«Die Menschen kämpfen um ihr nacktes Leben und nicht gegeneinander»

Rund 17 Millionen Menschen sind bislang von der Flutkatastrophe in Pakistan betroffen. Thomas Vetterli aus Hittnau weiss, warum ihr Elend sogar die Tsunami-Katastrophe übertrifft.

Helfende Hände: Thomas Vetterli setzt sich für die Katastrophenopfer in Pakistan ein.

Helfende Hände: Thomas Vetterli setzt sich für die Katastrophenopfer in Pakistan ein.

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Herr Vetterli, als Geschäftsführer von Partner Aid International Schweiz kämpfen Sie gegen die Not in Pakistan. Wie fühlen Sie sich angesichts des Elends?
Hilflos. Manchmal klingelt mein Handy mitten in der Nacht, und Menschen in Not bitten mich verzweifelt um Hilfe, sie melden sich auch über Mail oder Skype.

Sind Ihre Bemühungen angesichts des Ausmasses der Katastrophe nicht ein Tropfen auf einen heissen Stein?
Doch, vermutlich schon – aber auch ein Tropfen kann Wellen schlagen. Wir können nicht allen helfen. Ich versuche immer wieder auf jene zu fokussieren, die wir unterstützen können.

Wie schätzen Sie die Lage in der Krisenregion ein?
Eine Antwort auf diese Frage war lange Zeit kaum möglich. Es ist in solchen Situationen immer schwierig einzuschätzen, ob die Behörden die Lage aufbauschen oder aber sie herunterspielen. In diesem Fall hat man das Ausmass des Desasters schlicht nicht erkennen können. Eine solche Katastrophe hat es bisher noch nie gegeben – nicht einmal der Tsunami von Indonesien kann man damit vergleichen. Dabei rede ich nicht von den Todesopfern, sondern von den längerfristigen Auswirkungen. Es kann sein, dass noch 500 Menschen sterben, es können aber auch noch 1000 sein. Es kann sein, dass das Land daran zerbricht.

Was unterscheidet einen Tsunami von der Flut, die Pakistan unter Wasser setzte?
Eine Flutwelle kommt überraschend, ist dann aber auch gleich wieder weg. Es ist dann rasch klar, was sie einstürzen liess oder zerstört hat. Überschwemmungen können zwar ebenso überraschen, das stehende Wasser richtet aber Ackerland zugrunde und ruft Seuchen wie Cholera hervor. Innert Kürze fehlt für Millionen von Einwohnern sauberes Wasser. Die Menschen trinken aus Not schlechtes Wasser. Das verschmutzte Wasser ist Träger von verschiedenen Krankheiten, gerade Kinder und ältere Menschen dehydrieren dann durch Durchfallerkrankungen und sterben.

Was ist das Ziel der Nothilfe von PAI in Pakistan?
Es ist wichtig, dass beispielsweise Bauern in ihrer Heimat bleiben können. Sobald sie ihre Ländereien verlassen, verlieren sie quasi das Besitzrecht. Einfach zurückkehren und von vorne anfangen geht nicht, denn vielleicht ist ihnen jemand anders zuvorgekommen. Für uns heisst es, dafür zu sorgen, dass sie bleiben. Wir bauen darum nicht nur Flüchtlingslager auf, sondern auch Notunterkünfte in den Heimatdörfern. Einer unserer Mitarbeiter hat dafür eine spezielle Hüttenkonstruktion entwickelt und arbeitet mit lokalen Materialien. Das ist für die Nachhaltigkeit und Unabhängigkeit der betroffenen Pakistaner sehr wichtig.

Sie suchen einen Buchhalter und einen Ingenieur für einen Einsatz in Pakistan. Werden Sie selbst wieder in die Krisenregion reisen?
Ja, sobald wir diese Stellen besetzt haben. Ich werde die neuen Mitarbeiter begleiten und einführen.

Oft nennt man Pakistan und die Taliban im selben Atemzug. Ist ein solcher Einsatz gefährlich?
Kaum. Derzeit kämpfen die Menschen im Krisengebiet um ihr nacktes Leben, statt einander zu bekriegen. Sie unterstützen einander.

Friedenbringende Hochwasserkata­strophe?
Nein, seit der Flut geht es um die Existenz – jetzt müssen sie um Wasser und Essen kämpfen.

