Eine Art Superminister für Behinderte

Der Kanton Zürich hat grosse Defizite im Umgang mit Behinderten. Deshalb macht Sicherheitsdirektor Mario Fehr jetzt vorwärts.

Nur ein Bruchteil der Behinderten lebt in einem Heim: Gehbehinderte Person in Zürich.

Nur ein Bruchteil der Behinderten lebt in einem Heim: Gehbehinderte Person in Zürich. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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So kann man sich verschätzen: Als die Schweiz vor vier Jahren die Behindertenrechtskonvention der UNO ratifizierte, tat man dies im Glauben, gar nicht so viel tun zu müssen, um sie zu erfüllen. So jedenfalls kommunizierte es der Bundesrat. Die Realität sieht etwas anders aus, wie Sicherheitsdirektor Mario Fehr (SP) heute Dienstag vor den Medien sagte: «Es gibt in allen Kantonen zahlreiche, teils schwere Mängel. Wir stehen vor einem grossen Berg von Hausaufgaben.»

Das beginnt mit vermeintlich simplen kleinen Dingen. Etwa der Homepage des Kantons, die für Menschen mit Behinderung nicht zugänglich ist: Es existieren keine Informationen in einfacher Sprache, es gibt keine eigene Navigation für Sehbehinderte. Der Kanton Zürich verfügt über kein eigenes Behindertengesetz.

Er hat nicht einmal genaue Zahlen, wie viele Menschen mit Behinderung hier leben, geschweige denn, welcher Art ihre Einschränkung ist. Nur eine Schätzung des Bundes gibt es, sie geht von etwa 180000 Behinderten im Kanton Zürich aus. Bekannt ist nur, dass 9300 dieser Menschen in Institutionen leben oder arbeiten. Mehr als achtzig Prozent von ihnen sind psychisch oder geistig behindert.

Kanton will seine «Hausaufgaben» anpacken

Nun will der Kanton seine Hausaufgaben anpacken, wie Fehr sagt. Ein Aktionsplan soll zeigen, welche nächsten Schritte der Kanton anzupacken hat. Die Arbeiten daran beginnen Ende Januar. Die Homepage des Kantons wird überarbeitet, so dass sie barrierefrei zugänglich ist. Vor allem aber kündigte Fehr an, eine eigene Koordinationsstelle für die Behindertenpolitik zu schaffen. Die Stelle mit 100-Prozent-Pensum wird dieser Tage ausgeschrieben und so schnell wie möglich besetzt. Damit setzt Fehr Empfehlungen aus einer im September publizierten Studie der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) um.

Die neue Stelle, die zum Sozialamt gehört, soll die Umsetzung der Behindertenrechtskonvention koordinieren und überprüfen – eine Aufgabe, die fast alle Bereiche der Gesellschaft betrifft, wie Marianne Rybi, Geschäftsleiterin der Behindertenkonferenz Kanton Zürich sagte. Andrea Lübberstedt, die Chefin des kantonalen Sozialamts, sagte, die Stelle werde vor allem für die Anliegen jener 95 Prozent der Behinderten da sein, die selbständig leben und arbeiten.

Vom Betreuten zum Kunden

Die Behindertenrechtskonvention wird sich auch auf das Leben jener Menschen auswirken, die in Institutionen wohnen. Daniel Frei, Präsident des Branchenverbands Insos und SP-Kantonsrat, sagte, es gelte wegzukommen von der fürsorglichen Fremdbestimmung, die in den Heimen früher üblich gewesen sei: «Die Behinderten werden von Betreuten zu Kunden.» Auch das beginnt im Kleinen, so Frei: «Kürzlich fragte mich ein Behinderter: Warum kann ich nicht dann mein Abendessen einnehmen, wann ich das will? Warum darf ich danach kein Glas Wein mehr trinken? Ihr könnt das doch auch.»

Im Grossen geht es unter anderem darum, dass Menschen mit Behinderung möglichst selbst wählen können, ob, wie und in welchen Institutionen sie leben möchten. Eine neue Online-Plattform des kantonalen Sozialamts und des Verbands Insos, an der sich über hundert Institutionen beteiligen, soll diese Wahl erleichtern: Unter www.meinplatz.ch findet sich ein Überblick über freie Plätze in Tages-, Arbeits- und Wohnstrukturen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.11.2018, 12:50 Uhr

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