«Es zeichnet sich ein Silberstreifen am Horizont ab»

Jürg Jegge ist am Weibeln: Wenn er nicht sofort mehr Geld auftreiben kann, muss die Stiftung Märtplatz aufgeben. Sie ermöglicht jungen Leuten mit Startschwierigkeiten eine Berufsausbildung.

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Rorbas - Auf Rosen gebettet war der Märtplatz finanziell noch nie. In den letzten Monaten ist die Stiftung jedoch in akute finanzielle Schwierigkeiten geraten, so dass Leiter Jürg Jegge einen Hilferuf aussendete. Der Märtplatz bietet unkonventionelle Ausbildungen in Werkstätten an. Gelehrt werden Fotografieren, Schreiben, Töpfern, Keramikmalen, Kochen, Nähen, Malen, Renovieren und Theaterspielen. Die jungen Menschen wohnen selbstständig in der näheren Umgebung, sind in eine Gemeinschaft integriert und werden wenn nötig betreut.

Herr Jegge, im April könnte der Märtplatz sein 25-Jahr-Jubiläum feiern. Wird die Institution das noch erleben?

Noch vor kurzem befürchtete ich, dass wir zum 25. Jahrestag schliessen müssen. Nun zeichnet sich ein Silberstreifen am Horizont ab. Soeben haben wir mit dem Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) einen neuen Vertrag ausgehandelt.

Was bringt dieser Vertrag?

Bisher zahlte das BSV einen Teil unserer Defizite. Wenn wir Gewinn erwirtschafteten, mussten wir diesen fast vollständig abgeben. So konnten wir nie sparen. Das ändert sich jetzt.

Und das holt Sie aus der Misere?

Nicht allein. Zusätzlich haben wir einen Hilfeschrei an unsere Spender und an Stiftungen ausgesendet und sind auf offene Ohren gestossen. Aber über den Berg sind wir noch nicht.

Weshalb hat sich die Situation gerade jetzt so akut verschlimmert?

In der Krise leiden viele Leute an‹finanzieller Verstopfung›. Das spüren wir bei den Spenden. Noch stärker ins Gewicht fällt jedoch die finanziell angespannte Lage bei der Invalidenversicherung (IV). Die IV-Stellen sind zurückhaltender bei der Finanzierung von Berufslehren im geschützten Rahmen geworden. Seit der fünften IV-Revision werden mehr Leute direkt im ersten Arbeitsmarkt integriert. Bei uns landen dann die schwierigsten Leute.

Ihre Jugendlichen haben grössere Probleme als früher?

Das sind ganz feine junge Frauen und Männer. Aber ja: Sie sind schwieriger geworden. Viele haben Depressionen, sind magersüchtig, verletzten sich selber . . ., da kommt es häufiger zu Lehrabbrüchen. Dieses Jahr haben 3 von 26 im Laufe des Lehrjahrs abgebrochen. Diese Plätze können wir nicht neu besetzen, müssen unser Personal aber trotzdem bezahlen. Das reisst ein Loch in die Kasse.

In Ihrem neusten Buch «Fit und fertig», das im Sommer erschienen ist, beklagen Sie den Neoliberalismus. Haben die Entwicklungen, die Sie nun spüren, Ihrer Meinung nach etwas damit zu tun?

Ja. Unsere Klienten spüren, dass im Arbeitsmarkt niemand auf sie wartet. Und der politische Druck auf die IV, schnelle Erfolge auszuweisen, ist gewachsen. Anstatt zu sparen, müsste man der IV neue Geldquellen eröffnen. Zum Beispiel: Steuern auf Kapital, Erbschaft und Internet erheben statt auf Arbeit, die immer knapper wird.

Der Märtplatz bietet ausschliesslich Lehren in kreativen Berufen an. Wie stehen die Chancen Ihrer Lehrabgänger auf dem Arbeitsmarkt?

Wir bieten Nischenberufe an. Nicht alle Lehrabgänger arbeiten nachher in diesem Beruf. Übrigens ist das heute generell so: Zwei Drittel aller Leute arbeiten später in einem anderen Bereich. Etwa die Hälfte unserer Lehrabgänger kann voll in den Arbeitsmarkt integriert werden, weitere 30 Prozent teilweise. Das ist eine sehr beachtliche Quote. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.12.2009, 02:02 Uhr

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