Der Sozialarbeiter an der Eishockeybande

Der neue ZSC-Assistenztrainer Bob Leslie ist weit herumgekommen. Fast keinem Klub blieb er lange treu – dafür dem linken Zürichsee-Ufer.

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Für seine Gesundheit tut Bob Leslie alles. Dass der neue Assistenztrainer der ZSC Lions den 60. Geburtstag schon hinter sich hat, ist ihm nicht anzusehen. In den vergangenen 12 Jahren hat Leslie nur gerade 4 Kilo zugenommen. Und das, obwohl er einem Glas Wein durchaus nicht abgeneigt ist. «Ich meide aber Pommes frites», sagt der zweite Mann an der Bande des Zürcher Eishockeytraditionsklubs zu seinem Ernährungsplan. Das alleine aber genüge natürlich nicht. «Bewegung in der freien Natur gehört zu meinem Pflichtprogramm. So laufe ich gerne am linken Zürichsee-Ufer entlang», sagt er. Auch in Fitnesscentern ist der Kanadier regelmässig anzutreffen.

Bob Leslie wohnt mit seiner Frau Barbara seit zwölf Jahren im Bezirk Horgen. Nur ein kurzer Unterbruch war dabei. Diese Konstanz erstaunt, denn Leslie ist in seinem Eishockeyleben weit herumgekommen und stolz darauf, dass er noch alle Stationen nennen kann (siehe Kasten).

Kühler Kopf

Am längsten am gleichen Ort arbeitete er beim EV Zug. Dort begann er 1988 auf Juniorenstufe seine Trainerlaufbahn. Als Chefcoach trainierte er in der Schweiz einzig den EHC Basel. Dort musste er aber im November 2003 nach zehn sieglosen Partien in Serie die Koffer packen. Ein Schicksal, das in diesem Business zum Berufsrisiko gehört.

Bei den ZSC Lions nimmt Bob Leslie einen neuen Anlauf. «Ich habe einen kurzen Arbeitsweg. Genau wie vor zwölf Jahren bei Zug», sagt er.

Leslie ist kein Mann der lauten Worte. Während andere Trainer bei schlechten Spielen ihrem Ärger freien Lauf lassen, ist Leslie jeweils nichts anzumerken. Er sagt, auch die Erfahrung helfe ihm, in hektischen Szenen einen kühlen Kopf zu bewahren. Wenn er mit den Leistungen eines seiner Spieler nicht zufrieden sei, suche er lieber das Gespräch unter vier Augen, als einen vor der ganzen Mannschaft schlechtzumachen. So tat er es auch, als er in Zug einmal einen Junior in einem Nachtklub erwischte – kurz vor einem wichtigen Turnier. Leslie machte kein grosses Tamtam, liess den Junior aber während des ganzen Turniers in Vollmontur auf der Bank. Danach, in der Meisterschaft, bekam der Spieler vom Trainer eine zweite Chance.

Zum ersten Mal mit Muller

Bevor Leslie sich dem Eishockey verschrieb, hatte er eine Ausbildung zum Sozialarbeiter gemacht. Im Gespräch ist er ein guter Zuhörer. Er fällt seinem Gegenüber praktisch nie ins Wort.

Leslie blieb trotz seiner zahlreichen Engagements in Deutschland, Grossbritannien und Österreich mit dem Schweizer Eishockey verbunden. So ist es kein Zufall, dass ihn mit ZSC-Lions-Headcoach Colin Muller ein alter Freund aus Zuger Zeiten nach Zürich geholt hat. Es ist allerdings das erste Mal, dass die beiden gemeinsam an der Bande stehen.

Heute beginnt mit einem Auswärtsspiel in Lugano die neue Meisterschaft. Die verschiedenen Aufgaben hat Leslie mit Muller genau abgesprochen. Der Horgner ist für die Verteidiger verantwortlich. Auch die Videoanalyse gehört zu seinem Aufgabenbereich. Aber am Schluss entscheidet immer Colin Muller.

Der ewige Assistent

Damit kommt Bob Leslie gut zurecht. In der Schweiz war er mit Ausnahme von Basel immer Assistent. Ihn stört auch nicht, dass er nur einen Einjahresvertrag bekommen hat. Beständigkeit ist im Sport ein seltenes Gut. Leslie schaut trotzdem nach vorne: «Ich versuche jeden Tag, das Beste zu machen. Ich kontrolliere dabei, was ich kontrollieren kann.» Dass bei mangelndem Erfolg das Eis meistens sehr schnell dünn wird, daran hat er sich in seiner langen Eishockeykarriere gewöhnt.

Für Bob Leslie ist Eishockey aber nicht das ganze Leben. «Ich denke nicht 24 Stunden an diesen Sport. Wichtig ist die Mischung.» Als Ausgleich spielt er Schlagzeug und macht mentales Training.

Ein Nomadenleben

Leslie schätzt es, dass seine Frau ihn während seiner ganzen Karriere begleitet und unterstützt hat. Weil sie für die Zurich International School arbeitet, konnte sie nicht immer mit ihm von Stadt zu Stadt und von Engagement zu Engagement ziehen. Doch die Ehe hat dieser temporären «Fernbeziehung» standgehalten. Die beiden sind seit mittlerweile 35 Jahren ein Paar.

Bob Leslie freut sich darauf, nach der Pensionierung öfters in der kanadischen Heimat vorbeischauen zu können. Beim Clear Lake in der Provinz Manitoba besitzt er ein Haus. Doch eines weiss Bob Leslie: «Wir werden sicher nicht im Winter dort sein. Zweistellige Minusgrade sind dort Usus.» So kalt werde es in der Schweiz selten. So ist es gut möglich, dass die Familie Leslie ihr europäisches Hauptquartier am linken Seeufer nicht so schnell verlassen wird.

Trotzdem will Leslie auch als Pensionär in der Welt herumziehen – geplant ist eine karitative Reise. Leslie sagt: «Wir wollen irgendwo hingehen, wo wir Leuten helfen können.» So wie er es in jungen Jahren während seiner Ausbildung zum Sozialarbeiter eigentlich im Sinn hatte.

Mehr Nachrichten und Hintergründe vom linken Seeufer gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an horgen@tages-anzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.09.2010, 21:37 Uhr

Seine Spieler erhalten immer eine zweite Chance: Bob Leslie, Eishockeytrainer. (Bild: Patrick Gutenberg)

Bob Leslie

Bob Leslie wurde am 25. Januar 1950 in Carburry in der kanadischen Provinz Manitoba geboren. Dieser Ort liegt am Transcanada-Highway westlich von Winnipeg. Er spielte Eishockey in verschiedenen Ligen, schaffte aber nie den Sprung in die NHL. So wurde er Trainer. 1988 holte ihn der ehemalige EVZ- und ZSC-Trainer Andy Murray in die Schweiz. Unter anderem war Leslie in Zug auch für den Nachwuchs verantwortlich. 1998 stand er beim einzigen Meistertitel des EVZ als Assistent von Sean Simpson an der Bande. Danach begann das Nomadenleben von Bob Leslie. Er arbeitete bei den Köln Sharks, den London Knights, Feldkirch, Krefeld, Wolfsburg und in Hamburg. In der Schweiz betreute er den EHC Basel. Das war 2003. Danach arbeitete er wieder vorwiegend in Deutschland, kehrte aber immer wieder ans linke Zürichsee-Ufer zurück.

Nun hofft Leslie, dank den ZSC Lions wieder in der Schweiz Fuss fassen zu können. Beim Zürcher Klub ist er hauptsächlich für die Verteidigung verantwortlich. (mor)

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