Rolle der Detektive für einmal Kunsthistoriker, Denkmalschützer und ein paar Enthusiasten der Oberländer Museumsbahn. Solche «Spinner», wie sie sich selber bezeichnen, brauchte es, um die Energie und den Durchhaltewillen aufzubringen, dieses Projekt zu verwirklichen. Denn im verschlafenen Tösstal steht ein einmaliger Wagenpark samt Dampfloks aus der Zeit zwischen 1870 und 1920, mit denen ­zwischen Bauma, Bäretswil und Hinwil spektakuläre Museumsfahrten stilecht unter Dampf stattfinden.

Initiiert von Adolf Guyer-Zeller, dem Textilindustriellen aus Bauma und Begründer der Jungfraubahn, entstand über die vorletzte Jahrhundertwende die Uerikon-Bauma-Bahn (UeBB). Diese rentierte aber nur selten und wurde 1948 eingestellt. Die Linie Bauma–Hinwil überlebte vorerst, 1969 war aber auch hier Schluss – bis sich der Dampfbahn-Verein Zürcher Oberland (DVZO) ins Zeug legte. Doch all die wunderbaren, meistens hölzernen Bahnwagen stehen in Bauma schutzlos unter freiem Himmel dem rauen Tösstaler Klima ausgesetzt. Deshalb suchte der DVZO jahrzehntelang eine stilechte Halle.

Zusammen mit der Denkmalpflege der SBB fand der DVZO 2005 in Olten eine Halle, die «fast zentimetergenau auf unseren Platz am Bahnhof in Bauma passte», wie Präsident Hugo Wenger ­gestern an der Aufrichte sagte: genau 100 auf 20 Meter. Die Halle diente 110 Jahre lang als Holzlager für die SBB-Schreinerei. Bloss wusste niemand mehr, wie und woher diese Halle nach Olten gekommen war.

Zeuge des Schweizer Heimatstils

Das Gutachten eines Kunsthistorikers brachte die kleine Sensation ans Tageslicht. Das Oltner Holzlager war nichts weniger als das ursprüngliche Schweizer Tor zur Welt, eine der beiden ersten Basler Bahnhofhallen, die von Ludwig Maring, dem Chefarchitekten der Schweizerischen Centralbahn, 1860 erbaut wurden. Die zweite Halle übrigens steht – bis zur Unkenntlichkeit eingemauert – an der Hohlstrasse im Zürcher Güterbahnhof. Die Hallen gelten mit ihren gusseisernen Verzierungen und den auf Holz gemalten Ornamenten auf der Stirnseite als Zeugen des Schweizer Heimatstils. Diese dekorative «Laubsägeli-Architektur» war von Bahnhöfen über Restaurants bis Grandhotels weit verbreitet. Nach 1920 setzte ein Gegentrend ein. Die architektonische Moderne und der Heimatschutz schimpften die «Zimmermannsgotik» als unecht, unschweizerisch, überladen und verlogen, wie der Wirtschaftshistoriker Ruedi Weidmann schreibt.


Der handkolorierte Plan der ersten Basler Perronhalle von 1860. Plan: Staatsarchiv BS

Heute hat längst wieder ein Gegentrend eingesetzt. Noch bevor die Basler Halle in Bauma aufgerichtet ist, hat sie das Bundesamt für Kultur als Baudenkmal von nationaler Bedeutung eingestuft. Der Bund zahlt nun 2,5 Millionen Franken, der Lotteriefonds nach einem Kantonsratsbeschluss 2,6 Millionen. Eine weitere halbe Million hat der DVZO durch Sponsoring gesammelt. Die beiden Gleise und das Mittelperron auf dem Bahnhof Bauma sind bereits fertig, das Baugerüst steht, und in drei Monaten sollte die Halle fertig aufgestellt sein.

So einfach allerdings waren Abbruch, Restauration und Züglete nicht. 2011 wäre die Halle in Olten bei einem Feuer um ein Haar zerstört worden, die Nachbarhalle brannte bis auf die Grundmauern nieder. Nachdem die Halle in Olten abgebaut und in Küssnacht am Rigi eingelagert worden war, merkten der DVZO und Projektleiter Christoph Rutschmann, dass es doch noch einiges braucht.

«Kathedrale des Fortschritts»

So mussten ein paar der 160-jährigen Eichenholzträger erneuert und «statisch ertüchtigt» werden – sie bekamen ein Stahlkorsett. Zudem mussten einige dieser dekorativen, gusseisernen Teile neu gegossen werden. «Zeugen der hohen Handwerkskunst des 19. Jahrhunderts», schwärmt Architekt Felipe Good, der für Zanoni Architekten die Generalplanung hat. Diese Teile konnten heute nicht mehr aus einem Stück gegossen, sondern mussten zusammengeschweisst werden. 80 Prozent der Bausubstanz ist heute noch original.

Die Bahnhofhalle wurde 1860 von der Schweizerischen Centralbahn als «Kathedrale des Fortschritts» bezeichnet. Die markante Halle wird auch das Ortsbild von Bauma markant verändern – mit dem Segen der Zürcher Denkmalpflege.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.03.2015, 21:52 Uhr

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