Die Glocken dürfen uns weiter wecken

Jahrelang haben Lärmgegner die Kirchen mit Klagen in die Defensive gedrängt. Jüngste Gerichtsentscheide verschaffen jetzt aber dem himmlischen Geläut und dem weltlichen Stundenschlag wieder etwas Luft.

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Von René Donzé

Zürich – Der Mann erlebte ein böses Erwachen, als er vor einigen Jahren aus dem Kanton Bern zurück in den Kanton Zürich nach Glattfelden zog: Morgens um sechs begannen die Glocken in der bloss 150 Meter von seinem Wohnhaus entfernten Kirche zu läuten. Im Kanton Bern gibt es schon seit ewiger Zeit kein Frühgeläut mehr. «Ich glaubte, jetzt sei der Krieg ausgebrochen», sagt der Mann, der nicht mit Name in der Zeitung stehen möchte. Also verkaufte er sein Haus und erwarb eine Terrassenwohnung in Affoltern am Albis. Mit wunderschöner Lage und Blick ins Tal.

Morgens aber wird er auch dort geweckt. Das Geläut der etwas weiter entfernten Kirche dringt mit 58 Dezibel an sein Ohr, wenn er bei offenem Fenster schläft. Das haben amtliche Messungen ergeben. 58 Dezibel sind für ihn zu viel, für die Richter des Verwaltungsgerichtes Zürich indes zu wenig. Es trat auf seine Lärmklage nicht ein. Er sei zur Klage gar nicht legitimiert, befanden die Richter. Die Begründung: Laut Gutachten des Bundesamtes für Umwelt (Bafu) ist erst ab 60 Dezibel mit Aufwachreaktionen zu rechnen. Das entspricht etwa einem Fernseher auf Zimmerlautstärke oder einem normal sprechenden Menschen in einem Meter Entfernung.

«Die Situation ist im Moment nicht so günstig für uns», sagt Samuel Büchi von der IG Stiller, die landesweit gegen Glockenlärm kämpft (Interview rechts). Vor allem, weil schon im Sommer das Bundesgericht einen für Glockengegner unbequemen Entscheid gefällt hatte: Es schützte den nächtlichen Glockenschlag in Gossau, weil dieser Tradition habe.

Ein wegweisender Entscheid

Andreas Keiser, Präsident des Zürcher Verwaltungsgerichts, spricht dem Fall Affoltern «wegweisende Bedeutung» zu. Erstmals hatte sein Gericht die Frage der Legitimation beurteilt. Und verneint. Es kam zum Schluss, dass eine gewisse Intensität des Lärms vorhanden sein muss, damit eine Gemeinde einschreiten muss. In früheren Fällen trat das Gericht auf Klagen ein, weil die Klagenden näher bei der Kirche wohnten. In mehreren Fällen wurden die Kirchen angewiesen, ihr Frühgeläut zu verschieben – auf sieben oder mindestens auf sechs Uhr, weil die Polizeiverordnung ihrer Gemeinde bis dann Nachtruhe vorschreibt (Kasten unten).

Allerdings müssen sich die Kirchen nicht zwingend an diese Nachtruhezeiten halten. «Es ist stets ein Abwägen der Interessen», sagt Keiser. Weil die Kirchen zum Teil schon Jahrhunderte lang läuten und ihr Glockenklang damit älter ist als jede Umwelt- und Lärmschutzgesetzgebung, gelten für sie andere Regeln als etwa für den Presslufthammer eines Bauunternehmens oder die Beschallungsanlage einer Gartenbeiz. «Kirchen gelten lärmtechnisch als Sanierungsfälle», so Keiser. Gemacht werden muss, was zumutbar ist.

Zumutbar können technische Massnahmen sein. So haben die Kirchen Balgrist (Zürich) und Wiesendangen Plexiglasscheiben in die Öffnungen der Kirchtürme eingezogen, um den Schall zu dämpfen. Oft reicht es auch, den Klöppel einer Glocke zu ersetzen, um den Klang angenehmer zu machen. Oder den Glockenstuhl zu sanieren. Der reformierte Kirchenrat des Kantons Zürich empfiehlt seinen Gemeinden, solche Massnahmen zu prüfen, wenn Klagen eintreffen, wie dessen Sprecher Nicolas Mori sagt (Interview rechts).

