Die «Rattenbadi» vom Zürichsee

Die Badanstalt Tiefenbrunnen war ein Bijou, das mit Hygieneproblemen zu kämpfen hatte. Zwei Stadtzürcher erinnern sich.

«Ein Bau mit Säulchen und Gitterchen wie bei einem türkischen Bad»: Die alte Badanstalt Tiefenbrunnen in einer Aufnahme von 1964.

«Ein Bau mit Säulchen und Gitterchen wie bei einem türkischen Bad»: Die alte Badanstalt Tiefenbrunnen in einer Aufnahme von 1964. Bild: Foto: Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich

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Sie thronte im See zwischen dem jetzigen Strandbad und dem Bahnhof Tiefenbrunnen: die alte Badanstalt Tiefenbrunnen an der Bellerivestrasse aus dem Jahr 1886. Der Holzbau an der Quaimauer war durch eine kleine Brücke mit dem Land verbunden. Es gab Bassins für Schwimmer und Nichtschwimmer, Garderoben sowie eine Veranda. Lange war die Badanstalt für alle geöffnet, doch nach der Inbetriebnahme des Strandbades Tiefenbrunnen 1954 diente sie nur noch als Schülerbad. In den Sommermonaten absolvierten dort jeweils Kinder aus dem Schulkreis Zürichberg ihren obligatorischen Schwimmkurs, zudem kamen Lehrer aus umliegenden Schulhäusern mit ihren Klassen.

Einer dieser Schüler war Jürg Sauber, 67 Jahre alt, der im Seefeld aufgewachsen ist und die Badi 1961 als Viertklässler für den Schwimmunterricht besuchte: «Ich erinnere mich an einen sehr strengen Schwimmlehrer und sehr oft saukaltes Wasser», erzählt der jüngere Bruder von Peter Sauber, dem ehemaligen Formel-1-Rennstallbesitzer. Der war damals ebenfalls regelmässiger Gast in der alten Badi Tiefenbrunnen.

Nagetiere und Saugwürmer

Das Schwimmbad stand auf einer Metallkonstruktion, die auch unter Wasser mit Holzlatten verschalt war. In dieser Konstruktion unter der Badi hatten sich Ratten eingenistet, wie Jürg Sauber sagt. «Deshalb wurde sie von den Jungen und im ganzen Quartier ‹Rattenbadi› oder ‹Ratzenbadi› genannt.» Frühmorgens oder spätabends habe man «hin und wieder solche Viecher gesehen», bestätigt Fredi Brun (74), der ebenfalls im Seefeld aufgewachsen ist und dessen Mutter in den 50er-Jahren als Bademeisterin in der «Ratzenbadi» amtierte.

Dort hatten sich nicht nur Nagetiere breitgemacht, auch der bauliche Zustand liess zu wünschen übrig: «Man wartet auf den Abbruch dieser baufälligen Holzhütte», notierte die NZZ bereits 1956. Das Seebad hatte noch mit weiteren ungebetenen Gästen zu kämpfen. Im August 1960 war in der gleichen Zeitung von einer lästigen «Begegnung mit dem Saugwurm» die Rede.

«Die erwähnten Saugwürmer treten in der ‹Ratzenbadi Tiefenbrunnen› derart häufig auf, dass unsere Kinder stets ganz verstochen nach Hause kommen», ärgerte sich ein Leserbriefschreiber. «Wenn man bedenkt, dass einem Teil unserer Schuljugend nur dieses baufällige Bad, dessen sanitäre Einrichtungen schon vor 50 Jahren als überholt galten, zur Verfügung steht, so muss man sich wirklich fragen, wie es mit der so oft gepriesenen Mustergültigkeit der städtischen Anlagen bestellt ist.»

Das wollte das städtische Gesundheits- und Wirtschaftsamt nicht auf sich sitzen lassen: «Es geht nicht an, wegen eines vorübergehenden Auftretens der Saugwürmer die Hygiene unserer Bäder im allgemeinen in Zweifel zu stellen», wehrte es sich in einer Stellungnahme. Die Badanstalt Tiefenbrunnen gehöre «leider zu den Anlagen, in denen zeitweise Saugwürmer auftreten». Dies sei auch während der laufenden Badesaison der Fall gewesen. Die Betriebsleitung habe aber «unverzüglich und mit Erfolg» Massnahmen dagegen ergriffen. «Seit über anderthalb Monaten werden keine Stiche mehr gemeldet.»

Ein weiteres Problem war die starke Seegrasbildung. «Das konnte beim Schwimmen und Tauchen sehr unangenehm sein», erinnert sich Fredi Brun. Das Seewasser sei damals noch nicht so sauber gewesen wie heute; in etlichen Gemeinden sei Schmutzwasser direkt in den See geflossen. Das Seegras wurde ein- bis zweimal pro Jahr mithilfe der Seekuh, einem Spezialboot, abgemäht.

Tauchgang ins «Chinesenstübli»

Trotz der sanitären Probleme: Sauber und Brun haben nur gute Erinnerungen an die «Ratzenbadi». «Diese Dinge interessierten uns damals kaum. Für uns Junge war es ein grosser Spielplatz und ein Treffpunkt», sagt Brun. Die Badi bot ideale Voraussetzungen, um Fangen und Verstecken zu spielen. Als Mutprobe sei man vom Sprungbrett gesprungen, unter die Badi geschwommen und irgendwo darunter wieder aufgetaucht, sagt Jürg Sauber.

Den mit Holzlatten unterteilten und abgeschlossenen Räumen unter der Badi, die die Jugendlichen bei ihren waghalsigen Tauchgängen durchschwammen, hatten sie Namen wie «Chinesen-» oder «Schwabenstübli» gegeben, warum, weiss heute niemand mehr. «Angst kannte keiner von uns», sagt Brun. Zum Glück – auch für seine Mutter als Verantwortliche – sei nie etwas Schlimmeres passiert. Allerdings glitten immer wieder Kinder beim Herumrennen auf den nassen Holzplanken aus und fingen sich kleinere oder grössere Holzsplitter ein. «Eine der Hauptbeschäftigungen meiner Mutter war es, diese Splitter am ganzen Körper zu entfernen.»

Vandalenakte an Seegfröörni

Im April 1964 kam das Aus: Wegen der Fäulnis des Holzes war die Badanstalt nicht mehr zu gebrauchen, und sie wurde komplett abgerissen. Laut Fredi Brun war es davor noch zu Vandalenakten gekommen. Während der Seegfröörni 1963 seien Unbekannte über den zugefrorenen See in die Badi eingedrungen und hätten grossen Schaden angerichtet.

Zwar stand im Strandbad Tiefenbrunnen mittlerweile auch eine Schwimmanlage für Unterrichtszwecke bereit. Doch bald trauerten Nostalgiker dem alten Seebad nach. «Ein Stück Alt-Zürich» sei niedergerissen worden, klagten sie in der NZZ, «ein Badetempel mit geheimnisumschliessenden Wänden und Ahnungen von Astlöchern, ein Bau mit Säulchen und Gitterchen wie bei einem türkischen Bad.»

Auch Fredi Brun und Jürg Sauber blicken mit leichter Wehmut auf die verschwundene Badi zurück, in der sie als Jugendliche ganze Sommer verbracht hatten: «Es war eine der besten Zeiten, die ich erlebt habe», sagt Brun.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 21.06.2018, 12:16 Uhr

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