Die einst reichste Frau der Schweiz ist tot

Hortense Anda-Bührle war Mäzenatin und Konzernchefin. Mit voller Energie, aber ­wechselndem Glück.

«Das Optimum herausholen. Alles oder nichts. Das interessiert mich.»: Hortense Anda-Bührle.

«Das Optimum herausholen. Alles oder nichts. Das interessiert mich.»: Hortense Anda-Bührle.

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Andere Leute erben, als hätten sie im Lotto gewonnen. Hortense Anda-Bührle nicht. Sie war eine Erbin aus Berufung. Nicht umsonst schätzte sie schon im Internat die Skirennen: «Das Optimum herausholen. Alles oder nichts. Das interessiert mich.»

Und sie erbte umfassend: ein uferloses Vermögen, das sie zur reichsten Frau der Schweiz machte, einen uferlosen Konzern, eine uferlose Kunstsammlung und eine Mission in der Musik.

Der Coup, der sie prägte, begann im Jahr ihrer Geburt 1926. Ihr Vater, Prokurist der serbelnden Werkzeugfirma Oerlikon, kaufte in einer Konkursmasse das Patent für eine 20-Millimeter-Kanone.

Es war ein eher veraltetes Modell. Emil Georg Bührle verkaufte es erst an die Briten, dann, nach Kriegsausbruch, an die Nazis. Er schaffte das, obwohl die deutschen Juncker-Kanonen weit überlegen waren. In den ersten Kriegsjahren gab Bührle mehr für Schmiergelder in Deutschland aus als für Löhne in der Schweiz. Das funktionierte. Hatte Bührle 1938 noch das Vermögen von 1 Million Franken deklariert, waren es 1944 127 Millionen. Damit war er zum reichsten und anrüchigsten Mann der Schweiz geworden; er begann mit Mäzenatentum und sammelte Kunst. Man sagte: jede Woche einen Impressionisten.

Er starb früh; 1956 übernahm sein Sohn Dieter den komplexen Mischkonzern. Er verhedderte sich zunehmend: Waffensysteme waren längst komplexe High-tech; keine Sache für einen Einzelkonzern. Ende der Achtzigerjahre verlor Oerlikon pro Tag eine Million.

1990 warf Hortense ihren Bruder aus dem Konzern. Ihre Forderung an das neue Management war: «Schuhe statt Kanonen.» Zwei harte Sanierer sollten den Konzern straffen: Hans Widmer und Ernst Thomke. Sie erlebten eine Chefin, die entschiedener war als sie: «Ich frage nicht lange. Schliesslich sind wir auf der Welt, um Probleme zu lösen.»

10'000 Leute wurden entlassen. Doch der Riesenkonzern bröckelte weiter; der Rüstungssektor konnte nicht, der Rest sollte nicht verkauft werden. Als Thomke vorschlug, die Schuhsparte Bally abzustossen, liess seine Chefin, die nie Interviews gab, ihm per Presse ausrichten: «Thomke soll aufhören rumzuquatschen.» Kurz darauf feuerte sie ihn mit: «Er verträgt keine Kritik.»

2000 übergab sie ihrem Sohn den Konzern. Es war der Sohn einer leidenschaftlichen Liebe. Laut Plan hätte Hortense Bührle einen Oberst und Oerlikon-Manager heiraten sollen: Sie heiratete den Pianisten Geza Anda. Es war eine Ehe zwischen zwei ehrgeizigen Leuten: sehr laut, sehr glücklich. Und sehr kurz: 1972 starb Geza Anda mit 55 an Krebs. Nicht zufällig ist der einzige von Anda-Bührle publizierte Text ein sehr schöner Aufsatz über Musik. Sie richtete einen hochklassigen Pianistenwettbewerb zum Gedenken an ihren Mann ein, nach seinem Ideal: perfekte Technik, aber auch persönlicher Ausdruck. Eine Maschine, die nicht einfach repetiert, sondern das Werk jeden Abend neu erschafft.

Ihr Sohn Gratian, Privatschule, ETH, McKinsey, versuchte Oerlikon neu als Hightechkonzern zu erfinden. Er kaufte als neues Kernstück einen Halbleiterhersteller; Monate später brach die Internetblase zusammen: Das Investment schrieb Riesenverluste.

2005 übernahmen zwei österreichische Financiers die Firma: Sie zahlten der Familie nicht einmal den Paketzuschlag. Mit der Begründung: «Wir waren nicht mehr die Schwachen.»

Hortense Anda-Bührle blieb weiter tätig als Mäzenatin, etwa für die riesige Bührle-Sammlung im Kunsthaus, Sie starb, wie ihre Familie schrieb, letzten Freitag nach kurzer Krankheit.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.05.2014, 07:18 Uhr

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