Die Disco ist tot, es lebe die Disco!

Morgen zeigt das Riffraff den Dokfilm «Dachkantine - Salto Mortale Finale». Wir nehmen die cinéastische Hommage zum Anlass, zehn «verstorbenen» Zürcher Nightclubs nachzutrauern.

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Haben Discos eine Seele? Würde diese im Sterbefall gen Himmel gleiten oder zur Hölle fahren? Und gibt es eigentlich einen Friedhof für verstorbene Nachtklubs? Spirituelle Fragen, welchen man durchaus mal nachgehen könnte. Bis es so weit ist, beschäftigen wir uns jedoch mit der Gegenwart - tote Discos sind nämlich auch hier und jetzt ein Thema.

Der letzte städtische Tanzschuppen, der seinen Odem aushauchte - es ist zirka drei Wochen her - war der «Club» an der Langstrasse 83; Insider munkeln von Misswirtschaft. Klar ist: Verschnäuzte Schnudderlumpen wird es wenige geben; der Club hatte es trotz diverser Konzeptanpassungen nie geschafft, ein Stammpublikum zu finden.

Ganz anders war das bei der Dachkantine. Als im einzigartigen Hybrid aus Club und Kulturplattform, situiert auf dem Dach der Toni-Molkerei, die Tore für immer zugingen, war die Trauer gigantisch; die Wehmut hallt bis heute, rund dreieinhalb Jahre später, nach.

Wenigstens existieren von der Dachkantine zwei Zeitdokumente, welche die Souvenirs an die ewigen Nächte hochhalten. Das eine ist das Buch «Dachkantine» (Hrsg. Tom Maurer und Michel Häberli, Edition Forma, 2006), das andere ist die cinéastische Hommage «Dachkantine - Salto Mortale Finale», die das vierwöchige Abschlussfestival festhält (TA vom 28. 2.). Premiere hatte der Dokfilm im Februar in der Roten Fabrik; in den kommenden Tagen wird er in Zürich, Bern und Basel nochmals gezeigt.

Derweil die Dachkantine dank dieser Memorabilia virtuell weitertanzt, sind andere «verstorbene» Zürcher Nightlife-Spots längst im Nebel des Vergessens verschwunden. Jenen Clubs, die den damals herrschenden Zeitgeist mitgeprägt haben, wollen wir heute durch einen sehnsüchtigen (und, da es keine verlässlichen Dokumente gibt, auch verklärten und unscharfen) Blick in den Discohimmel nochmals nachtrauern. Die Auflistung ist bewusst alphabetisch geordnet und hat keinen Ranglistencharakter.

Aera. Das Aera, mitten in die Altstetter Industrieromantik gepflanzt, war das sympathische Kleinod von Willy Bühlmann. 1996 hatte der Fernweh-Luzerner das verwinkelte Etablissement mit den zwei Dancefloors als illegalen Homosexuellen-Club lanciert; Jahre später durfte er seinen Techno-Laden dann legal betreiben. Als Bühlmann 2002 das Konzept anpasste und das Aera auch der Hetero-Szene öffnete (welche mit Begeisterung reagierte), zeigten ihm die Schwulen die eiskalte Schulter. 2004 hatte Bühlmann genug und hörte auf.

All. Im All an der Zentralstrasse in Wiedikon fühlten sich die Tech-Heads der Nineties bisweilen wirklich wie im (Welt-)All. Wenn der vordere Floor wieder mal so dicht mit Trockennebel gefüllt war, dass man die eigenen Füsse nicht mehr sehen konnte, dazu monoton wummernde Bässe die Bauchgegend massierten und die eingeworfenen Stimulanzien langsam ihre farbenfrohen Wirkstoffe freisetzten, mutierte manch Besucher zum menschlichen Raumschiff «Entreprise». Die Getränkepreise waren fair, und zu futtern gab es meist auch noch was Leckeres.

Big Apple. Das Big Apple, unmittelbar neben dem Letzigrund gelegen, wurde 1979 von Albi Matter eröffnet. Yep, Albi Matter, seines Zeichens Zürcher Country-König. Crazy, denn im Big Apple, dessen Design tatsächlich an New York erinnerte, lief der düsterste Elektronik-Sound der Stadt. Dunkel, ja meist schwarz, war auch die vorherrschende Farbe der Klamotten. Damals wirkte das im Fall noch ziemlich cool.

Black & White. Das Black & White in Wollishofen ist hier stellvertretend für alle Discokeller genannt, die meist in Schul- oder Kirchgemeindehäusern sowie in Freizeitanlagen eingemietet waren (andere Beispiele: Das Pitch Pint in Küsnacht, die Black Rose in Leimbach, das 13 in Wipkingen). Im Black & White hüpfte die wilde Wollishofer Jugend zu Soft Cell oder Alberto Camerini und knutschte zu «Je t’aime moi non plus» von Gainsbourg/Birkin. Und ja, Alk wurde auch ausgeschenkt - aber in sehr dezenten Mengen, ehrlich.