Schwieriger wird es, wenn Anwohner fordern, das Frühgeläut soll verschoben werden oder die Kirche in der Nacht verstummen. Solche Massnahmen sind auch aus Sicht der Gerichte nicht immer zumutbar, wie das Urteil Gossau zeigt. Zwar sind der nächtliche Stundenschlag und das Geläut am Morgen nicht gottgegeben.«Aber beides hat für einen grossen Teil der Bevölkerung symbolischen Charakter», so Mori.

Wenige Glocken verstummen

Weder die reformierte noch die katholische Kirche schreibt den Kirchgemeinden vor, wann und wie geläutet werden soll. Die Katholiken richten sich im reformierten Kanton Zürich oft nach der reformierten Kirche, weil diese zuerst dort war, wie Synodalratssprecher Aschi Rutz sagt.

Bei den Reformierten fehlte bislang eine Übersicht über die Praxis in den einzelnen Gemeinden. Eine vom «Tages-Anzeiger» angeregte Umfrage hat nun ergeben, dass praktisch alle reformierten Kirchen im Kanton Zürich die Zeit in der Nacht akustisch anzeigen. Einige Kirchgemeinden haben indes auf Viertelstundenschläge verzichtet, um dem Ruhebedürfnis der Anwohner entgegenzukommen. Ganz verstummen nachts bloss die Kirchen in Dübendorf, Greifensee, Oberengstringen, Richterswil, Rickenbach sowie die Stadtzürcher Kirchen Höngg, Matthäus, Paulus, St. Peter und Seebach.

Sehr unterschiedlich ist der Zeitpunkt des Morgengeläutes (Grafik unten). Als Faustregel gilt: Je ländlicher die Gemeinde, desto früher wird zum Morgengebet geläutet – je städtischer, desto später. Zürich etwa kennt seit rund hundert Jahren eine Läutordnung, die das Frühgeläut auf 7 Uhr ansetzt. In Winterthur geht es eine Stunde früher los. Mindestens zehn Gemeinden aber machen noch immer um 5 Uhr Tagwache, so etwa Fischenthal im Zürcher Oberland, Benken im Weinland oder Elgg bei Winterthur.

Solidarität mit dem Geläut

Um 5.30 Uhr läuten die Glocken in Buch am Irchel. «Jede Veränderung würde grösseren Ärger auslösen als der partielle Ärger einzelner», merkt die Kirchgemeinde in der Umfrage an. In Flaach war eine Verschiebung um eine halbe Stunde auf 6 Uhr an der Kirchgemeindeversammlung im Dezember traktandiert. «Die Versammlung stimmte nach kurzer, freundlich geführter Diskussion mit 21 zu 3 gegen eine Änderung», schrieb die «Andelfinger Zeitung». Erstaunlicherweise hätten sich vor allem Leute, die in unmittelbarer Nähe der Kirche wohnten, gegen eine Veränderung ausgesprochen.

Die Solidarität mit den Glockenklängen geht teilweise sehr weit. In Thalwil schlug im Sommer der Blitz in den Kirchturm und liess die Glocken verstummen. Als sich daraufhin eine Anwohnerin öffentlich für die Beibehaltung der plötzlichen Nachtruhe aussprach, sammelten andere Nachbarn Unterschriften für den Stundenschlag. In Rafz gab es Reklamationen, als die Glocken wegen Revision vier Monate lang ausgeschaltet waren. «Bei uns orientieren sich viele Menschen nach den Kirchenglocken», schreibt die Kirchgemeinde. Und die Stadler Kirchgemeindepräsidentin Käthi Willi wurde mit Protestbriefen eingedeckt, als sie versuchsweise auf das 7-Uhr-Geläut am Sonntagmorgen verzichtete.

Auch in Affoltern am Albis wird alles vorderhand beim Alten bleiben, sagt Kirchenpflegepräsident Christian Bühler. «Es gibt sehr viele im Dorf, die das Geläute schätzen», sagt er. Und überdies würden im benachbarten Ottenbach die Glocken noch eine halbe Stunde früher erklingen.

«Lärmtechnisch gesehen gelten Kirchen alsSanierungsfälle.»

Andreas Keiser, Verwaltungsrichter

Um 7 Uhr schlagen sie Tagwacht: Die Glocken der Stadtzürcher Pauluskirche.Foto: Alessandro Della Bella

Erstellt: 20.01.2011, 20:25 Uhr

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