Der Büli-Mäxli und die russischen Uhren

Ein Goldschmied aus Bülach lebt am Zürcher Rennweg seine Kreativität aus. Das Resultat: Luxusschmuck, Fingerringe aus Aludosen und der Schlüsselanhänger für die Büli-Mäss.

Produziert mit seinen grossen Händen kleine Kunstwerke: Der Bülacher Goldschmied John R. Wullschleger.

Produziert mit seinen grossen Händen kleine Kunstwerke: Der Bülacher Goldschmied John R. Wullschleger. Bild: David Baer

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Er ist 1,72 m gross, von kräftiger Statur, sein Haar beinahe weiss. Er trägt Freizeitlook und hat ein gewinnendes Wesen. Er gibt sich als Mann vom Land. Am ehesten vermutet man hinter ihm einen Beamten. Für einen Künstler wirkt er fast etwas zu konventionell. Täglich nimmt der Endfünfziger den Zug und fährt von seinem Wohnort Bülach an seinen Arbeitsplatz in Zürich. Sein Arbeitsort ist ein ziemlich teures Pflaster: Haus Nummer 12 am Rennweg im Zentrum von Zürich. Hier befindet sich das Geschäft des Goldschmieds John R. Wullschleger. Hinter der eher unscheinbaren Ladenfassade verbergen sich kostbare Schmuckstücke.

Gold, Silber und Design

R. steht für Robert. Eigentlich heisst er Robert Wullschleger. Er ist im zürcherischen Hünikon als Bauernsohn aufgewachsen. Schon in der Schule nannten sie ihn alle John. Sein Bruder hatte einen Freund, der Goldschmied lernte. Das wollte er auch. Im Dorf schüttelte man darob den Kopf. Das sei doch eher ein Beruf für Söhne und Töchter reicher Eltern, hiess es. Robert setzte sich durch. Im nahen Winterthur fand er einen Lehrmeister, in Zürich besuchte er die Kunstschule. Die erste Stelle führte ihn ins bernische Burgdorf, zu Kurt Neukomm, dem damaligen Meister der Goldschmiedekunst. Schon bald wechselte er an die Fachhochschule in Schwäbisch Gmünd, wo er sich auch noch zum Schmuckdesigner und Silberschmied ausbilden liess. Als solcher konnte er anschliessend beim Hoflieferanten des schwedischen Königshauses, dem Silberschmied und Designer Sigurd Perrson, in Stockholm arbeiten.

Via Kloten an den Rennweg

1977 kam Wullschleger in die Schweiz zurück. Es war eine Phase der Rezession und Arbeitslosigkeit. Der junge Goldschmied fand keine passende Stelle. Er nistete sich bei einem Uhrmacher in Kloten ein und führte kleinere Reparaturarbeiten aus. Nebenbei betätigte er sich im Morgengrauen als Brotchauffeur. Alles ziemlich unbefriedigend für einen, der sich doch als Goldschmied beweisen wollte. Mutig suchte er den Ausweg in der Selbstständigkeit. Ein Bauernhaus an der Dorfstrasse in Kloten diente ihm als Atelier und Wohnhaus zugleich. Dort ging er nicht nur seinem Handwerk nach, sondern eröffnete auch die erste Galerie in Kloten. In den Anfängen stellten ihm Freunde Gold, Silber und Edelsteine zur Verfügung. Daraus fertigte er seine Kreationen an. Später wechselte er mit seinem Geschäft ins Zentrum der Flughafenstadt.

Sein Talent blieb nicht verborgen. Ein Edelsteinlieferant traute ihm Grosses zu und machte ihn darauf aufmerksam, dass am Rennweg in Zürich ein Goldschmiedegeschäft frei werde. Obwohl er selbst fand, das sei eine Nummer zu gross für ihn, wagte er den Schritt am 3. Januar 1998. Ohne finanzielle Hilfe von dritter Seite ging das nicht, auch wenn er am Rennweg nur eingemietet ist. Zunächst führte er die Geschäfte in Zürich und Kloten parallel. Kurz vor dem Zusammenbruch der Swissair gab er den Laden in Kloten auf. An der Brunngasse in Bülach fand er sein neues Wohndomizil für sich und seine brasilianische Frau. Vielleicht werde er sein künstlerisches Wirken in ein paar Jahren auch nach Bülach verlegen, sagt Wullschleger.

