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Der Elmar Ledergerber Winterthurs

Das Winterthurer Polit-Urgestein Ernst Wohlwend tritt nach zwanzig Jahren in der Stadtregierung zurück. Wie der Zürcher Alt-Stadtpräsident Elmar Ledergerber ist er umstritten und trotzdem populär.

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Mit Ernst Wohlwend tritt ein Mann ab, der über 40 Jahre in Winterthur politisiert hat. Zuerst als bissiger Parlamentarier, dann 20 Jahre als Mitglied der Stadtregierung. 2002 hat Wohlwend etwas fertiggebracht, das kein Linker zuvor in der ehemaligen Arbeiterstadt erreicht hatte: Er wurde Stadtpräsident. Dies, obwohl er sich in seiner Zeit als Gemeinderatsmitglied zahlreiche Feinde geschafft hatte und für das Winterthurer Establishment ein rotes Tuch war.

Keine graue Maus mehr

In Wohlwends Präsidiumszeit hat sich die Stadt stark entwickelt. Die frühere graue Maus gilt als attraktiv für Familien und Junge. Die Industriebrachen werden mit Leben gefüllt, die vielen Zuzüger haben Winterthur vor vier Jahren zur «Grossstadt» mit über 100'000 Einwohnern gemacht. Das ist auch Wohlwends Verdienst, der Stadtentwicklung zuoberst auf die Prioritätsliste gesetzt und damit fast übertrieben hat.

Wohlwend ist ein glänzender Verkäufer – ähnlich wie der 2008 zurückgetretene Zürcher Stadtpräsident Elmar Ledergerber. Hier und beim sozialdemokratischen Parteibüchlein enden die Parallelen aber nicht. Beide haben ihren Städten ein Gesicht gegeben, das auch ausserhalb der Stadtgrenzen bekannt war. Und beide haben sich im Amt politisch stark nach rechts entwickelt. Obwohl Wohlwend in jungen Jahren ein linker Bürgerschreck war, wird Winterthur heute nicht wirklich links regiert – trotz SP- und Grünen-Mehrheit im Stadtrat. Wie Ledergerber wurde Wohlwend mit der Zeit dünnhäutiger. Auf Kritik konnte er heftig reagieren. Aussetzer wie Ledergerbers berühmter Ausruf «Ökoterroristen» an die Adresse des VCS gab es aber nicht.

Kronfavorit ist ein CVPler

Auch verläuft Wohlwends Abgang etwas harmonischer. Dass er gleichzeitig mit der freisinnigen Stadträtin Verena Gick zurücktritt, zeugt von einer guten Atmosphäre in der Stadtregierung. Nun wird es spannend. Kann die SP das Präsidium halten? Kann die FDP ihren zweiten Sitz halten? Für beide Parteien wird es schwierig. Als Wohlwend-Nachfolger steht CVP-Mann Michael Künzle bereit. Der 47-Jährige ist in der Stadt populär und hat vor zwei Jahren gar mehr Stimmen geholt als der 65-jährige Wohlwend. Und der 37-jährige SP-Polit-Shootingstar Nicolas Galladé ist erst seit zwei Jahren im Stadtrat. Obwohl Mann der Zukunft, muss er aufpassen, nicht verheizt zu werden. Die bekannteste Winterthurerin, SP-Nationalrätin Jacqueline Fehr, kommt als polarisierende Figur eher nicht in Frage. Dass die SP ihren dritten Sitz im Stadtrat verteidigt, wäre aber keine Überraschung.

Comeback der SVP?

Die FDP wiederum wird Mühe haben, die Angriffe aus der Mitte und von rechts zu kontern. EVP-Mann Nik Gugger ist 2010 gewählt worden, aber als Überzähliger ausgeschieden. Zudem wittern grünliberale Aufsteiger ihre Chance. Und die 35-jährige SVP-Nachwuchshoffnung Natalie Rickli ist als mögliche Herausforderin ernst zu nehmen. Die grössere «Gefahr» für die Freisinnigen ist allerdings weniger bekannt. Es ist der 47-jährige SVP-Stadtparteipräsident Daniel Oswald - ein Nicht-Hardliner, der parteiübergreifend respektiert wird. Er könnte nach zehn Jahren für die Volkspartei die Rückkehr in die Regierung schaffen.

Erstellt: 07.03.2012, 17:53 Uhr

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