«Du siehst alt genug aus»

«Roxy stirbt nie»: Der frühere Besitzer Jean-Pierre Grätzer liess für einen Abend den Zürcher In-Club der 80er-Jahre aufleben - und es kamen die hartgesottenen Clubgänger von damals.

«Oh-oh-oh oh - ain’t nobody, loves me better»: Die früheren Roxy-Besucher und ihr Lieblings-DJ Oli Stumm sind heute noch ein eingespieltes Team.

«Oh-oh-oh oh - ain’t nobody, loves me better»: Die früheren Roxy-Besucher und ihr Lieblings-DJ Oli Stumm sind heute noch ein eingespieltes Team. Bild: Reto Oeschger

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Für den jungen Typen auf der Herrentoilette war der Abend bereits vor Mitternacht gelaufen. «Hey, hier hat es im ganzen Club nur Alte!», schrie er aufgelöst in sein Handy. Das war an der letzten Roxy-Party vor einem halben Jahr, und an diesem Freitag ist es nicht anders: Da strömen Leute in den Vierzigern, Fünfzigern, vereinzelt auch in den Sechzigern zur Tür des «Supermarket» hinein, graue Schläfen, lichtes Haar, Tränensäcke und Schlupflider überall. Die Frauen, die hohlwangigen Schönheiten aus den 80er-Jahren, sehen aber selbst damit noch blendend aus.

Man trägt die Zeichen der Zeit mit Sarkasmus: «Graue Haare muss man sich verdienen», meint ein Besucher. Nur: Da sind gar keine Haare mehr. Nicht eines. An diesem Abend kann es aber durchaus von Vorteil sein, nicht mehr zu den jungen Hübschen zu gehören: «Du brauchst keine Memberkarte, du siehst alt genug aus», sagt die Türsteherin einem Besucher gönnerhaft - und lässt ihn gratis hinein.

Noch vor Mitternacht ist der Club pumpenvoll, die Stimmung prächtig. Alte Feger von damals dröhnen aus den Boxen, von Grace Jones, Chaka Khan oder den Jackson Sisters. Die Besucher und ihr Lieblings-DJ Oli Stumm - mittlerweile nach New York ausgewandert - sind auch nach all den Jahren ein eingespieltes Team. Er muss nicht den Kasper spielen, keine platten Sprüche machen. Er muss nur im richtigen Moment die Musik herunterfahren und schon schallt es ihm Hundertfach entgegen: «Oh-oh-oh-ohhh!»

Männer mit Milli-Vanilli-Mähne

Die Frage, welche die Leute an diesem Abend umtreibt, ist: Sehe ich jemanden von früher? Den Ex? Die früheren Kumpels? Die exotische Grazie, die man nie anzusprechen wagte? Etwa so, wie an einer Klassenzusammenkunft. Erinnerungshilfe bieten die Fotos, die während des Abends an die Wände projiziert werden. Sie zeigen braungebrannte Männer mit Milli-Vanilli-Mähnen, Frauen mit bauchfreien Tops und hochtoupierten Haaren. Die schärfsten Looks von damals eben.

«Schau, das ist Paul Schönenberger. Der, der das Aerobic nach Zürich gebracht hat», sagt Corinne und zeigt auf eines der Fotos. «Und das hier ist Jean-Pierre, einer der beiden Roxy-Besitzer.» Er sehe heute eigentlich noch fast gleich aus wie damals - wie viele Leute, die früher ins Roxy gingen. «Ich glaube, es ist die Lebenslust, die sie so jugendlich hält.» Corinne ist eine muntere Roxy-Schönheit, 47 und in bester Festlaune. Was den Club ausmachte, kann sie nicht genau sagen. War es die Musik? Die Barmaid, die sie für das Sexsymbol schlechthin hielt? Am ehesten war es wohl die familiäre Atmosphäre. «Wir haben uns alle gekannt. Wir haben miteinander gelacht und getanzt. Und auch wenn wir nicht zu den ganz Wilden gehörten, haben wir uns bestens amüsiert.» Nach dem Ende des Roxy sei sie richtiggehend heimatlos geworden.

Jeder kannte jeden

Das Roxy stand im Ruf, ein Schicki- Micki-Club zu sein, oberflächlich und etwas verkokst. Dennoch kann man fragen, wen man will, immer heisst es, die familiäre Atmosphäre sei es gewesen, die den Club auszeichnete. «Im Roxy habe ich immer ein paar Leute gekannt», sagt Chris. Aber wen wunderts? Der Club war klein, viel kleiner als man es sich je vorgestellt hatte, und deshalb mussten Türsteher das Volk sortieren, das zu den besten Zeiten vor der Türe Schlange stand.

Gute Chancen hatte, wer «jemanden kannte» - die Untermieterin, die im Roxy arbeitete, den Nachbarn, der eine Memberkarte besass. Chris hatte eine Freundin, deren Vater mit dem Geschäftspartner von Jean-Pierre befreundet war. Und so kannte am Ende zwangsläufig jeder jeden.

Chris’ Kollege zieht eine der begehrten Memberkarten aus der Tasche. Er hat sie «dank de Bea» bekommen. Das Foto zeigt ihn als 25-Jährigen, die langen schwarzen Haare, die inzwischen alle ausgefallen sind, wie Brian Ferry nach hinten geklebt. «Geile Siech», sagt Chris anerkennend. «Dir mussten sie die Karte einfach geben.»

«Ich habs gesehen»

Seit das Roxy nicht mehr ist, gehen viele der früheren Clubgänger höchstens noch an die Roxy-Party. «Ich habs gesehen», sagt Gege Mele, 50, der früher an der Tür stand. Wo auch kann man sich heute noch so gut amüsieren wie früher im Roxy, wenn die Vierzig überschritten sind? Es ist 2 Uhr morgens, die Tanzfläche ist gerammelt voll, und alle geben nochmals tüchtig Gas - für viele steigt die nächste Party erst wieder in einem halben Jahr.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 17.05.2010, 14:25 Uhr

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