Die älteste Luftseilbahn des Kantons ist wieder auf dem neuesten Stand

Seit gut 80 Jahren verbindet eine private Seilbahn das Quartier Leimbach mit dem Gut Mädikon. Ihr Besitzer Charles Roulet fährt täglich mit der eben renovierten Bahn zur Arbeit.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Von Martin Huber

Fünf Minuten dauert die Fahrt in der vierplätzigen Kabine, die den Fahrgästen nicht nur ein spektakuläres Panorama über Zürichsee und Berge bietet, sondern auch ein wenig Alpengefühl am Rand der Grossstadt. Knapp einen Kilometer und 260 Höhenmeter schwebt man hinauf über Wald und Wiesen, von Leimbach auf den Uetliberg.

In den Genuss der Seilbahnfahrt kommen allerdings normalerweise nur wenige, genauer: rund 30 Menschen – Angehörige der Besitzerfamilie des Guts Mädikon sowie Pächter und Mitarbeiter des dazugehörigen Landwirtschaftsbetriebs. Die 1928 erbaute Personen- und Güterseilbahn gehört zu dem an der Gratstrasse zwischen Uto Kulm und Felsenegg liegenden Gut Mädikon. Die Bahn ist nur für privaten Personentransport zugelassen. «Eine öffentliche Nutzung oder touristische Erschliessung stand nie zur Diskussion», sagt Besitzer Charles Roulet, der die Seilbahn betreibt.

Der 59-jährige Immobilien- und Vermögensverwalter ist einer der Erben des Gründers des Zürcher Fünfsternehotels Baur au Lac und unter anderem Mitbesitzer der Villa Rosau AG mit dem dazugehörigen Park beim Kongresshaus. Roulet war als Hotelier in verschiedenen Ländern tätig und lebt seit 1997 mit seiner Familie auf dem Gut Mädikon.

Rettung für müde Wanderer

Die Seilbahn mit dem amtlichen Kennzeichen ZH–ZH 1 ist ein für Zürich einmaliges Gefährt. Laut dem kantonalen Amt für Verkehr ist es nicht nur die einzige private Luftseilbahn im Kanton, sondern auch die älteste: Die zweitälteste Seilbahn Adliswil-Felsenegg wurde erst 1954 eröffnet.

Ursprünglich diente die Mädikon-Seilbahn dazu, Produkte des Landwirtschaftsbetriebs ins Zürcher Luxushotel zu liefern. Heute wird sie im Schnitt noch rund zehnmal täglich benutzt: von Angestellten und Familienmitgliedern, die mit ihr ins Tal und wieder hinauf fahren. Roulet selber fährt ebenfalls mit der Seilbahn zur Arbeit.

«Im Notfall lassen wir auch mal erschöpfte Wanderer mit der Bahn hinunterfahren», sagt Roulet. So habe er schon mehrmals älteren Leuten oder schlecht ausgerüsteten Touristen aus der Klemme geholfen, die sich auf dem Gratweg zu viel zugetraut hatten. Eine Ausnahme macht der Verwalter auch, wenn Kinder aus Leimbach, die die Kabine jeden Tag über sich schweben sehen, unbedingt einmal mitfahren wollen.

Per Luftseilbahn zur Schule

Roulet, der auf Gut Mädikon aufgewachsen ist, fuhr bereits als Kind täglich per Seilbahn hinunter nach Leimbach, wo er die Primarschule besuchte. «Das war schon speziell», sagt er, und es habe den Gwunder mancher Mitschüler geweckt. Nicht immer nahm er aber die Bahn: Einmal schaffte er es zu Fuss hinauf in 23 Minuten, was ihn noch heute mit Stolz erfüllt.

Jedes Jahr wird die Privatbahn durch Inspektoren des Interkantonalen Konkordats für Seilbahnen und Skilifte kontrolliert. Dieses Jahr wurden zudem die Seile mit Hightechgeräten geröntgt. Bisher versah die Seilbahn ihren Dienst sehr zuverlässig: Von ernsthaften Zwischenfällen blieb sie laut Roulet verschont. Die Bahn sei sehr solide gebaut, wie die stählernen Grundstützen und die Verankerungen zeigten, die noch im Originalzustand erhalten sind. Aufgrund ihrer Lage ist sie auch kaum heftigen Winden ausgesetzt.

Vandalenakte gab es bisher ebenfalls kaum. Ein ausgerissener Telefonhörer in der Talstation war laut Roulet das schlimmste Vorkommnis. Der beste Schutz seien die Nachbarn in Leimbach, von denen viele ein wachsames Auge auf die Anlage hätten. Strolchenfahrten sind nicht möglich, da die Bahn nur mit einem Schlüssel in Betrieb genommen werden kann.

In diesem Frühling hat Roulet den Seilbahn-Oldtimer auf den neuesten Stand bringen lassen: Ein neuer Motor und neue Elektronik wurden eingebaut. Vor zwei Jahren wurden bereits Berg- und Talstation komplett erneuert.

König von Bulgarien fuhr mit

Die Bahn, deren Unterhaltskosten rund 1000 Franken pro Monat betragen, sei für ihn weit mehr als ein Steckenpferd, sagt Roulet. Das Gut Mädikon brauche die Transportbahn, und alles in allem rechne es sich auch. Dank der Bahn könnten zahlreiche Autofahrten eingespart werden, was nicht zuletzt auch Spaziergängern auf den Wegen am Uetliberg zugutekomme.

Die Seilbahn hat auch schon illustre Gäste befördert. So etwa im letzten Jahrhundert den König von Bulgarien. Der wurde mit dem Rolls-Royce zur Talstation gebracht und später mit der Kutsche zum Berghaus Baldern, wo er das Mittagessen einnahm. Auch in diesem Frühling war ein Prominenter zu Gast – allerdings nicht in der Kabine, sondern darüber: Hochseilartist Freddy Nock trainierte auf dem Seil für seine waghalsigen Aktionen.

Die Bergstation beim Gut Mädikon erreicht die Seilbahn nach einer fünfminütigen Fahrt. Foto: Dominique Meienberg

Erstellt: 13.09.2010, 22:00 Uhr

Paid Post

Kaffee – von der Produktion bis zur Wiederverwertung

Der Kaffee von Nespresso mag zwar auf einer Plantage am anderen Ende der Welt wachsen, zuletzt landet er jedoch auf Schweizer Äckern als Dünger.

Blogs

History Reloaded Die Schweiz, ein Land der Streiks

Beruf + Berufung Die Angst des Rebellen

Service

Ihre Spasskarte

Mit Ihrer Carte Blanche von diversen Vergünstigungen profitieren.

Die Welt in Bildern

Post für den Klimawandel: Auf dem Aletschgletscher haben Klimaschützer eine riesige Postkarte ausgerollt, die aus rund 125'000 einzelnen Postkarten besteht. Diese soll auf den Klimawechsel und die Bedrohung der Gletscher aufmerksam machen. (16. November 2018)
(Bild: Valentin Flauraud) Mehr...