Hintergrund

Eine Branche vor dem Aus

Es gibt nicht mehr viele Videotheken in der Schweiz. Soeben hat City-Video in Zürich wieder eine Filiale geschlossen. Die wenigen, die noch da sind, kämpfen ums Überleben.

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Still und heimlich hat die Videothekenkette City-Video die Filiale am Goldbrunnenplatz in Zürich geschlossen. An der Eingangstür weist ein Zettel die Kundschaft auf die Schliessung hin. Es sieht nicht nach einem geordneten Rückzug aus Wiedikon aus. Die Atmosphäre vor Ort lässt schon eher auf einen fluchtartigen Weggang schliessen.

Mit dem Aus dieser Filiale verbleibt im Quartier Wiedikon noch eine Videothek. Der Filmriss 300 Meter weiter Richtung Triemli ist übrig geblieben. Ursprünglich buhlten in diesem Teil der Stadt drei Videotheken um Kundschaft. Aber eben: Die negative Umsatzentwicklung in der Videothekenbranche – seit 10 Jahren zeigt der Trend stark nach unten – hat so manchen Filmverleiher in die Knie gezwungen. In der Blütezeit Mitte der 90er-Jahre gab es in der Schweiz etwa 550 Videotheken, sagt Patrick Schaumlechner, Sprecher des Schweizerischen Video-Verbands (SVV). Jetzt sind es noch ein paar Dutzend. Aktuelle Zahlen sind nicht vorhanden. Der Video-Verband hat seit Jahren keine Erhebung mehr durchgeführt.

Die Digitalisierung als Sargnagel

Das Verschwinden der klassischen Videothek hat viele Gründe. Als Totengräber Nummer eins werden der Preiseinbruch im Kaufsektor und die rechtliche Situation der Verleiher ins Feld geführt. Inzwischen beschaffen sich die Verleiher ihre Filme global und nicht auf dem heimischen Markt. Und anders als in Deutschland geniessen die Videothekenbetreiber kein Exklusivrecht, Filme früher als im Handel an die Kundschaft zu bringen.

Totengräber Nummer zwei ist die legale und vor allem illegale Konkurrenz aus dem Internet. On-Demand-Dienste von Anbietern wie Swisscom, Sunrise, UPC Cablecom oder Apple haben den Markt durcheinandergewirbelt. Filme bestellt man heute per Knopfdruck bequem vom Sofa aus. Und eben: Fraglos sind auch die Verbreitung von raubkopierten Produkten und illegale Downloads verantwortlich dafür, dass die Videotheken jährlich Kundschaft verlieren.

Aber es gibt noch einen Totengräber Nummer drei: Wie Jürg Kammermann, Inhaber und Geschäftsführer von City-Video, im Gespräch mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet sagt, sei die Verleihbranche auch wegen des veränderten Mediennutzungsverhaltens der jüngeren Generationen unter Druck gekommen. «Leute unter 30 Jahren sind von Filmen weniger begeistert. Sie sind ständig auf Facebook, beschäftigen sich dauernd mit dem Smartphone und haben im Fernsehen ein unglaubliches Angebot an Serien.» Kammermann ist überzeugt, dass das Überangebot an Entertainment schuld daran sei, dass Videotheken aus dem Strassenbild verschwänden.

Seine Zahlen sprechen eine klare Sprache. Um 15 Prozent nehme der Umsatz von Jahr zu Jahr ab. Kammermann macht keinen Hehl daraus, dass er aus wirtschaftlichen Überlegungen unrentable Filialen in den nächsten Jahre schliessen werde. Noch hat er sechs, doch der Druck sei immens. Bereits im letzten Jahr schloss er die Filiale am Zürcher Bahnhofplatz. Was noch an die glorreichen Zeiten erinnert, ist einzig sein City-Café nebenan.

