Der Eremit von Regensberg ist jetzt ein Obdachloser

Die Behörden haben den Unterstand von Karl Hürlimann in den Rebhängen von Regensberg abgerissen. Nun hat der pensionierte Ingenieur kein Dach mehr über dem Kopf.

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Von Caroline Bossert

Regensberg – Gestern im Morgengrauen haben ein halbes Dutzend Bauarbeiter Karl Hürlimanns Unterstand abgerissen. «Wir tun das nicht gerne, aber es ist die Aufgabe der Gemeinde, Rechtsentscheide zu vollziehen», sagte der Regensberger Gemeindepräsident Peter Schürmann, welcher der Aktion beiwohnte. Hürlimann hatte den Räumungsbefehl schon vor längerem erhalten. Und bereits mehrmals hatte die Gemeinde die Fristen verlängert. «Nun müssen wir einschreiten», sagte Schürmann. Er hielt eine Papiertasche in der Hand – mit Kaffee für den Mann.

Um 7.15 Uhr, eine Viertelstunde vor Abbruchtermin, warteten an der Strasse bereits die Bauarbeiter in ihren Lieferwagen auf das Startzeichen. Nebelschwaden hüllten den Rebberg ein und liessen die Eremiten-Baracke am Hang fast verschwinden. Eine Handvoll Journalisten packten ihre Kameras aus. Auch die Polizei war vor Ort. Nur der Hauptakteur liess auf sich warten.

Vom eigenen Land vertrieben

Über zwei Jahre lang hauste der selbst ernannte Eremit Hürlimann tagsüber in der Baracke im Rebberg und verbrachte die Nacht in einem Zelt – weil er keine Menschen mehr um sich herum ertrage.So begründete der pensionierte Ingenieur seine extravagante Lebensform. Obwohl das Grundstück ihm gehört, muss er weg. Für den Unterstand hatte er keine Baubewilligung. Das Bundesgericht ist auf seine Beschwerde gegen die Räumung im Juni gar nicht erst eingetreten.

Mit einer halben Stunde Verspätung schlurfte Hürlimann in Bergsteiger-Jacke und «Crocodile Dundee»-Hut dann doch noch die Treppen hinauf. «Eine richtige Nacht-und-Nebel-Aktion», kommentierte er das Geschehen und bezichtigte die Behörden des Raubes. Er rief nach der Polizei und kündigte an, die «neuen Landvögte» anzuzeigen. «Lasst mich doch in Ruhe. Ich tue doch niemandem was.» Er sei informiert und wisse, was hier geschehe, entgegnete Bauvorstand Willi Bader gelassen. Man entferne das Material. Hürlimann dürfe sogar wünschen, wohin man seine Habe bringen solle. Er wusste es nicht. Auf Baders Zeichen hin rückten die Bauarbeiter an. Mit Pikeln, Schaufeln und Brecheisen liefen sie an Hürlimann vorbei zum Unterstand. «Jetzt werden sie alles kaputt machen», sagte der Eremit. Die Männer rissen die Planen herunter, hebelten die Balken aus, entfernten das Plastikdach. Stück für Stück luden sie die gesamte Hütte in die Lieferwagen. Dabei kam das dürftige Interieur zum Vorschein: Bank, Tisch, Holzofen, Ablagen, Gewürzschrank, aber auch Bilder, bemalte Tücher und Souvenirs aus fernen Ländern. Zeugen einer Zeit, als Hürlimann noch als ABB-Inspektor durch die ganze Welt reiste und Gaskraftwerke kontrollierte.

Kaffee spendete keinen Trost

Karl Hürlimann packte seine Pfeife aus und sah dem Abbruch zu. So ruhig, wie er äusserlich wirke, sehe es aber in seinem Inneren nicht aus, versicherte er. «Ich habe mir diese Nacht in Zürcher Bars um die Ohren geschlagen. Ich wollte einfach alles vergessen und verdrängen», sagte der 76-Jährige. Schürmann schenkte dem Eremiten zum Trost etwas Kaffee ein. «Ein Gentleman», sagte Hürlimann. Die Wut im Bauch, die er für die Behörde empfinde, werde das Getränk aber nicht wegspülen können.

Vom Unterstand war inzwischen nur noch die Sitzbank vorhanden – sie darf bleiben. Die Bauarbeiter widmeten sich dem Geräteschuppen. Auch dieses Häuschen zerlegten sie säuberlich. «Passt auf. Die Biberschwanzziegel sind teuer», wies sie Hürlimann zurecht. «Fünf Franken pro Stück. Wenn einer kaputt geht, müsst ihr mir das zurückzahlen.» Der Räumungstrupp verstand: Die Männer stapelten die Ziegel vorsichtig im Lieferwagen aufeinander packten sie in Folie.

Ohne Dach bei Eiseskälte

Knapp zwei Stunden später standt Karl Hürlimann am Platz seiner ehemaligen Bleibe. Bei Temperaturen knapp über dem Gefrierpunkt – ohne ein Dach über dem Kopf.

Im Regen lässt man ihn aber nicht stehen. So wurde Oberweningen, wo Hürlimann angemeldet ist, über die Räumung informiert. «Im Notfall könnten wir bestimmt etwas für ihn arrangieren», sagt der dortige Gemeindeschreiber Kaspar Zbinden. Er geht jedoch nicht davon aus, dass sich Hürlimann in nächster Zeit an die Gemeinde wenden wird. «Wir haben ihm vor kurzem eine schöne 3½-Zimmer-Wohnung angeboten. Doch Hürlimann hat sie abgelehnt», sagt Zbinden. Wie es nun weitergehen soll, weiss Hürlimann selbst noch nicht. «Erst einmal werde ich in eine Beiz gehen», verrät er. Und dann? «Mal schauen.» Eine neue Plane habe er sich auf jeden Fall schon mal gekauft. «Die kann ich dann über eine Schnur hängen. Das wird ja hoffentlich keine Baubewilligung benötigen.» In eine Wohnung zu ziehen, das komme nach wie vor nicht infrage.Gemeindepräsiden Peter Schürmann schüttelt schüttelt darob den Kopf. «Ich hoffe, er wendet sich an Oberweningen und sucht eine Wohnung.»

Karl Hürlimann mit dem, was von seinem Heim übrig geblieben ist. Foto: Sibylle Meier

Erstellt: 29.11.2011, 06:25 Uhr

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