Eine Reise in die Heimat «unseres» Hafenkrans

In Rostock hat er tonnenweise Fracht in Hochseeschiffe verladen. Ab Montag bewegt er die Zürcher Gemüter. Woher kommt der Hafenkran?

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Am Alten Markt gibts heute Abend Kohle: Kneipenquiz in der Bar Ursprung. Noch ist das Lokal leer, auf den Tischen stehen orange Kärtchen mit Namen drauf. «Das wird ganz schön voll hier», sagt Jule Hanisch, die tätowierte Kellnerin. Sie zapft ein Rostocker Pils und erklärt den Modus: «Das Team mit den meisten Punkten kriegt 20 Euro, die Zweitplatzierten 10, die Drittplatzierten 5.»

Dann sprechen wir über Hafenkräne. Aus Rostock soll das Exemplar stammen, das am Montag am Limmatquai aufgebaut wird. Bestätigen will die Herkunft freilich niemand. Weder die Betreiber des Rostocker Hafens noch der Zürcher Stadtrat. Die Künstler verstehen ihre Aktion als «Archäologie der Zukunft», ihr Kran wird «freigelegt». Dass er in Wahrheit 1000 Kilometer quer durch Deutschland transportiert werden musste, passt nicht zur Geschichte.

«Ne», das verstehe sie nicht, sagt Jule Hanisch, «was soll denn daran Kunst sein?» Für die 27-Jährige dient ein Hafenkran dazu, den «Getreidekram zu verschiffen». Unten im Stadthafen stehe noch einer, sagt sie, den habe man vermutlich stehen gelassen, weil das Verschrotten teurer käme. Rund 700'000 Franken kostet das Kunstprojekt Zürich Transit Maritim. «Und das bezahlt die Stadtkasse?», fragt Jule Hanisch ungläubig. «Ganz schön viel Kohle.»

Peitschende Meeresbrise

Der Weg ans Ufer der Unterwarnow führt an der Petrikirche mit ihrem wuchtigen Turm vorbei. Darunter sorgfältig renovierte Backsteinhäuser, wo tagsüber Rechtsanwälte und Steuerberater arbeiten. Hie und da deuten Geranien auf Leben hin, dazwischen ein Klabautermann aus Holz – die Gartenzwerge des Nordens. Ein Teenager in Trainerhosen führt seinen Kampfhund Gassi, ansonsten sind die Gassen still.

Nachdem in den 60er-Jahren der Rostocker Überseehafen gebaut wurde, verlor der Stadthafen seine Funktion für den Seeverkehr. Seit 1991 wird er rein touristisch genutzt. Es gibt Clubs, Restaurants, Souvenirshops – und zwei ausgediente Hafenkräne, Nachfolgemodelle des künftigen Zürcher Krans. An diesem Montagabend ist aber auch hier keine Menschenseele unterwegs. Vielleicht liegts an den Temperaturen: Frühsommerlich warm ist es in Deutschland, nur an der Ostküste peitscht einen die kalte Meeresbrise ins Gesicht.

In der Gaststätte Zur Kogge kehrten echte Seebären ein, hatte uns die Kellnerin im Ursprung verraten. Seit 1856 gibts das Lokal, ein rotes Eckhaus mit hanseatischem Giebel. Drinnen siehts aus wie auf dem Filmset von «Pirates of the Caribbean», nur dass der Tresen nicht aus Gips, sondern tatsächlich aus 150 Jahre altem Holz gezimmert ist. An der Decke hängen Schiffsmodelle, Glocken und antike Rettungsringe. Wir essen Matjes, der Mann mit der Seglermütze am Tisch nebenan eine Fischsuppe. Er sagt: «Rostock ohne Hafenkran geht gar nicht.»

Im Sommer etwa, wenn das maritime Riesenfest Hanse Sail stattfindet, stehen die Stahlkolosse im Mittelpunkt. Sie dienen als Orientierungshilfe, spenden Schatten, und abends grillieren dort die Jugendlichen und trinken ihr Bier. Dass ein Hafenkran in Zürich aufgestellt werden soll, hält der Mann mit der Seglermütze jedoch für Seemannsgarn: «Der passt da doch überhaupt nicht hin.»

Der Fan im Rathaus

Und genauso sehen das auch die acht jungen Männer in der nächsten Kneipe. Sie trinken Rostocker, hören Scooter und spielen Dart. Einer trifft die Doppel-18, sein Partner ruft: «Mit Schmackes!» – vermutlich ein Student aus dem Rheinland. Gefragt, ob Hafenkräne Kunst seien, antwortet der Chor: «Nä!»

Auf dem Weg zurück ins Hotel scheuchen wir eine Möwe auf. Sie verschwindet im dichten Nebel. Die Rostocker pflegen ein familiäres Verhältnis zum Hafenkran, notieren wir im Zimmer. Für sie ist er ein sehr, sehr grosser Bruder, der einfach schon immer da war. Als Kunst bezeichnet ihn jedoch niemand.

