«Deubelbeiss wurde als Ausbund des Teufels wahrgenommen»

Der Publizist Willi Wottreng sprach als letzter Journalist mit dem Gangsterduo.

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Mit Willi Wottreng sprach Benno Gasser

Begonnen hat es mit einem Erlebnis aus meiner Kindheit in Uitikon. In der Nähe meines Schulwegs wurde damals die Leiche des ermordeten Bankiers Armin Bannwart gefunden. Da wusste ich, in diesem Wäldchen ist etwas Schreckliches passiert. Rund fünf Jahrzehnte später befasste ich mich als Historiker mit dem Fall. Im Staatsarchiv entdeckte ich unerforschte Akten. Solche Bestände sind für einen Historiker eine Goldmine.

Ich wollte vor allem wissen, wie stark eine politische Gesinnung bei den Taten mitspielte. Auf der einen Seite waren es kriminelle Taten, ein brutaler Raub, ein Mord. Auf der anderen Seite hiess es immer, es sei eine politische Tat gewesen. Das wollte ich ergründen.

Nein. Aber sie waren wie freigesetzte Steine aus einem Felsen, der einmal Arbeiterbewegung geheissen hatte. Und vor allem in Genf war Deubelbeiss durchaus ein aktiver PdA-Funktionär, wenn auch in einer kleineren Charge. Letztlich verübten sie aber die Taten, um sich selber zu bereichern.

Dies liegt an der veränderten Wahrnehmung und nicht an der kriminellen Tat. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs traten bereits ein paar Mal Gangster ins Rampenlicht, wie man sie schon seit wenigen Jahren aus Chicago-Gangster-Filmen kannte. Plötzlich befürchteten die Leute, wir in der friedlichen Schweiz haben den Krieg überstanden, werden aber von einer internationalen Gangsterwelle erfasst. Als dann das Duo zuschlug, glaubte niemand mehr an einen Zufall.

Auf der Selbstwahrnehmungsebene hatte sie ihre Unschuld verloren. In Tat und Wahrheit nahm die Zahl der Schwerverbrechen aber nicht sprunghaft zu. Das neue Massenmedium Radio trug viel zu dieser veränderten Wahrnehmung bei. Erstmals wurde es wiederholt bei der Fahndung eingesetzt. Die Bevölkerung wurde aufgerufen, verdächtige Personen und Beobachtungen zu melden. Das verursachte eine ungeheure Aufregung und führte zu einer grossen Beachtung des Kriminalfalls. Man kann bestimmt sagen, dass in diesen Tagen eine gewisse Sorglosigkeit verloren ging.

Mit Herrn Deubelbeiss habe ich zweimal am Telefon gesprochen. Er erklärte ausführlich, warum er nicht mit mir reden wolle. Daraus ging hervor, dass er die ganze Gesellschaft ablehnt und er seine Handlung im Vergleich zu dem, was in der Politik passiert, für harmlos hält. Er erwähnte auch die Ärzte, die sich bereicherten. Ich würde ihn als renitent, unbeugsam und uneinsichtig bezeichnen. Herr Schürmann lud mich zu sich nach Hause ein und erklärte mir während rund dreier Stunden, warum er nicht mit mir reden wolle. Er wollte nicht einen Satz des Bedauerns äussern, erzählte dafür viel von seinem Engagement, das er nach seiner Freilassung leistete. Ich denke, damit wollte er mir sagen: Wenn tätige Reue nicht genug ist, warum soll ich dann noch ein Lippenbekenntnis ablegen. Er wollte zeigen, dass er ein anständiger Mann geworden ist. Für mich klang das glaubwürdig. Im Gefängnis Regensdorf mauserte er sich innert kurzer Zeit zum Mustergefangenen. Er blieb ein politischer Mensch, der mit dem damals maoistischen China sympathisierte.

Für mich als Aussenstehenden ist eine solche Beschreibung schwierig. Schürmann erschien mir als impulsiver Romantiker. Einer, der fantastische Ideen hat und empört darüber ist, was er sieht. Deubelbeiss war eine kühl kalkulierende Person, von Beruf Mechaniker, sehr verbittert. Auch Einzelgänger, menschenfeindlich, der dem nachgeht, was er gerade für richtig findet.

Er wurde als gefährlichster Ausbund des Teufels wahrgenommen und im Gefängnis auch so behandelt. So sass er lange in einer Einzelzelle. Er wurde als Schwerstverbrecher eingestuft, ohne Chance, im Gefängnis eine Aus- oder Weiterbildung absolvieren zu können. In den 60er-Jahren explodierte er bei einem Gespräch mit dem Gefängnisdirektor, als ihm erneut die versprochenen Hafterleichterungen vorenthalten wurden. Er stach mit einem Küchenmesser auf den Direktor ein und verletzte ihn schwer. Dadurch verlängerte sich seine Gefängnisstrafe um ein Jahr. Er sass 25 Jahre im Gefängnis.

Die Nachbarn kannten die wahre Identität von Ernst Schmid nicht. Er arbeitete bei der Kehrichtverbrennung der Stadt Zürich. Auch seine Arbeitskollegen wussten nichts von dessen krimineller Vergangenheit. Sie erinnerten sich daran, dass er immer davon erzählt habe, ein mechanisch funktionierendes Glücksspiel zu bauen, mit dem man viel Geld gewinnen könne. Sie haben ihn als zurückgezogenen, aber guten Arbeiter und Kollegen beschrieben. Bei Schürmann kenne ich nur seine Darstellung. Er arbeitete eine Zeit lang in einer Elektrofirma und lebte in seiner Gemeinde als unbescholtener Bürger.

Die Polizei ging lange Zeit davon aus, bei den Tätern handle es sich um Ausländer oder Kommunisten, weil ein normaler Schweizer nie eine solche Tat begehen würde. Bei den Ausländern ist man schnell fahndungsmässig aufgelaufen. Dann überprüfte man Dutzende von Mitgliedern der Partei der Arbeit, PdA. Aber Schürmann und Deubelbeiss waren nicht mehr in der PdA aktiv.

Auf technischer Ebene waren sie sehr raffiniert, vor allem Deubelbeiss. Waffentechnisch wussten sie oft mehr als die Polizei: die Verkürzung der Maschinenpistole, das einseitige Anmalen des Magazins der Maschinenpistole, damit man es nachts nicht falsch herum einsetzt. Untersuchungen der Polizei zeigten, dass die verkürzte Waffe mindestens so präzis war wie die Original-waffe. Das Anmalen des Magazins übernahmen damals zwei Polizeikorps. Deubelbeiss war ein raffinierter Techniker.

Willi Wottreng

Der Publizist schrieb ein Buch über die beiden Gangster Schürmann und Deubelbeiss. (Deubelbeiss & Co., Orell Füssli)

Erstellt: 06.12.2011, 06:28 Uhr

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