Sie suchen mit dem Buchhalter und dem Ingenieur Spezialisten, heuern Sie auch Otto Normalverbraucher an, der helfen möchte?
Im Moment nicht, aber das kommt vielleicht noch.

Was muss ein Bewerber mitbringen?
Im Vordergrund stehen Belastbarkeit, Hilfsbereitschaft, aber auch interkulturelle Erfahrungen.

Und Mut?
Nicht unbedingt. Was wir keinesfalls brauchen können, sind Abenteuertypen. Wir wünschen uns Angsthasen. Sie gehen keine unnötigen Risiken ein.

Wie verarbeiten Sie Ihre emotional anspruchsvolle Tätigkeit?
Ich laufe gerne. Vor zwei Wochen habe ich beispielsweise den Ultra-Trail du Mont Blanc bestritten. Geplant waren dabei 166 Kilometer und 9600 Höhenmeter, leider musste der Lauf nach rund 30?Kilometern abgebrochen werden – ironischerweise wegen eines starken ­Unwetters.

Warum diese Extreme in Ihrer Freizeit?
Ich kann dabei meine Gedanken ordnen, das Hirn lüften, und ich tue ganz bewusst etwas Unnützes. Ich tue dann etwas für mich selbst und werde dabei in der Arbeit belastbarer.

Sie organisieren einen ebenfalls extremen Sponsorenlauf zur Unterstützung der Katastrophenopfer.
Ja, wir werden am 24.?September um Mitternacht zum zweiten Mal vom Pfäffiker Seequai auf den Grossen Mythen joggen.

Menschen motivieren, 50 Kilometer und 2000 Höhenmeter zurückzu­legen – ist es nicht wesentlich ein­facher, Geld zu sammeln?
Wir haben neben der Nothilfe für Paki­stan damit zwei Ziele: Menschen mit einem gemeinsamen Erlebnis und mal ohne Leistungszwang zum Sport zu ­motivieren. Es geht zudem darum, die Organisation PAI in der Öffentlichkeit bekannter zu machen.

Wie stellen Sie sicher, dass das gesammelte Geld auch am richtigen Ort ankommt?
Unsere Leute von zwei unserer vier Projekte leisten derzeit Nothilfe. Sie arbeiten mit lokalen Nichtregierungsorganisationen zusammen, was wir bereits beim schweren Erdbeben vor fünf Jahren taten. So spannen wir mit Einheimischen zusammen, die sich in der Nothilfe und im Verwenden der ihnen anvertrauten Gelder bewährt haben.

Mehr Nachrichten und Hintergründe vom Oberland gibt es täglich im Regionalbund des Tages-Anzeigers. Schreiben Sie direkt an oberland@tages-anzeiger.ch

Erstellt: 11.09.2010, 09:45 Uhr

Jede Hilfe zählt: Flutopfer bekommen das Nötigste von Helfern. (Bild: Reuters )

Partner Aid International

Partner Aid International (PAI) ist eine Nichtregierungsorganisation für Entwicklungszusammenarbeit und entwicklungsorientierte Nothilfe. Sie setzt sich gegen Armut ein und unterstützt Projekte in Osteuropa, Afrika und Asien. Entwicklungshelfer und internationale Geschäftsleute legten 1988 den Grundstein für die Nichtregierungs-organisation. 1997 wurde als Erster der deutsche Verein gegründet, daneben gibt es Vereine in Holland, Grossbritannien, den USA und der Schweiz. Darüber hinaus unterhält PAI eigene Büros in den Projektgebieten. Seit 2001 ist PAI als Nichtregierungsorganisation registriert. (pia)

Thomas Vetterli

Thomas Vetterli ist in Bäretswil aufgewachsen und lebt seit rund vier Jahren in Hittnau. Der 43-Jährige ist verheiratet, Vater von zwei Kindern und gelernter Plattenleger. Vetterli bildete sich weiter und wirkte als Verkaufsleiter, bevor er sich als Ofenbauer und Plattenleger selbstständig machte. Seit 2005 ist er für PAI tätig, heute als Geschäftsführer von PAI Schweiz. Er half bereits nach dem Erdbeben vom 8. Oktober 2005 in Pakistan beim Aufbau von Notunterkünften mit. (pia)

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