Niemand ausser Dr. Michaela Selling, Direktorin im Amt für Kultur, Denkmalpflege und Museen der Hansestadt Rostock. Sie empfängt uns am nächsten Tag in ihrem Büro im Rathaus. Die Frau trägt einen Lederrock, eine poppige Brille und eine asymmetrische Kurzhaarfrisur. Vom Zürcher Hafenkranprojekt hat sie erst aus der Presse erfahren, das hat sie etwas gekränkt. Rostock habe 550 Einzeldenkmäler, nicht wenige davon seien Industriezeugen, sagt Selling. Zum Beispiel der «Lange Heinrich», der weltweit älteste Schwimmkran mit Baujahr 1905. Heute befindet sich die elegante Stahlkonstruktion an den Staden des IGA-Parks etwas ausserhalb von Rostock in einer Art nautischem Freilichtmuseum.

«Schön» sei vielleicht der falsche Begriff für einen Hafenkran, sagt Michaela Selling. Das Objekt sei ein Zeugnis für den Erfindergeist der Menschheit, wie etwa das Rad. Und dann gerät sie ins Schwärmen: «Allein die Grösse», sagt Selling, «da kommt dieser harte, kalte Kran, der so nichts Liebliches an sich hat und sagt: Hallo, seht her, hier bin ich, sturmgeprägt von der rauen Küste, und nun fangt mal etwas mit mir an.» Das werde die Zürcher schon vor eine Herausforderung stellen, sagt Selling. Schliesslich sei die Kunst dafür da, zu bilden und zu provozieren. Zum Schluss wagt Michaela Selling eine Prognose: Der Rostocker Hafenkran, der in seinem Leben als Arbeitsgerät Tonnen bewegt habe, werde als temporäre Zürcher Installation den Horizont auch jener Menschen erweitern, die sich bis anhin als Krangegner bezeichnet hätten.

Die Sache mit der Kunst

Rostock ist die grösste Stadt Mecklenburg-Vorpommerns, rund 200'000 Menschen leben hier. Sie klagen über die hohe Arbeitslosenquote, über den FC Hansa Rostock, der nach der jüngsten Pokalniederlage gegen Fünftligist Neubrandenburg wieder einmal ohne Trainer dasteht und über den Flughafen Laage, der Jahr für Jahr tiefrote Zahlen schreibt. Aber Rostock hat auch eine Uni und damit viele junge Studenten, die den Stadtteil KTV (Kröpeliner–Tor–Vorstadt) mit seinen vielen Kneipen und Bars zum Szeneviertel machen. Rostock hat den Ortsteil Warnemünde, ein bei Touristen äusserst beliebtes Seebad. Und Rostock hat den brummenden Überseehafen, wo im letzten Jahr 22 Millionen Tonnen umgeschlagen wurden.

Und irgendwo auf diesem riesigen Areal soll er im Einsatz gewesen sein, der Zürcher Hafenkran. Ein Modell aus den Sechzigern, vermutet man anhand des Schattenwurfs, der auf dem von den Künstlern veröffentlichten Bild zu sehen ist. Gebaut von der Firma Takraf (Tagebau-Ausrüstungen, Krane und Förderanlagen), diente der sozialistische Dreibeiner jahrzehntelang am Stückgut­terminal des Hansakais. Und tatsächlich: Ist der mutmassliche Zürcher Kran auf älteren Aufnahmen oder bei Google Maps noch zu sehen, fehlt er heute.

Zuletzt gehörte der Hafenkran dem Unternehmen Euroports, das als Partner der Zürcher Kunstaktion auftritt. Zum Projekt schweigt man dort. Und auch bei der Hafen-Entwicklungsgesellschaft beisst man auf Granit. «Ich vermute, dass in ganz Rostock niemand davon Kenntnis hatte», sagt deren Sprecher Jörg Litschka, «und selbst wenn, hätte es wahrscheinlich keinen interessiert.» Ein Kran sei ein Arbeitsgerät und diene zum Heben schwerer Lasten. «Für mich hat ein Kran keinen besonderen Reiz», sagt Litschka. Mit der Kunst sei das immer so eine Sache: «Für die einen ist es welche, für die anderen nicht.»

Ob Kunst oder nicht: Die Hafenkräne im Ruhestand, die wir bei unserem Besuch antreffen, strahlen alle eine morbide Schönheit aus – faszinierend und etwas bedrohlich zugleich. Der Riesenkran etwa, der bei der Neptun-Werft vor sich hin rostet: ein gigantischer Roboterkranich, ein Wrack aus «Krieg der Sterne». Noch gehört er den Übermütigen und den Sprayern. Doch wollen die Besitzer in seiner Kanzel dereinst eine Hotelsuite für Frischverheiratete einrichten. Das jedenfalls erzählt man sich in Rostock. Eine Nacht in so exklusiver Höhe wird eine Menge Kohle kosten. Immerhin: Nächsten Montag ist wieder Kneipenquiz beim Alten Markt.

Erstellt: 05.04.2014, 07:34 Uhr

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