Er malte Geschichten und erzählte Bilder

Steivan Liun Könz, Sohn der «Schellen-Ursli»-Autorin Selina Chönz, war ein Künstler jenseits aller Strömungen. Eine umfassende Monografie zeigt den Engadiner Sgraffito-Künstler und Maler nun in all seinen widersprüchlichen Facetten.

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Von Ulrike Hark

Die Fassaden des Engadins wären ohne Könz eine triste Angelegenheit. Wer durch Guarda, seinen Geburtsort, durch Ardez, Zuoz, aber auch durch Engelberg oder das bayrische Bad Tölz flaniert, begegnet Steivan Liun Könz auf Schritt und Tritt. Auch wenn er bereits 13 Jahre tot ist. Allein im Engadin gibt es 100 Häuser, auf denen er seine unbändige künstlerische Fabulierkunst hinterlassen hat. Die meisten Arbeiten sind Sgraffiti – eine alte Technik, die im 16. Jahrhundert von Italien ins Bündnerland kam. Dabei werden in den frischen Fassadenverputz mit einem Spachtel Muster eingeritzt – Ornamente, mythologische Figuren, ganze Geschichten. Eine Art der Dekoration, die den Häusern in den Motiven Individualität verleiht, sie aber durch die einheitliche Technik zu einem harmonischen Schatz der Baugeschichte zusammenschliesst.

Männliche Sexualität

Könz ging mit diesem Erbe spielerisch um. Seine malerischen Erzählungen mit Drachen, Fischen und Meerjungfrauen, die er vor allem in den 70er- und 80er-Jahren hinterliess, waren vielgestaltiger, freier, erotischer. Was ihm in seiner Heimat, dem Engadin, so einige Schwierigkeiten einbrachte. Sexuelle und blasphemische Anspielungen gefielen vielleicht dem Hausbesitzer und Auftraggeber, nicht aber allen Nachbarn. Heute ist seine künstlerische Grösse unbestritten. In Scuol zum Beispiel ist man derzeit riesig stolz darauf, dass der Ruheraum im frisch renovierten Bogn Engiadina nun mit einer Deckenmalerei des 1998 verstorbenen Künstlers verschönert werden konnte.

Erstaunlich eigentlich, dass es bisher kaum ausführliche Publikationen über Könz gab. Diese Lücke schliesst sich nun mit einer umfassenden, reich bebilderten und spannend zu lesenden Monografie. Kathrin Siegfried, von Haus aus Historikerin, aber auch als Kuratorin und Dramaturgin unter anderem in Zürich tätig, schafft es, diesen auf seinen Fassaden starken, aber im Leben suchenden Menschen fassbar zu machen – eine Persönlichkeit, die zwischen vielen Polen aufgespannt war. Mit viel Einfühlungsvermögen, guter Dramaturgie und einem Stil, der auch Fragen stellt. Als sie 2006 Könz’ Atelier in Guarda erstmals für ihre Recherchen betrat und seine Skizzenbücher durchging, sei sie irritiert gewesen: «Ich fühlte mich von ihrer erzählerischen Opulenz und der Allgegenwart von ausgesprochen männlich geprägter Sexualität überfordert», schreibt sie in ihrer Einleitung. Ein langer Weg durch fremdes Gebiet sei die Arbeit am Buch gewesen, und manchmal sei es ihr vorgekommen, als befände sie sich in einem Schloss mit unbekannten Zimmern. Das Bild vom Schloss mit den ungezählten Türen zu unbekannten Zimmern war auch Könz’ Lieblingsmetapher, wenn es darum ging, sein Lebensgefühl zu beschreiben. Hin- und hergerissen zwischen Selbstzweifeln und überschäumendem Temperament – wohl unzählige Stunden verbrachte Könz während seines Lebens in der Psychotherapie –, konnte er sich nie von seinem familiären Erbe befreien. «Ich bin von klein auf nicht akzeptiert worden», schrieb er einmal. «Ich hätte ein Mädchen sein sollen und trug Mädchenkleider, bis ich drei Jahre alt war. Lange Haare und Locken. Selina wollte mich nicht.» Selina Chönz, seine Mutter, von der die Geschichte vom berühmten «Schellen-Ursli» stammt, hatte 1940 Iachen Ulrich Könz geheiratet. Sie legte Wert auf das bündnerische «ch» im Namen. Ulrich Könz, ein Architekt, brachte aus seiner erster Ehe vier Buben mit – sie wünschten sich endlich eine Tochter. Doch es wurde wieder ein Junge. Das Schwarz-Weiss-Bild im Buch zeigt auf den ersten Blick tatsächlich ein fröhliches, wohlgenährtes Mädchen mit einem Schaukelpferd. Könz hat sein schwieriges Verhältnis zur Mutter zeit seines Lebens reflektiert. Eine Beziehung, unter der er litt und die kurz vor seinem Tod 1998 ihre letzte Bitterkeit erhalten sollte, als er an Blasenkrebs erkrankte. Die Mutter hatte ihm stets vorgehalten, dass sie ihn sicher überleben würde. Und auf einmal musste Könz realisieren, dass sie diesen «Wettbewerb» gewinnen würde. Im April 1998 starb er, nur 58 Jahre alt. Eine seiner Aufzeichnungen lautet: «Von meinem Vater habe ich die Engadiner Depression geerbt, aber auch das Kreativsein in der Dunkelheit, die Fähigkeit, im Felsen eine Höhle zu bauen. Das Licht, das mein Vater entzündet hat, suchte meine Mutter immer zu löschen.» An der Kunstgewerbeschule Zürich, wo er 1957 die Aufnahmeprüfung bestand und Fotografie studierte, konnte er der Mutter endlich entgehen. Hier war er unter Gleichgesinnten, die Studierenden kamen aus unterschiedlichen Milieus. Könz trug Bergschuhe und Knickerbocker, schliesslich kam er aus den Bergen, wie Fredi M. Murer, sein Studienkollege aus Uri. In Zürich wurde er oft als «Schellen-Ursli» tituliert. Es ist allerdings umstritten, ob seine Mutter ihn als Vorbild für ihre Figur nahm.

