Der letzte FDP-Stapi lässt Parteifreund Leutenegger im Stich

Ausgerechnet Alt-Stadtpräsident Thomas Wagner ist Mitglied im Komitee von Corine Mauch. Wie erklärt er das?

«Mauch ist die geeignetere Persönlichkeit für das Präsidium»: Thomas Wagner, hier im Jahr 2005.

«Mauch ist die geeignetere Persönlichkeit für das Präsidium»: Thomas Wagner, hier im Jahr 2005. Bild: Alessandro Della Bella/Keystone

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Er war der letzte bürgerliche Stadtpräsident Zürichs: Thomas Wagner, Mitglied der FDP, Präsident der Gesellschaft Schweiz - China, Ehrenbürger von Kunming. 24 Jahre lang war der Jurist und Mediziner Stadtrat von Zürich, von 1982 bis 1990 amtierte er als Stapi, ehe er von Josef Estermann (SP) nach einer Kampfwahl abgelöst wurde. Seither regiert in Zürich eine rot-grüne Mehrheit.

Das bürgerliche Dream-Team «Top 5» soll dieses Ungleichgewicht bei den Wahlen vom 9. Februar sprengen, angeführt von Nationalrat Filippo Leutenegger (FDP), der gleichzeitig Stapi werden will. Gelingt dem Nationalrat der Coup gegen die amtierende Sozialdemokratin Corine Mauch, wäre 24 Jahre nach Thomas Wagner in Zürich erstmals wieder ein Freisinniger an der Macht.

Doch nun versagt ausgerechnet Wagner seinem Parteifreund Leutenegger die Unterstützung. Der 70-Jährige ist Mitglied im Komitee von Corine Mauch. «Sie ist die geeignetere Persönlichkeit für das Stadtpräsidium», sagt Wagner. Mauch kenne die Dossiers, sei kulturell offen und habe eine positive Haltung zur wirtschaftlichen Entwicklung der Stadt Zürich. «Es freut mich, dass sie sich für die Greater Zurich Area einsetzt und auch Kontakte ins Ausland pflegt.»

Wagner meint damit etwa die Städtepartnerschaften mit San Francisco und Kunming in China. Letztere hat er 1982 als Stapi initiiert, wofür er zum Teil heftige Kritik einstecken musste – auch aus den eigenen Reihen. Sein Engagement sei auf keinen Fall eine späte Retourkutsche, sagt Wagner: «Ich bin nicht nachtragend. Ausserdem hat mir die Geschichte recht gegeben.» Er unterstütze Corine Mauch als Mensch und als Stadtpräsidentin. Sie könne alle Gesellschaftsschichten und Altersklassen der Stadt Zürich besser vertreten als Leutenegger. «Corine Mauch ist an der Aufgabe als Stadtpräsidentin gewachsen.»

Leuteneggers SVP-Spuren

Filippo Leutenegger hingegen habe politisch und inhaltlich wenig Spuren hinterlassen, sagt Wagner. «Wenn, dann sind diese meistens SVP-lastig.» Leutenegger wirke oft polarisierend und habe einen Hang zum Opportunismus. «Filippo Leutenegger war ein sehr guter ‹Arena›-Moderator des Schweizer Fernsehens.»

Wählt Wagner, der von 1969 bis 2002 im Rathaus bürgerliche Politik machte, im Februar Rot-Grün? «Nein, ich wähle liberale Persönlichkeiten auf der FDP-Liste», sagt Wagner. Auch Leutenegger darf mit seiner Stimme rechnen, wenn es um die Verteilung der neun Stadtratssitze geht. Doch Exekutivwahlen, speziell Stadtratswahlen, seien eben Persönlichkeitswahlen.

FDP-Kandidat Filippo Leutenegger mimt in der Sache den Coolen. Er habe überhaupt kein Problem damit, dass Wagner seine Gegnerin unterstütze. «Wir sind eine liberale Partei, ich nehme das gelassen.» Er kenne Wagner «seit Ewigkeiten», sagt Leutenegger, politisch oder geschäftlich habe er aber nie mit ihm zu tun gehabt. Die Aussage stimmt so nicht ganz. Als im Fernsehen über das Projekt HB-Südwest (Eurogate) gestritten wurde, interviewte Moderator Leutenegger den Politiker Thomas Wagner.

Seinen Ärger zum Ausdruck bringt dafür FDP-Stadtparteipräsident Michael Baumer, einer der Architekten von «Top 5»: «Ich bin doch einigermassen überrascht», sagt Gemeinderat Baumer. Die Stadtpartei habe Filippo Leutenegger einstimmig zum Kandidaten für den Angriff aufs Stadtpräsidium erkoren. Dass Wagner jetzt öffentlich Mauch unterstütze, sei irritierend, sagt Baumer. «Ich hätte von einem ehemaligen Exponenten der FDP mehr Fingerspitzengefühl erwartet.»

Freut sich über Unterstützung

Alt-Stadtrat Martin Vollenwyder (FDP) wird sowohl Mauch als auch Leutenegger in den Stadtrat wählen. Für wen er beim Kampf ums Stadtpräsidium votiert, will er aber für sich behalten. Auch der amtierende FDP-Stadtrat Andres Türler beruft sich bei dieser Frage aufs Wahlgeheimnis. Er arbeite sehr gern mit Mauch zusammen, da sie den Stadtrat sehr persönlich führe und im Gegensatz zu ihrem Vorgänger Elmar Ledergerber nicht sich selbst, sondern das Gremium in den Vordergrund stelle. Deshalb habe er nicht den Wunsch, dass Mauch abgewählt werde, sagt Türler. Natürlich liege aber auch eine Wahl des Parteikollegen Leutenegger nahe.

Corine Mauch kommentiert die Unterstützung aus dem bürgerlichen Lager nüchtern. Sie freue sich über die Unterstützung durch Thomas Wagner und ihre beiden Vorgänger Josef Estermann und Elmar Ledergerber (beide SP). «Ich schätze dieses Vertrauen in meine Arbeit.» Neben ehemaligen Zürcher Politgrössen sitzen auch aktive Parlamentarier in Mauchs Komitee. So zum Beispiel die SP-Nationalrätinnen Jacqueline Badran und Jacqueline Fehr oder die grünen Nationalräte Bastien Girod, Daniel Vischer und Balthasar Glättli. Zu Corine Mauchs prominenten Fürsprechern aus der Kulturwelt gehören unter anderen der Schriftsteller Urs Widmer und die Sängerin Sophie Hunger. Konkurrent Filippo Leutenegger hat die Mitglieder seines Komitees noch nicht bekannt gegeben.

Erstellt: 08.01.2014, 06:38 Uhr

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