In der Nische erfolgreich

Wer sich bis heute mehr oder weniger tapfer schlägt, ist der Filmriss an der Gutstrasse 2. Die Inhaberin der Videothek, Liliane Forster, setzt auf ein Nischenangebot. «Blockbuster sind Sargnägel für jeden Videothekar», sagt sie. Damit liesse sich kaum mehr Geld verdienen. Sie setzt deshalb neben Neuheiten auf Klassiker und Filmmaterial, welches bis ins Jahr 1902 zurückreicht. Zusätzlich setzt Forster auf eine gute Beratung. Ein Vorteil, den sie gegen Angebote im Web ausspielen kann. Offenbar mit Erfolg. Sie kann, wie sie sagt, laufend neue Kunden begrüssen.

Die Zeit arbeitet gegen die Videothek

Aber eben, der Filmriss ist die Ausnahme, wie Video-Verband-Präsident Franz Woodtli erklärt. Der physische, stationäre Verleih sei am Ende. «Das digitale Geschäft wächst», sagt Woodtli. Die anfängliche Skepsis gegenüber Video-on-Demand-Diensten vor Jahren ist einer pessimistischen Haltung gewichen. Auch weil die Digitalangebote heute eine viel breitere Filmauswahl zur Verfügung stellten. Jürg Kammermann sieht allerdings noch einen Hoffnungsschimmer am Horizont. «Der On-Demand-Markt in der Schweiz ist gesättigt», sagt er. Der Markt sei aufgeteilt, und er rechne nicht mehr mit massiven Umsatzeinbrüchen. Kammermann ist überzeugt, dass die Erwartungen bei den führenden Anbietern wie Swisscom und UPC Cablecom im letzten Jahr nicht erfüllt wurden. Seine Aussagen lassen sich nicht überprüfen, denn Zahlen sind noch nicht erhältlich.

Ist das Videothekensterben ein Schweizer Phänomen? Keineswegs. Weltweit ist ein Abwärtstrend im Videothekenmarkt zu beobachten. Vor zwei Jahren hat die zweitgrösste nationale US-Videothekenkette Movie Gallery rund 1000 ihrer 2700 Filialen geschlossen. Kurz davor hatte der US-Marktführer Blockbuster angekündigt, in den kommenden zwei Jahren bis zu 3750 Videotheken schliessen zu müssen. Neben den USA kämpfen die Videotheken aber auch in Grossbritannien und Frankreich ums Überleben. Während Frankreich nie eine sonderlich gute Videothekenstruktur vorweisen konnte, sind die Umsatzeinbrüche in Grossbritannien nach einigen guten Jahren nun eklatant. Die technische Evolution macht über kurz oder lang Trägermedien überflüssig. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.01.2013, 13:21 Uhr

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Kommentar: Adieu, Videothek!

Zuerst raffte die Digitalisierung die Plattenläden dahin, jetzt sind die Videotheken an der Reihe. Lange konnten sie dem boomenden Angebot im Internet trotzen. Das Geschäft mit physischen Trägermedien ist jedoch ein Auslaufmodell.

Mit dem Aus der Videothek gehen ohne Zweifel ein Stück Tradition und ein Lebensgefühl verloren. Der Besuch war stets ein Abenteuer. Wer in den 80er-Jahren aufgewachsen ist, weiss das. Das Betreten einer Videothek war ein Erlebnis, das einer Schatzsuche gleichkam. Man entdeckte die Welt.

Nun ist das Internet das Tor zur Welt. Kino per Knopfdruck Realität. Möglich, dass einzelne Verleiher überleben werden, weil sie cineastische Perlen aufbewahren und mit einer guten Beratung bei Filmfans punkten können. Die Mehrheit, machen wir uns nichts vor, wird die Türen für immer schliessen.

Das birgt eine gewisse Traurigkeit, denn ihr Weggang bedeutet auch einen Verlust für das Stadtbild. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als zu akzeptieren, dass jede Geschichte ein Ende hat. Wie im Film. (lü)

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