Cola- oder Red-Bull-Ring

Er fühlt sich mit dem Unterländer Städtchen verbunden. Deshalb hat er den Veranstaltern der Ende Monat stattfindenden Büli-Mäss vorgeschlagen, mit dem Messelogo – dem Büli-Mäxli – einen Schlüsselanhänger aus Massivsilber zu kreieren (siehe Bild). Es wird eine limitierte Auflage geben. Den Preis will Wullschleger noch nicht verraten. Auch für die Sablé-Kreation der Bäckerei Fleischli mit dem Büli-Mäxli war Wullschleger Ideengeber.

Mit 70 Franken sicher viel günstiger als der Schlüsselanhänger und erst noch origineller ist das zweite Angebot, das der umtriebige Goldschmied an seinem Stand an der Büli-Mäss bereithält: An seiner Bar darf man sich ein Dosengetränk auswählen. Entscheidend dabei ist nicht das Getränk, sondern die Dose. Denn aus der Dose presst er anschliessend sogleich einen Fingerring. Man muss also wissen, ob man einen Cola-Ring, einen Heineken-Ring oder einen Red-Bull-Ring will. Die Idee für diese Alu-Recycling-Ringe stammt nicht von ihm. Aber er ist der Einzige, der solche herstellt. Inzwischen gelangen diese Alu-Ringe auch in Bern, Zermatt, Stuttgart und Sydney zum Verkauf.

«Ich bin ein Spinner»

Ansonsten ist John R. Wullschleger aber kein Mann der billigen Dinge. Was bei ihm über den Ladentisch geht, kostet selten weniger als 1000 Franken. Stolz präsentiert er sein Collier aus Rotgold, Weissgold und naturfarbenen Diamanten in Navetteform im Wert von 100 000 Franken. Wullschleger ist spezialisiert auf Ringe und grosse Colliers. Er verfügt in Zürich über die grösste Kollektion von handgemachten Freundschafts-, Trau-, Ehe- und Partnerringen aus Gelbgold, Rotgold, Weissgold, Platin und Silber – oder eben aus Aluminium. Kein Wunder, wird er auch als «Herr der Ringe» bezeichnet.

Sein Fingerschmuck zeugt von kreativer Eigenwilligkeit. «Ich bin ein Spinner. Ich will mehr als bloss Ringe machen, ich will Kunst anbieten», sagt Wullschleger. Seine Kunden dürfen in der Werkstatt bei der Herstellung ihres Schmuckstückes dabei sein. Nicht die ganze Zeit, aber so zwischendurch. Oft investieren Wullschleger und seine beiden Goldschmiede so viel Zeit in die Schmuckstücke, dass sie sich am Schluss fragen, ob der Aufwand überhaupt noch verrechenbar ist. Das grosse Geld macht Wullschleger mit dem Perlenhandel und dem Verkauf von Diamantenketten. Daneben vertreibt er auch zwei Uhrenmarken, nämlich die Marke Ars, eine deutsche Designeruhr mit schweizerischem Uhrwerk und die russische Marke Sojus. Diese mechanische Uhr wurde ursprünglich nur für militärische Auszeichnungen in Russland produziert. Wullschleger ist der Einzige, der in Zürich russische Uhren verkauft. Auch dies ist wohl Ausdruck einer gewissen Spleenigkeit.

Metzgerhände für Frauen

John R. Wullschleger hat es noch nie bereut, dass er den Beruf des Goldschmieds ergriffen hat. Dies erstaunt nur insofern, als man sich schwer vorstellen kann, wie er mit seinen grossen Metzgerhänden die filigrane Arbeit des Feilens, Sägens und Bohrens an den kleinen Kunstwerken überhaupt ausführen kann. Aber Handwerk hat in seinem Falle wohl einen goldenen Boden. Und wenn ein Berufsmann sagen kann, 90 Prozent seiner Kunden seien Frauen, dann kann man bei seiner Arbeit doch eigentlich gar nicht unglücklich werden.

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Erstellt: 24.10.2010, 20:21 Uhr

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