Café Pony. Das Pony beim Bellevue, zuvor ein beliebtes Livemusik-Lokal, wurde 1967 zur «nach englischem Vorbild umgebauten Discotheque» (Eigenwerbung). Das Pony war zwar nicht das erste Zürcher Dancing, doch weil mit Talent-Scout Teddy Meier und Pop-Dandy Hardy Hepp zwei der schrillsten Szenevögel an den Plattentellern standen, wurde es rasch zum heissesten Schuppen der Stadt. Polizeistunde war damals übrigens um 23.30 Uhr.

Entertainer. Das Entertainer, in der tristen Endphase wegen des abgewrackten Designs und des kaputten Publikums auch «Container» genannt, war in den besten Tagen ein Inlokal mit Weltruf; in den Seventies hingen hier sogar die Boomtown Rats rum. In den Eighties war der Club nahe des Limmatquais die laute Oase all jener, die mit Discobeats nichts anfangen konnten - hier tobte der Bär zu Punk und New Wave. Beliebt war auch, dass man das Gesöff selber mitbringen konnte; Gläser und Eis gabs an der Bar. Als später der Techno Einzug hielt, wars um den Kult des Entertainer passiert; er erbleichte und starb.

Flamingo. Stimmt, das Flamingo gibt es noch. Aber mit dem «Flämmli», dem berühmt-berüchtigten Nachtklub der Achtzigerjahre, hat das aktuelle Unding nichts mehr zu tun. Damals war der Türsteher ein Rambo, der auch mal den Fön (nicht den fürs Haar) zückte, wenn einer blöd rummaulte. Die Wodka- und Rumflaschen brachte man selber mit, und manch einem, der zu viel intus hatte, konnte es passieren, dass er im Club mit einer Frau flirtete, die sich Stunden später, im Schlafzimmer, plötzlich als Mann entpuppte. Tja. Getanzt wurde vornehmlich zu House.

Flash. Das Flash war in den Achtzigerjahren eine Disco im Kongresshaus. Und das Flash war, mindestens in den diffusen Erinnerungen des Schreibenden, nichts Geringeres als das Studio 54 von Zürich! Ein geiler hoher Raum. Hedonisten und Prinzessinnen wohin das Auge reichte. Der DJ auf der Empore, der Sound dreckig, schön und sexy . . . und bestimmt gab es auch eine Menge weisses Pulver. Doch davon bekam der Schreibende nichts mit. Gut so.

Pasadena. Das Pasadena, vis-à-vis vom Carparkplatz, war eng und heiss und optisch nicht besonders attraktiv. Und doch war es in der Blütezeit, Mitte bis Ende der Achtzigerjahre, der absolute Hipster-Laden - wenigstens für all jene, die im «Flämmli» nicht reinkamen. Die Beliebtheit des «Pasa» lag in erster Linie an den Resident-DJs (ja, so was gab es damals schon), die eine breite Palette an alter und neuer Disco- und Clubmusik auflegten - und dies bis zum Morgengrauen. Allenfalls wurde hier die After-Hour erfunden.

Roxy. «Hey zwäääg, Stägeli-uf-Stägeli-ab» - das war die idiotische Standardbegrüssung des typischen Roxy-Gängers in den Neunzigerjahren, als bedrohliche Acid-House-Sirenen durchs elegante Lokal heulten, welches man tatsächlich nur über eine steile Treppe erreichte. Doch der trendige Member-Club an der Beatengasse, der über den sinnlichsten Dancefloor der City verfügte, hatte auch wirklich exklusive Nächte erlebt. Nächte, in welchen sich Stars wie Prince oder Elton John nach ihren Zürcher Gigs hier ein paar «Schlummis» genehmigten.

Das wärs. Und nun geht es sicher gleich los, das böse Geschnatter. Was ist mit The Club in Oerlikon, wo Butterfly & Whiteside in einem parkierten Helikopter auflegten? Was ist mit der Toni-Molkerei? Dem Luv? Oder der einstigen Riesendisco Black Out beim Flughafen? Wo bleibt das Jail? Das Cubanito? Das Ugly in Richterswil? Das Dillons? Das Kuk-Kuk? Wo die Limmatbar, wo man sich mit literweise Erdbeer-Margeritas ins Elend beförderte? Oder hey, was ist mit dem La Ferme, wo man schon zum Apéro Telefonsex haben konnte? Stimmt total, das sind alles auch unvergessliche Lokale . . . aber halt nicht ganz so unvergesslich wie jene auf der Liste.

«Dachkantine - Salto Mortale Finale», morgen, 16, 20 und 22 Uhr, Riffraff 3.

Discoschuppen kommen und gehen, doch die Kugel bleibt. Foto: Eva Z. Genthe (Visum) (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.11.2009, 02:04 Uhr

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