Der Weg zum besten Tiefenlager

Alle Standorte wären für die Lagerung radioaktiver Abfälle geeignet gewesen. Vier hatten aber eindeutige Schwächen.

Primat der Sicherheit: Die Suche nach einem geeigneten Standort erweist sich als mühselig. Foto: Keystone

Primat der Sicherheit: Die Suche nach einem geeigneten Standort erweist sich als mühselig. Foto: Keystone

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Wissenschaftler wünschen sich gemeinhin mehr Freiheiten, als sie die Forscher der Nationalen Genossenschaft für die Lagerung radioaktiver Abfälle (Nagra) haben: Diese haben nämlich keine. Was zu tun ist, diktieren das Kernenergiegesetz, der Sachplan geologische Tiefenlager des Bundes und die Vorgaben des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (Ensi). Bei der Suche nach dem besten Lagerstandort für radioaktive Abfälle gilt das Primat der Sicherheit. Das heisst: Ein mögliches geologisches Gebiet für den Bau eines Tiefenlagers wird zurückgestellt, wenn es eindeutig sicherheitstechnische Nachteile aufweist.

Die Nagra engte die Auswahl der Standorte mithilfe von 13 Kriterien und rund 40 Indikatoren ein, um die Lagerorte für hoch radioaktiven, schwach und mittel radioaktiven Abfall zu vergleichen. Im Zentrum stand die Frage, wie gut der Untergrund als natürliche Barriere dient, also verhindert, dass radio­aktive Partikel aus dem Tiefenlager gelangen können und zum Strahlenrisiko für Mensch und Natur werden.

Problematische Erosion

Für hochaktive Abfälle wurde schon lange entschieden, dass der Opalinuston das beste Gestein dafür ist. Die Tonmineralien quellen bei Kontakt mit Gebirgswasser auf, Risse werden dabei von selbst abgedichtet. So entstehen keine Wasserwege entlang der Stollen. Laborexperimente und Studien im grossen Massstab im Mont-Terri-Stollen bei Saint-Ursanne ergeben Daten, mit denen berechnet werden kann, dass die Schutzkriterien für die Strahlendosis beim Opalinuston bei weitem eingehalten werden. Diese liegt 20- bis 50-mal unter der natürlichen Strahlenbelastung, etwa durch Gestein. Selbst die Mergelschichten im Wellenberg erfüllen diese Vorgaben.

«Alle sechs Standorte wären aus der Sicht der geologischen Barriere für ein Tiefenlager infrage gekommen», sagt Piet Zuidema, Leiter Technik und Wissenschaft bei der Nagra. Dennoch konnten Unterschiede ausgemacht werden. Zum Beispiel beim Standort Jura-Südfuss: Dort liegen unter- und oberhalb der Opalinustonschichten Wasser führende, spröde Kalkbänke – mit einem Tongehalt von unter 40 Prozent. Das schwächt die Abdichtung und damit die natürliche Barriere. «Für uns war das ein Hauptgrund, den Standort fallen zu lassen», sagt Piet Zuidema.

Ein anderes Kriterium war die Gesteinsüberdeckung des Opalinuston. Ohne einen Sedimentdeckel blättert der Ton und verliert dabei seine Eigenschaften. Da die Tiefenlager je nach Stärke der Radioaktivität des Abfalls 100 000 bis eine Million Jahre dicht sein müssen, muss davon ausgegangen werden, dass bei der nächsten Eiszeit das vorstossende Eis die Oberfläche Hunderte Meter tief ausgräbt. Beim Standort Südranden wäre der Deckel zu wenig mächtig gewesen.

Zu wenig Platz in der Tiefe

In Nördlich Lägern wiederum fand die Nagra eindeutige Nachteile vor allem in der Tiefenlage, aber auch in der Tektonik. Die ausgewählte Standortfläche befindet sich am Rand des sogenannten Permokarbontrogs, der sich mächtig durch die Nordschweiz zieht. Ein mehrere Kilometer tiefer, mit Sediment gefüllter Trog, der während der Alpenbildung durch den Gesteinsdruck vom Süden arg beansprucht wurde. Das Tiefenlager hätte dort – um die tektonische Störung zu umgehen – allzu tief gebaut werden müssen, was zu einer Schädigung des Gesteins führen würde.

«Die Fläche für ein Lager wäre in der bevorzugten Bautiefe von maximal 700 Meter viel zu klein», sagt Zuidema. Innerhalb der bisherigen Standortauswahl ragt der Wellenberg heraus, der eine Option für die Lagerung von schwachund mittel radioaktivem Material war. Die Schutzkriterien für den Strahlenschutz waren auch hier erfüllt. Die eindeutigen Nachteile sind jedoch im Mergelgestein zu suchen, das nicht die gleiche Abdichtungsstärke wie der Opalinus­ton hat. Zudem ist der Berg im Alpenraum tektonisch stärker beansprucht als im Mittelland.

Die Nagra plant in den auserkorenen Regionen, in Zürich-Nordost und Jura-Ost, mithilfe von 3-D-Seismik die Gesteinsabfolge noch besser aufzuschlüsseln. Zudem reicht sie in diesem Jahr Bohrgesuche für beiden Standorte ein.

Erstellt: 30.01.2015, 23:36 Uhr

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