Ein Fünftel aller Betagten wird vernachlässigt

Gewalt im Alter ist ein Tabu, aber trotzdem weit verbreitet. Die unabhängige Beschwerdestelle für das Alter will Abhilfe schaffen.

Pflegebedürftig: Betagte bei der Pediküre.

Pflegebedürftig: Betagte bei der Pediküre. Bild: Allessandro della Bella/Keystone

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Ihre Kleider sind schmutzig. Ihre Zehennägel sind viel zu lang. Ihre Wohnung riecht muffig. Die 87-jährige Frau ist eine schwierige Nachbarin. Auch für die Tochter, die kürzlich Witwe geworden ist und im selben Wohnblock lebt. Für sie ist die Mutter eine Belastung, die sie Tag und Nacht mit Anrufen terrorisiert. Richtig pflegen von ihr lässt sie sich aber nicht. Auch die Nachbarn werden von der betagten Frau belästigt. Nun wurde es einer Nachbarin zu viel. Sie suchte Rat bei der Unabhängigen Beschwerdestelle für das Alter (UBA).

Für Albert Wettstein, ehemaliger Stadtarzt und jetzt UBA-Fachkommissions-Präsident, ist das ein typischer Fall von Vernachlässigung. «Die Tochter, die selber am Anschlag ist, hat eine Sorgfaltspflicht gegenüber der Mutter.» Kann sie diese nicht selber leisten, ist sie verpflichtet, Hilfe zu organisieren. «Vernachlässigung ist eine subtile Form der Gewalt», sagt Wettstein.

Gewalt hat mit Macht und Abhängigkeit zu tun. Sie hat viele Formen. Es gibt rohe körperliche oder subtile seelische Gewalt wie demütigen, drohen oder schweigen. Nicht alle Formen sind geläufig. Etwa das Einschränken der Bewegungsfreiheit oder der sozialen Kontakte wird von Laien nicht unbedingt als Gewalt aufgefasst. Das Thema ist heikel und dehnt sich aus. Vor 30 Jahren wurde die häusliche Gewalt an Frauen zu einem Thema, dann Gewalt an Kindern. «Gewalt bei älteren Menschen ist nach wie vor ein Tabu», sagt Albert Wettstein, «sie wird mit Angst und mit Scham in Zusammenhang gebracht.» Dabei erfolge sie meistens nicht vorsätzlich, sondern aus Hilflosigkeit. «Angehörige sind am Anschlag und wissen nicht mehr weiter.»

70'000 Fälle von Gewalt

In der Schweiz gibt es keine genauen Zahlen von Misshandlungen Betagter. Doch der UBA liegen Resultate von repräsentativen Befragungen über häusliche Gewalt bei Menschen zwischen 65 und 84 Jahren aus sieben europäischen Ländern vor. Daraus folgert die Beschwerdestelle, dass es im Kanton Zürich jährlich fast 70'000 Fälle geben dürfte, eine hohe Dunkelziffer nicht mitgezählt. Das heisst, jeder fünfte Betagte ist Opfer von Gewalt, doch bloss die wenigsten erhalten Hilfe. In den letzten fünf Jahren hat die Unabhängige Beschwerdestelle Zürich/Schaffhausen 150 Fälle behandelt. Knapp ein Drittel betraf die Vernachlässigung von Betagten und gut zwei Drittel eine oder mehrere Formen von Misshandlungen. Die Täter waren zur Hälfte die Angehörigen der Opfer.

Anders als die Pro Senectute oder die Ombudsstelle ist die UBA in erster Linie eine Anlaufstelle in Konfliktsituationen. Ihr zur Seite steht ein Fachgremium, bestehend aus 40 freiwillig und ehrenamtlich arbeitenden Fachleuten aus Pflege, Psychologie, Gerontopsychiatrie, Medizin, Versicherung und Recht. Melden können sich Betagte oder ihre Angehörigen, aber auch Mitarbeitende aus der Altersarbeit.

«Unser Ziel ist es, unabhängig und gratis zu beraten, zu schlichten und nach Lösungen zu suchen», sagt Monika Stocker, ehemalige Stadträtin und Präsidentin der UBA. Sie macht auch auf die gesellschaftliche Dimension des Themas aufmerksam: In den strategischen Leitlinien der Kantone gilt die Prämisse «ambulant vor stationär» und «lieber privat als stationär». «Wenn das ein Sparauftrag sein soll, um keine weiteren Altersheime zu bauen, ist der Ansatz falsch», sagt Stocker. Die Tendenz, dass die Menschen immer älter werden und länger zu Hause bleiben, werde die Situation verschärfen. Deshalb fordert die UBA ein flächendeckendes, umfassendes Unterstützungssystem für pflegende und betreuende Angehörige.

Situation hat sich entschärft

Der eingangs geschilderte Fall hat ein Happy End. Eine Pflegeexpertin rät den Nachbarinnen, sich abzugrenzen und auf das Klingeln nicht mehr zu reagieren. Sie können der Frau ohnehin nicht helfen. Stattdessen informiert die Tochter nun den Hausarzt über die nächtliche Unruhe ihrer Mutter. Diese erhält ein Beruhigungsmittel, das die Situation entschärft. Schliesslich konnte die UBA die Tochter motivieren, die Mutter mit einer Demenzspezialistin zusammenzubringen. Seither kommt zweimal täglich die Spitex. Sie ermöglichte der Tochter, ihren Beruf wieder aufzunehmen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.06.2013, 10:02 Uhr

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