Kirchenpflege Opfikon

Die Kirchenpräsidentin und das Bordell

Die Opfiker Kirchenpräsidentin hat ihr Ferienhaus an einen Bordellbetreiber vermietet. Daran haben einige Leute keine Freude – auch wenn sonst nur Gutes über die Frau zu hören ist.

Der Mieter der Präsidentin hat unruhe gebracht: Reformierte Kirche Opfikon.

Der Mieter der Präsidentin hat unruhe gebracht: Reformierte Kirche Opfikon. Bild: David Baer

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Rosemarie Melliger ist es einerseits peinlich, was sich in den letzten Tagen über sie herumgesprochen hat. «Andererseits betreibe ich den Club ja gar nicht, ich vermiete nur das Haus.» Dieses liegt im Einsiedler Ortsteil Gross und wird seit zwei Jahren als Bordell genutzt. In Opfikon wusste bisher niemand über Melligers Mieter Bescheid, bis die Einsiedler Behörde vor kurzem ein Gesuch zur Erweiterung des «Erotic-Clubs» ausschrieb. Darin ist die 72-jährige Melliger als Grundeigentümerin aufgeführt. Ein paar Opfiker haben davon Wind bekommen und fordern nun den Rücktritt der Kirchenpräsidentin.

Der Bordellbetreiber plant, sein Etablissement von fünf auf zwölf Zimmer zu erweitern. Wie der Ausschreibung zu entnehmen ist, sind zusätzlich zwei Garagen «für Erotikdienstleistungen» vorgesehen, die vollumfänglich in den Fahrzeugen der Besucher angeboten werden. Das Ausmass der Erweiterung und die Zunahme des Autoverkehrs geht den Anwohnern im Wohngebiet Gross nun zu weit. Über die Art des Gewerbes haben sie sich bislang aber nicht beschwert.

«Immer pünktlich bezahlt»

Melliger ergänzt: «Ich habe noch keine einzige Reklamation erhalten.» Auch mit dem Betreiber gebe es keine Probleme. «Den Zins hat er immer pünktlich bezahlt.» Ganz im Gegensatz zu den Vormietern. Auf der Suche nach einem solventen Mieter sei ihr Sohn Alain aktiv gewesen. Er sagt, dass sich der Bordellbetreiber als Einziger für das Ferienhaus interessiert habe. «Leider wollte er das Haus nicht kaufen.»

Es täte ihm leid, wenn sich seine Mutter seinetwegen Schwierigkeiten einhandeln würde, sagt Alain Melliger. «Aber der Club ist ja legal.» Der Betreiber, ein Schweizer, habe einen seriösen Eindruck auf ihn gemacht. Was im Haus genau laufe, wisse aber weder er noch seine Mutter. Diese sagt, sie sei erst ein paar wenige Male vor Ort gewesen. «Mir schien, als würden dort vor allem wohlhabende Kunden verkehren.» Auf jeden Fall wirke alles diskret und sauber.

«Besser als Sexboxen»

Diese Lösung sei jedenfalls besser, als Sex entlang der Strasse oder in Verrichtungsboxen anzubieten. Sie beteuert, in keiner Weise mit dem Betrieb zu tun zu haben. «Diejenigen, die mich kennen, wissen, dass ich sauber bin.» Ihrem mittlerweile verstorbenen Mann sei sie stets treu gewesen.

Melliger war in Opfikon während fünf Jahren Sekretärin des Gemeindeschreibers. Daraufhin wechselte sie nach Wallisellen, wo sie bis zu ihrer Pensionierung 16 Jahre lang die Abteilung Gesundheit und Umwelt führte. Seit 40 Jahren ist sie im Samariterverein, seit 30 Jahren leitet sie das Rheumaschwimmen. Ausserdem engagiert sie sich in der Spitex. In der Kirchenpflege arbeitet sie seit 2004, seit 2006 präsidiert sie die Behörde. «Ich bin mit viel Herzblut dabei», sagt sie. «Ich würde mich nicht als Bibelleserin bezeichnen, aber der Glaube ist mir wichtig.»

Lügen musste sie nie

Lügen habe sie in der Erotik-Sache nie müssen. «Es hat mich ja bis jetzt niemand gefragt, wer der Mieter ist und was dieser macht.»Aus der Opfiker Kirchenpflege ist nur Positives über Rosemarie Melliger zu erfahren. Vizepräsidentin Susanne Hottinger sagt, ihre Kollegin sei nicht nur sehr engagiert, sondern auch äusserst beliebt. «Ich finde es schade, dass es Leute gibt, die ihr aufgrund dieser Geschichte einen Strick drehen wollen.» Opfikons reformierter Pfarrer Markus Fless, der erst jetzt von der Mieterschaft von Rosemarie Melliger erfuhr, wollte sich gestern nicht dazu äussern. Er werde sich zunächst selber ein Bild machen, sagte Fless.

Auch der Präsident der reformierten Bezirkskirchenpflege Bülach, Pfarrer Paul Buol, will keine voreiligen Schlüsse ziehen. «Kirche und Sex, das geht für viele nicht auf», sagt der Bassersdorfer. Entsprechend würden die Meinungen in einem solchen Fall auseinandergehen. Rosemarie Melliger erledige ihre Arbeit sehr gut. Er sehe deshalb auch keinen Grund, zu intervenieren, zumal die Kirchenpräsidentin nichts Illegales gemacht habe. Rosemarie Melliger müsse für sich selber herausfinden, ob sie das Mietverhältnis mit ihrer Tätigkeit in der Kirche vereinbaren könne.

Erstellt: 24.03.2012, 12:15 Uhr

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