Die Twitter-Polizei

Vermisste auf Facebook finden und Vergewaltiger via Twitter: Dank Social Media ist die Polizei so schnell und bürgernah wie noch nie.

Michael Wirz, der Cheftwitterer bei der Zürcher Stadtpolizei.

Michael Wirz, der Cheftwitterer bei der Zürcher Stadtpolizei. Bild: Sophie Stieger

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Mit knapp 8000 Followern auf Twitter und 2800 «Fans» auf Facebook ist die Stadtpolizei Zürich bei sozialen Netzwerken landesweit führend. Damit folgt sie ihren Kollegen in Grossbritannien, Holland und den USA, die seit Jahren auf diese Medien setzen. Dank Social Media kann die Polizei einerseits Image und Beziehungspflege machen, andererseits Präventionstipps, Warnungen oder Zeugenaufrufe veröffentlichen. «Damit haben wir einen direkten Zugang zu einer grossen Bevölkerungsgruppe, die einfach und ohne Formalismus angesprochen werden kann. Vor allem aber sind wir selbst einfach erreichbar», sagt Michael Wirz, Chef der Fachgruppe Kommunikation.

Das Potenzial der sozialen Medien zeigte die Terrorattacke in Boston. Nachdem der Nachrichtensender CNN irrtümlich über eine Verhaftung eines Attentäters berichtet hatte, korrigierte das Boston Police Department per Tweet die Falschmeldung: Innert Kürze wurde der Tweet über 10'000-mal weiterverbreitet. Auch beim Hurrikan Sandy vom letzten Oktober in New York twitterte die Polizei in Echtzeit über den Verlauf des Sturmes und veröffentlichte Warnungen. In England zeigte die Polizei nach den Krawallen im August 2011 Bilder auf Facebook von plündernden Tätern.

Für Wirz sind nicht nur diese Extrembeispiele der Grund, warum die Stadtpolizei auf Social Media setzt. «Es geht auch um viel alltäglichere Ereignisse.» Beispielsweise wenn der Strom und damit die Lichtsignale ausfallen. Oder bei einem nächtlichen Helikoptereinsatz über der Stadt, um verärgerte Bürger zu beruhigen. Auch beim grossen Wasserrohrbruch am Manesseplatz konnte die Polizei Minuten nach dem Vorfall die Autofahrer informieren, dass sie das Gebiet grossräumig umfahren sollen.

Daneben werden auch Zeugenaufrufe, wie beispielsweise bei einer in der Limmat aufgefundenen Leiche, veröffentlicht. Und bei einem Vergewaltigungsfall im Zürcher Niederdorf griff die Polizei mit Twitter auf einen zusätzlichen und sehr schnellen Verteilungskanal zurück. So ist die Meldung 12-mal «retweeted» worden und hat über zehntausend User erreicht.

Hinweise auf Pornografie

Zudem, so Wirz, erhalte man immer wieder Hinweise auf fragwürdige Seiten im Netz, beispielsweise Pornografie oder Betrug. Während die Social Media anfänglich vor allem für den Dialog mit der Bevölkerung gedacht waren, haben sie sich mit der Zeit vermehrt auch als wertvolles Hilfsmittel für die Polizeiarbeit erwiesen. So konnte zum Beispiel via Facebook ein vermisstes Mädchen angesprochen werden, das telefonisch nicht erreichbar war.

Als Beispiel für erfolgreichen polizeilichen Social-Media-Einsatz nennt Wirz Grossbritannien. Dort werden die sozialen Medien nicht nur von einer Dienststelle genutzt, sondern jeder Quartierpolizist kann Präventions- und Sicherheitstipps geben. Beispielsweise eine Kurzmeldung verfassen, wenn eine Diebesbande in einem bestimmten Quartier aktiv ist, oder mitteilen, dass soeben ein herrenloses Fahrrad gefunden wurde. In dieser Kleinräumigkeit und Alltäglichkeit, ist Wirz überzeugt, stecke grosses Potenzial von Social Media.

Dass die Polizei die Neuen Medien auch zur Imagepflege benützt, ist klar. «Wir verbreiten dann die Meldungen manchmal mit einem Augenzwinkern oder einem Funken Selbstironie. Dennoch kann man sich immer auf unsere Aussagen verlassen, denn inhaltlich machen wir keine Abstriche.» Ein PR-Beispiel ist das Bild der neuen vereidigten Stadtpolizisten auf Facebook. Rund 300-mal wurde das Bild «geliked», während es in der Tagespresse von keinem Medium veröffentlicht wurde. Als die Stadtpolizei auf Facebook voller Stolz ihren neuen Elektro-Smart für die Quartierpolizisten vorstellte, reagierte ein User mit dem Hinweis, dass die Kollegen in Dubai mit einem 350'000-FrankenLamborghini unterwegs seien.

Keine Anzeigen über Twitter

Täglich gehen bei der Stadtpolizei zwischen fünf und zehn Tweets ein. «Wir antworten wo nötig oder kommentieren auch mal eine Äusserung», sagt Wirz. Die Tweets sind auf einem grossen Bildschirm im Büro der Kommunikationsabteilung ersichtlich, sodass jeder Mitarbeiter sofort darauf reagieren kann. Wirz ist positiv überrascht, dass bisher kaum ein Tweet oder eine Facebook-Nachricht unter die Gürtellinie ging, vielmehr sei der Umgangston meist freundlich und respektvoll. Dies führt er auf den Trend zurück, mit echten Namen im Internet aufzutreten. Anzeigen können trotzdem nicht über die neuen Kanäle erstattet werden: «Und das ist auch gut so.» Denn nach wie vor brauche es bei der Polizeiarbeit den persönlichen Kontakt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.05.2013, 07:40 Uhr

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