Die Meister der kleinen grünen Pfeile

Bei Skyguide beginnt Mitte Monat eine neue Klasse die Ausbildung zum Lotsen. Das Anforderungsprofil ist komplex.

Hatte am ersten Tag im richtigen Betrieb noch Bammel: Thomas Brunner gibt am Simulator in Wangen eine Kostprobe seines Könnens.

Hatte am ersten Tag im richtigen Betrieb noch Bammel: Thomas Brunner gibt am Simulator in Wangen eine Kostprobe seines Könnens. Bild: Johanna Bossart

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Grüne Pfeile bewegen sich über den dunklen Monitor. Manchmal werden sie zu Trapezen, und manchmal tauchen ganz viele von ihnen auf und verschwinden am anderen Ende des Bildschirms wieder. Und in diesem Spiel, das keines ist, gibt es eine wichtige Regel: Sie dürfen sich nicht zu nahe kommen. Denn hinter den grünen Pfeilen stecken Flugzeuge, und in diesen viele Menschenleben.

Letzteres wird Thomas Brunner vor allem dann bewusst, wenn er selber Passagier ist. Bei seiner Arbeit vor dem Radarschirm steht das Bild nicht im Vordergrund. Dann konzentriert sich der 27-jährige Fluglotse darauf, die Piloten möglichst effizient und sicher durch den Luftraum zu führen. Noch wird er dabei von einem erfahrenen Berufskollegen begleitet. An diesem Nachmittag gibt er am Simulator eine Kostprobe seines Könnens. Unzählige Stunden hat er dort absolviert und heikle Situationen nachempfunden. Den ersten Tag im richtigen Betrieb vergisst er nie. «Ich hatte Bammel. Als ich erstmals einen richtigen Piloten über Funk hörte, wurde mir bewusst, dass es ernst gilt. Doch schon nach dem ersten Kontakt spielte sich die Routine ein, die ich in der Ausbildung gewonnen hatte.»

Bewerber aus allen Bereichen

Zwei Jahre hat Brunner benötigt, um seine erste Lizenz zu erhalten. Die meisten brauchen ein paar Monate länger. «Über die Qualität der Arbeit eines Lotsen sagt die Dauer aber nichts aus», so Brunner. Ursula Rossi bestätigt dies. Sie selektioniert seit zehn Jahren die gut 500 Anwärter, die sich jährlich als Lotsen bewerben. Nach drei Auswahlstufen erhalten etwa deren 40 einen Ausbildungsvertrag.

Die Bewerber, die 19 bis 30 Jahre alt sein müssen, kommen aus allen möglichen Berufsgattungen. Viele haben wie Brunner die Matura bestanden, andere eine kaufmännische oder eine technische Lehre abgeschlossen. Brunner war schon immer fasziniert von der Luftfahrt. Nach der Kantonsschule prüfte er verschiedene Optionen im Aviatikbereich. Es war die Zeit nach dem Grounding, und die Aussichten für Piloten waren schlecht. So stieg er bei Skyguide als Flugsicherungsfachmann ein und unterstützte die Flugverkehrsleiter, bis er selbst den Schritt zum Lotsen wagte. Dass er als Lotse geeignet ist, hat Brunner bis zur Selektion nicht gewusst.

Hohe Anforderungen

Wer Talent hat, lässt sich schlecht vorhersagen. «Die Anforderungen sind sehr hoch, das gefragte Profil äusserst komplex», sagt Rossi, die vorher bei Coca-Cola im Personalbereich gearbeitet hat. Zum Vergleich: Für eine KV-Lehre müssen Bewerber in der Regel fünf Anforderungskriterien genügen, für eine Ausbildung zum Lotsen 32. Dazu gehören unter anderem Raumorientierung, Kopfrechnen, akustische Merkfähigkeit, Multitasking und Reaktionsfähigkeit. Die meisten Aspiranten scheitern jedoch beim Versuch, den Spagat zwischen Einzelkämpfer und Teamplayer zu schaffen. «Das ist etwas ganz Schwieriges und Entscheidendes bei der täglichen Arbeit eines Lotsen.» Einerseits muss er sich auf den Verkehr konzentrieren, andererseits gleichzeitig Funksprüche der Piloten und Hinweise seiner Teamkollegen erfassen. Lernbar ist das nur bedingt. Das Multitaskingtalent der Lotsen sei innerhalb von Skyguide so bekannt, dass die übrigen Angestellten in der Kantine ihre Worte mit Bedacht wählten, sagt Rossi und schmunzelt. Ein gutes Arbeitsklima unter den Lotsen ist von grosser Bedeutung. Weil sich die Teams alle zwei Stunden verändern, um die Routine zu durchbrechen, müssen sich die Lotsen immer wieder auf neue Konstellationen einstellen können. Gleichzeitig ist eine professionelle Zusammenarbeit die Grundvoraussetzung für eine sichere Verkehrsführung.

Die Kunst des Abschaltens

Wichtig ist Rossi nicht nur die hohe Professionalität der Mitarbeiter, sondern auch eine sinnvolle Freizeitgestaltung, bei der sie von der Tätigkeit am Radar abschalten können. «Vor dem Radarbildschirm ist höchste Konzentration gefordert. Deshalb ist ein Arbeitstag auf sieben Stunden beschränkt.» Daneben haben die Lotsen viel Freizeit. Hinzu kommen sechs Wochen Ferien plus in regelmässigen Abständen zwei Wochen Regenerationsurlaub – eine vertraglich verordnete Auszeit am Stück.

Lotsen werden mit 55 Jahren pensioniert. Auch das Gehalt ist gut. Nach zweieinhalb Jahren und dem Erlangen der ersten Lizenz beträgt das Jahressalär zwischen 89'000 und 99'500 Franken. Hat jemand alle Lizenzen in der Tasche, verdient er zwischen 105'000 und 138'000 Franken. Danach steigt der Lohn jährlich und beläuft sich nach 25 Dienstjahren auf einem Niveau von 150'000 bis 195'000 Franken. Dass viele im Beruf bleiben, hat nicht nur mit den guten Konditionen zu tun. In anderen Berufen sind die spezifischen Fähigkeiten des Lotsen nur bedingt gefragt. Perspektiven gibt es dennoch: etwa die Mitarbeit bei Projekten auf nationaler und internationaler Ebene sowie Einsätze als Instruktor in der Ausbildung oder Teamleiter im Betrieb. Dank der international anerkannten Fluglotsenlizenz ist auch ein Wechsel ins Ausland denkbar. Davon ist Thomas Brunner noch ein gutes Stück entfernt. Obschon seine sicheren Handbewegungen am Simulator den Eindruck erwecken, er hätte nie etwas anderes getan. Das Bild vom eiskalten, nicht aus der Ruhe zu bringenden Lotsen stimme aber nicht, sagt Brunner: «Auch bei uns gibt es Leute, die einmal laut werden können.»

Erstellt: 09.04.2011, 00:28 Uhr

Teste dein Talent

Wer sich als Lotse eignet, lässt sich erst nach mehreren Tests und Gesprächen sagen. Auf der Website von Skyguide sind mehrere Kurztests aufgeschaltet, in welchem Bewerber zumindest eine Ahnung davon erhalten, was sie bei der Eignungsabklärung erwartet. Prüfen können sie dabei ihre Raumorientierung, Konzentrationsfähigkeit und akustische Merkfähigkeit. Den Link zu den Übungen von «test your talent» finden Interessierte unter www.skyguide.ch in der Rubrik Ausbildung und den Unterordnern FlugverkehrsleiterIn und Anforderungen. (hz)

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