Die Konsumrevolution des Herrn Jelmoli

Ein italienischer Unternehmer krempelte den Zürcher Detailhandel um. Morgen feiert das Warenhaus Jelmoli seinen 175. Geburtstag.

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Vor 173 Jahren wagte der Neo-Zürcher Johann Peter Jelmoli-Ciolina etwas Unerhörtes: Er führte feste Preise ein. In seinem Geschäft an der Schipfe liess er alle Kunden den gleichen Betrag fürs gleiche Produkt bezahlen. Bis anhin hatte das Feilschen fest zu jeder Zürcher Einkaufstour gehört. Jelmoli, der 1833 als Jahrmarktfahrer in die Stadt gekommen war, überraschte mit einer weiteren Neuerung. Er verschickte seine Waren in den damals noch unbekannten Kartonschachteln. So schaffte der Norditaliener, der bereits nach einigen Monaten das Zürcher Aufenthaltsrecht erhalten hatte, die Grundlage für den modernen Versand- und Detailhandel.

Inspiration aus Paris

Jelmoli verkaufte Stoffe und Schnittmuster, die er von seinen Reisen nach Paris mitbrachte. Zweimal im Jahr fuhr er in die Metropole. Dort war zu dieser Zeit der Massenkonsum ausgebrochen. Die Pariser entwickelten ständig neue Verkaufsformen, die Jelmoli inspirierten.

1860 starb der Firmengründer. Sein Sohn Andreas setzte die an Paris orientierte Geschäftspolitik fort. 1876 präsentierte Jelmoli das erste dekorierte Schaufenster. Die Passanten blieben fasziniert stehen und bestaunten die Preisschilder, die an allen Artikeln hingen. Das hatte man in Zürich noch nie gesehen. Auch die Konfektionsmode machte Jelmoli den Zürchern schmackhaft. Bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts nähten sich die Frauen ihre Kleider mehrheitlich selber. Die «Prêt à porter»-Kleider, wie es die Pariser nannen, setzten sich nur langsam durch.

1898: Jelmoli geht an die Bahnhofstrasse

1898 folgte der nächste wichtige Schritt. Jelmoli suchte Räumlichkeiten, um ein Warenhaus im Stil von Lafayette aufzubauen. Eigentlich hätte man das Niederdorf als Lage bevorzugt. Aber da waren die Bodenpreise zu hoch. Deshalb entschied sich Jelmoli für ein Grundstück an der Bahnhofstrasse. Diese galt damals als wenig salonfähig, weil hier ununterbrochen die Fuhrwerke vorbeiächzten. Um dennoch viele Kunden anzulocken, erstellte Jelmoli einen aufsehenerregenden Bau aus Stahl und Glas. In Paris und London hatte man bereits mit diesen Materialien experimentiert. In Zürich sorgte der uneingeschränkte Blick in die Innenräume für offene Münder. Der «Glaspalast» wurde schnell zur Schweizer Attraktion.

Die Warenhauskrise überlebt

Zwölf Jahre später kaufte die Familie Ringier das mittlerweile zur Aktiengesellschaft umgewandelte Unternehmen. 1919 schied der Enkel des Gründers aus dem Geschäft aus. Seitdem gibt es keinen «Herrn Jelmoli» mehr. «Heute leben im Verzascatal noch einige weitentfernte Verwandte des Jelmoli-Gründers», sagt Robert Fieg, CEO des Kaufhauses. Von Nachfahren der Zürcher Jelmolis weiss er nichts.

Die Hauptaktionäre haben seit 1910 mehrmals gewechselt. Im Kaufhaus spürte man von diesen manchmal turbulenten Übernahmen wenig. Zu schaffen gemacht hat Jelmoli allerdings die Warenhauskrise der 90er-Jahre. Jelmoli schloss alle Schweizer Niederlassungen ausser dem Stammhaus in Zürich. Und strich Gartenartikel, Handarbeitsware, Mercerie und Spielsachen aus seinem Angebot. «Heute konzentrieren wir uns wieder auf unsere traditionelle Stärke: die Mode», sagt Fieg, der seit 39 Jahren für Jelmoli arbeitet.

175-jähriges Jubiläum: Feier am Freitag

Sein 175-jähriges Bestehen feiert das Warenhaus diesen Freitag mit einem grossen Fest. 500 Personen aus Politik, Wirtschaft und Unterhaltung sind eingeladen. Und das Opernhaus-Orchester spielt ein eigens für Jelmoli komponiertes Stück. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.09.2008, 10:52 Uhr

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