«Die Kinder sollen raus in die Natur»

Heike Niemand begleitet die Nürensdorfer Kindergärtler neu in den Wald. Dort spielen sie friedlicher, ist die Waldpädagogin überzeugt. Problemlos geübt wird auch der Umgang mit «gefährlichem» Werkzeug.

Entwickelte ein eigenes Naturerlebniskonzept: Waldpädagogin Heike Niemand.

Nathalie Guinand

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Kindergärtler, die mit Heike Niemand im Wald waren, wissen oft mehr über die Natur als ihre Eltern. Beispielsweise, dass die Anzahl schwarzer Punkte nichts mit dem Alter eines Marienkäfers zu tun hat. Oder dass man Blumensträusse im Sommer und nie im Frühling pflücken sollte. «Den Blütenstaub brauchen die Wildbienen nach dem langen Winter als erste Nahrung», erklärt Frau Niemand. Und wer sich trotzdem nicht zügeln kann, der beherzige: «Das Pflücken ist unbedenklich, solange es von einer Blumensorte genug gibt.» Die Wurzel sollte aber nie mit ausgerissen werden.

Heike Niemand ist ausgebildete Waldpädagogin. Sie hat die Prozesse in der Natur studiert und weiss, was es braucht, Kindern diese Kenntnisse zu vermitteln. Seit letzten Mai begleitet die 52-jährige Deutsche in Nürensdorf zusammen mit einer Kindergärtnerin die 22 Waldkindergärtler. Nürensdorf führt den einzigen Waldkindergarten im Unterland (siehe Box).

Kindergartenschulleiter David Steinbeck rühmt seine neu gewonnene Arbeitskraft als «Perle», weil sie viel Erfahrung mitbringt: Zwölf Jahre lang arbeitet Heike Niemand in ihrer Heimat Fröndenberg bei Dortmund in Waldkindergärten, sie nahm teil an landwirtschaftlichen Projekten und machte Beratungen als Heilkräuterexpertin. Sie hat überdies ein eigenes Naturerlebniskonzept entwickelt, welches sie deutschen Grundschulen anbot. Die Liebe hat sie nun von Deutschland in die Schweiz geführt.

Keine Zeit zum Streiten

«Die Kinder sollen raus in die Natur», lautet die Devise von Heike Niemand. Der Wald biete ihnen einen unbegrenzten Raum zum Erkunden und wenige Gelegenheiten, um mit andern Kindern um Material zu streiten. «Es gibt im Wald ja von allem genug», sagt sie. Und mit ein bisschen Fantasie lasse sich mit allem Spielen. «Es ist ebenfalls erstaunlich, wie viele Fragen die Kinder im Wald plötzlich haben.» In der Natur übten sie auch, mit Sackmessern und Sägen umzugehen. «Wir instruieren die Kinder vorgängig sehr gut, und dann passiert auch nichts», ist Niemand überzeugt. Ein schöner Nebeneffekt: Durch den Umgang mit den Werkzeugen lernten die Kinder früh Verantwortung zu übernehmen. Ein gewählter Messerchef kontrolliere jeweils deren Ausgabe und das anschliessende Einsammeln.

Wenn nötig hilft Karl der Kobold nach, eine Handpuppe und ein Charakter aus einem deutschen Waldpädagogikbuch. Er schaut jeweils neugierig aus Niemands Rucksack und kommt mit in den Wald. «Karl erklärt den Kindern die Regeln und passt auf, dass sie den Wald ordentlich hinterlassen.» Stolz erzählt die Pädagogin auch, wie die Kinder ohne Hilfe der Erwachsenen eine Baumhütte gebaut hätten. «Selbst die Kleinsten kletterten auf den Baum rauf und schafften es, einen Nagel einzuschlagen.»

Glänzende Augen

In die Natur rausgegangen ist Heike Niemand bereits mit ihren eigenen Söhnen, die heute beide erwachsen sind. Ihre Mutter machte es mit ihr ebenso. «Ich bin zwar in der Stadt aufgewachsen», erzählt sie, «doch wir hatten einen grossen Garten, und meine Mutter zeigte mir alle Heil- und Wildkräuter.» Von Kindsbeinen an liebte Heike Niemand alles, was mit der Natur zu tun hat. Ihr eindrücklichstes Erlebnis war, als sie zum ersten Mal einen Pirol singen hörte. Der goldgelbe Vogel habe ihr schon immer gefallen, weil er ein so reizendes «Ogeliö» von sich gebe. Beim Erzählen glänzen ihre Augen.

Wer den Waldkindergarten besucht, lernt die Natur schätzen und ist weniger krank, wie seit der Lancierung der ersten Projekte in den 90er-Jahren herausgefunden wurde. Trotzdem gibt es heute im Kanton nur noch zwei Waldkindergärten: in Langnau am Albis und in Nürensdorf. Noch Anfang dieses Jahres hatte es im Unterland einen zweiten in Kloten gegeben. Doch aus finanziellen Gründen wurde dieser geschlossen.

Seit der Kantonalisierung der Kindergärten vor zwei Jahren bestimmt nicht mehr die Standortgemeinde, sondern der Kanton, wie viele Arbeitsstellen in jeder Gemeinde für den Kindergartenbetrieb zugelassen sind. Für den Waldkindergarten ist das problematisch, denn aus Sicherheitsgründen muss immer eine zweite Betreuungsperson zusätzlich zur Kindergärtnerin zugegen sein. Die zusätzlichen Kosten betragen ungefähr 80 000 Franken pro Jahr. Die Waldkindergärten bangten in der Folge um ihre Existenz. Nürensdorf setzte sich aber erfolgreich für günstigere Rahmenbedingungen ein. Die Gemeinde reichte bei der Bildungsdirektion eine Petition ein und erwirkte, dass Waldkindergärten von den Gemeinden mitfinanziert werden dürfen. So ist die Schulgemeinde frei, ohne Bewilligung des Kantons eine zusätzliche Lehrperson einzustellen.

Mehr Nachrichten und Hintergründe aus dem Unterland gibt es täglich auf den Regionalseiten im zweiten Bund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an unterland@tages-anzeiger.ch

Erstellt: 18.07.2010, 20:40 Uhr

Erziehung im Wald

Die Ausbildung zur Waldkindergärtnerin ist dieselbe wie für den Regelkindergarten; die Begleiterin im Wald muss einen Nachweis als Erzieherin oder Pädagogin erbringen. Nürensdorf sollte Türöffner für weitere Waldkindergärten im Kanton sein. Dazu ist es bis heute aber nicht gekommen.

Ursprünglich stammt die Waldkindergarten-Bewegung aus Dänemark. Der erste öffentliche Waldkindergarten der Schweiz wurde 1998 in Brütten eröffnet. 2007 war Schluss; aus Kostengründen und weil sich zu wenig Schüler angemeldet hatten, wie der «Landbote» damals berichtete.

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