Die toten Delfine von Lipperswil: Tiefschläge als Schicksal der Zirkusdynastie

Ohne die TV-Serie «Flipper» gäbe es kein Conny-Land. Und ohne Conny Gasser keinen Circus Conelli. Dieser steht nicht zum ersten Mal unter einer dunklen Wolke.

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Die Familiensaga der Gassers

Von Ruedi Baumann

Zürich &endash Wenn ab Samstag Zirkusdirektor Roby Gasser auf dem Zürcher Bauschänzli seine 900 Gäste begrüsst, dürfte kaum mehr einer an die zwei toten Delfine denken. Nicht einmal Delfintrainerin Nadja Gasser. Zu Hause in Lipperswil hat sie Angst. Und auf dem Bauschänzli albert sie mit den beiden Clowns Gaston und Roli herum. Die Gassers sind es gewohnt, viel härtere Schicksalsschläge einzustecken. Punkto Todesfälle in der Familie habe er mehr Pech gehabt als mit seinen Tieren, sagte Conny Gasser einmal. 2007 starb er selber &endash zwischen zwei Vorstellungen des Zirkus Conelli.

Gasser, Conelli, Conny-Land &endash das alles ist Zirkusgeschichte. Gründer der Dynastie war der 1880 geborene Heinrich Gasser aus Hallau, ein bekannter Kranzturner, der seine Metzgerlehre abbrach und auf die Walz ging. Im Elsass sah er eine Zirkusnummer am Matrosenmast, machte das Kunststück nach &endash und wurde engagiert. Wie später viele seiner Nachfahren lernte Gasser eine schöne Artistin kennen, er tingelte im Artistenduo durch Europa und hatte 14 Kinder. Was zwangsläufig zu einer «Multiplikation der Gasser-Unternehmen» führte, wie Autor Willi Wottreng einmal schrieb. Gasser-Urgrossenkel heirateten in die Zirkusfamilien Nock und Stey ein. Heute gibt es kaum mehr einen Zirkus auf der Welt ohne Gasser-Blut. Die Wiege für das spätere Conny-Land und den Circus Conelli stand 1938 in Dürnten im Zürcher Oberland. Als Conny Gasser in einem Zirkuswagen zur Welt kam, turnte sein Vater gerade auf einem frei stehenden Mast. Als ihm die Nachricht zugerufen wurde, machte er vor Freude einen Extrahandstand &endash und führte die Nummer fort. Klein Conny lernte &endash wie später sein Sohn Roby &endash im Zirkus lesen und schreiben, nur im Winterquartier besuchten sie eine anständige Schule. Conny heiratete die Trapezkünstlerin Gerda und trat als The Tongas in den besten Zelten der Welt auf.

Delfinfleisch frisch vom Markt

Die Filmserie «Flipper» brachte die Wende. Zusammen mit Louis Knie gründeten die Gassers eine wandernde Delfinshow. Die Begeisterung in der Bevölkerung war riesig; viele pilgerten auf den Flughafen Kloten, um die Ankunft der Tiere zu sehen. In Italien wurde damals auf den Märkten noch ungeniert Delfinfleisch verkauft. Gasser «zügelte» seine Delfine sogar nach Manila, Singapur und Afrika.

Des Herumreisens müde, machte Conny Gasser seinen Traum wahr und eröffnete 1985 das Conny-Land. Lipperswil war früher ihr Winterquartier, die Delfine wurden anfangs in einem kleinen Bassin in einer Baracke untergebracht. Jeden Franken, den die Gassers verdienten, investierten sie in den Park und grössere Bassins. Zu den Delfinen kamen Seelöwen. Sohn Roby und Tochter Nadja zeigten von Kind auf ein sensationelles Talent im Umgang mit den Tieren. Robys Kunststück, den Handstand auf der Schnauze von Seelöwe Adolph, hat bisher kein anderer geschafft.Das Conny-Land wurde zum Publikumsmagneten Mostindiens. Das Halten von Delfinen aber war bald nicht mehr unbestritten. Delfinschützerin Noëlle Delaquis begann, den Gassers das Leben schwerzumachen. Jedes Mal, wenn ein Delfin starb, hagelte es Proteste, vor allem auch nach dem Tod von zwei Delfinbabys innerhalb weniger Tage. Der Kinderzoo Rapperswil hatte 1998 &endash im Gegensatz zu den Gassers &endash genug und tauschte seine Delfine gegen Seelöwen ein. Zu allem Übel bescherte 1995 auch Seelöwe Adolph seinem Herrn Schlagzeilen; er öffnete auf der Fahrt von innen die Türe des Transporters und plumpste auf die Autobahn. Für Schlagzeilen sorgte später auch Junior-Chef Roby persönlich wegen Sexgeschichten mit einer Minderjährigen.Die Gassers haben sich bisher immer aufgerappelt &endash «the show must go on!». Vier Monate nach dem Tod von «Koneli» Gasser, der dem Circus Conelli 1982 den Namen gab, starb auch Gerda, die Mutter von Roby und Nadja. Die jetzt wieder aufflammenden Vorwürfe der Tierquälerei verletzen die Ururgrossenkel der Zirkusgründer enorm. Sie verbrachten ihr halbes Leben in engen Zirkuswagen und stellen sich fast jeden Abend selber zur Schau. Und sind überzeugt, dass das Zirkusleben auch ihren Tieren Freude macht. «Ich wäre lieber ein Delfin im Conny-Land als einer in den verschmutzten Weltmeeren», sagte Conny Gasser wenige Tagen vor seinem Tod.

Roby (Mitte) und Nadja Gasser (2. von links) vor dem Circus Conelli. Foto: PD

Erstellt: 16.11.2011, 06:21 Uhr

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