Mutter schickte den Detektiv

Später, als selbstständiger Fotograf, scheiterte Könz. Mama Selina, die nichts mehr fürchtete, als dass ihr Sohn als brotloser Künstler enden könnte, hatte ihm in Adliswil ein Atelier eingerichtet, «ein Gefängnis erster Klasse», wie er es nannte. Zeitweise liess sie ihn sogar von einem Detektiv beobachten. Nach einer Afrikareise dann, wo er bereits ohne Fotokamera, aber mit Skizzenblock unterwegs gewesen war, verkaufte er 1968 sein Fotoatelier.

Reisen gehörten seit der frühesten Kindheit zu seinem Leben – Italien, Südfrankreich, Ägypten, die Türkei und Indien waren später seine Lieblingsdestinationen. Auch deshalb wollte Könz auf seinen Hausfassaden immer die ganze Welt einfangen. Dazu benutzte er die Allegorie, Figuren, die alle Kontinente, Jahreszeiten und Lebensalter symbolisierten. Vor allem das Motiv des Schiffs gab ihm unzählige, surreale Möglichkeiten – da schwimmen neben Booten der Lüge, der Dankbarkeit, der Musik auch solche der Märtyrer, des Weins und des Sadismus. Könz fühlte sich stets zu Extremen hingezogen, zu den verschiedensten Religionen, den unterschiedlichsten Frauen, die es ausserhalb seiner beiden Ehen gab – er kam und ging. Aber es gab auch den starken Wunsch, alles in einem zu umfassen, Boden zu finden und Unnötiges wegzulassen, um die Essenz zu erkennen. Ein Bestreben, das man in seinem Spätwerk merkt, wo die Motive auch in seiner Malerei ruhiger und klarer werden und der Stil reduziert ist. Zum Schluss malte er nur noch Labyrinthe, an deren Ende der Tod wartete. Absturz und Genialität trafen sich bei Könz, Realität und Fantasie trennte er vor allem beim Erzählen ungern. Die Geschichten, die er nach seinen Reisen in seinem Atelier in Guarda oder in der Beiz zum Besten gab, waren schier unglaublich. Könz konnte mühelos einen ganzen Saal unterhalten. Und wenn man ihn nach dem Wahrheitsgehalt fragte, lachte er nur: «Ich behaupte Sachen, weil es mir gefällt.» Eine Freiheit, die er sich auch in seiner Kunst herausnahm.

Kathrin Siegfried: Steivan Liun Könz. Limmat-Verlag Zürich 2011.200 Abbildungen. 268 S., ca. 70 Fr.Die Galerie Atelier Willi E. Christen, Freiestr. 135, Zürich, zeigt noch bis 9. Juli Werke aus dem Nachlass von Könz.An der Finissage vom Sa werden zwischen 14 und 17 Uhr Fredi M. Murer, Jürg Schubiger und die Witwe Barbara Könz aus dem Leben des Künstlers erzählen.

Steivan Liun Könz: Ein Sgraffito in Engelberg (links), der «Turm von Babylon» (unten Mitte), ein Foto als «Wunschmädchen» mit Holzpferd und der Kunststudent auf Exkursion in Frankreich. Fotos aus dem besprochenen Buch

Erstellt: 01.07.2011, 16:55 Uhr

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