Ferien in der Fantasie

Gerade in Krisenzeiten wächst der Wunsch, irgendwohin zu reisen, wo fast alles friedlich, gut und schön ist. In der Realität ist das schwierig – der «Atlas der fiktiven Orte» aber ist voll mit solchen Destinationen.

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Von Thomas Wyss

Es kriselt an allen Fronten. Eurokrise, Klimakrise, Wirtschaftskrise, Englandkrise, Finanzkrise, Nordkoreakrise, Ehekrise, Festtagskrise, Sinnkrise.

Es kriselt so heftig, dass man manchmal nur noch flüchten möchte. Abhauen und verreisen in ein friedliches und zauberhaft schönes und immer sonniges Land voller türkisblauer Seen, bevölkert mit aufrichtigen, entspannten und fröhlichen Menschen. Und mit einer exquisiten Küche. Und Läden, in welchen man Milch und Honig, Früchte und Gemüse, Käse und Brote, Rindsfilets und Venusmuscheln und alles, was dem persönlichen Gusto sonst noch mundet, umsonst einpacken darf. Und hübschen, kleinen Häusern, die allen Besuchern frei zur Verfügung stehen.

Reisen ohne Grenzen

Stimmt, dieses Land gibt es nicht. Auf jeden Fall nicht in jener Welt, die wir allgemein als «real» bezeichnen. In einer Traumwelt aber, gebaut durch eigene oder fremde Vorstellungskraft, ist ein solch heiles und paradiesisches Fleckchen Erde problemlos denkbar. Ein solches, aber auch ein ganz anderes. Vielleicht ein unterirdischer Meeresgarten? Ein Kleinstaat voller Zwerge? Ein Tempel mit aphrodisisch bezaubernden Göttinnen und Göttern?

Die Fantasie, das ist kein Geheimnis, kennt grundsätzlich keine Grenzen (was nicht bedeutet, dass alles, was ihr entspringt, sinnvoll ist oder Freude bereitet). Und weil der Mensch offensichtlich bereits in der Antike die Lust oder den Drang verspürte, geistige Fluchten und Reisen anzutreten (ein «Trend», der bis heute anhält), und nicht wenige dieser «Fantasten» ihre erdachten und erschwindelten Destinationen schriftlich festgehalten haben, verfügen wir inzwischen über eine sehr stattliche Anzahl von fiktiven Orten. Werner Nell, literarischer Weltenbummler, Soziologe und Komparatist, hat sich nun die Mühe (oder eher den Spass) gemacht, die wohl 30 populärsten dieser Orte zusammenzutragen. Sein Werk nennt Nell keck «Atlas», und weil man in einem Atlas per definitionem auch Kartenmaterial erwartet, holte er zusätzlich den Grafiker und Illustrator Steffen Hendel mit an Bord.

Auch Entenhausen ist präsent

Die ausgewählten Orte sind alphabetisch geordnet: Das erste Kapitel heisst «Ardistan und Dschinnistan», das letzte «Zauberberg». Die berühmtesten im Buch präsentierten Städte, Gärten oder Illusionsoasen – als quasi märchenhaftes Äquivalent zu New York, dem botanischen Garten Pamplemousses auf Mauritius und Las Vegas – heissen Atlantis, Eldorado, das Paradies, Schlaraffenland und Utopia. All dies sind «Klassiker», die man hat erwarten dürfen. Doch Nell weiss auch zu überraschen – zum Beispiel mit Entenhausen, dem Reich der Disney-Dynastie Duck, oder mit Springfield, der Heimat der schrulligen Cartoon-Familie Simpsons.

Beim Aufbau innerhalb der Kapitel folgt der Autor einem lexikalisch-chronologischen Prinzip: Er nennt die wichtigsten biografischen Angaben des «Erfinders» und die Schrift, in welcher der fiktive Ort das erste Mal skizziert wurde; er versucht, die historische und etymologische Herkunft des Namens zu ergründen; er beschreibt – und zwar sehr anschaulich – Land und Leute sowie die Eigenheiten des Ortes. Manchmal tut er dies schwelgerisch, manchmal sachlich, dann und wann auch augenzwinkernd.

Ergänzt wird der Text durch eine Art «Ortsübersicht». Beim Kapitel «Schlaraffenland» findet man da zum Beispiel Angaben zur Bevölkerung (Schlaraffen; Freunde des Wohllebens aller Länder; Bauern, die auf Bäumen wachsen), zum wichtigsten Ort (Jungbrunnen), zur geografischen Lage (hinter dem Berg aus Hirsebrei, drei Meilen hinter Weihnachten) oder zu den Sehenswürdigkeiten (Feldzäune aus Bratwürsten; Weinbrunnen; fliegende gebratene Gänse; Semmelbäume).

Die würzenden Randnotizen

Das allein bietet schon eine grosse Portion leckersten Lesegenuss, doch die im Untertitel versprochene «Entdeckungsreise» ist damit noch längst nicht beendet. Es sind nämlich die Details, sprich die würzigen Randnotizen, die diesen Bücherbraten erst richtig feiss machen. Bei «Nimmerland» zum Beispiel listet Werner Nell eine grosse Auswahl an Büchern und Verfilmungen zum Thema auf. Und im Kapitel «Oz» erfährt man, dass sich von Pink Floyd bis Elton John etliche Gruppen und Musiker dazu inspirieren liessen, in ihren Songs die Abenteuer der kleinen Dorothy zu thematisieren – und dass sich die kalifornische Rockband Toto gar nach Dorothys Hund taufte.

Ja, das ist viel Lob. Und verdientes Lob. Doch ganz ohne Tadel kommt der «Atlas der fiktiven Orte» nicht ins Ziel. Was leider nicht restlos überzeugt – vielleicht auch, weil man bei Utopien utopischere Bilder gewohnt ist –, sind die zu stark aufs kartografische Element fokussierten Illustrationen. Sie sind informativ, schaffen Übersicht – aber richtig darin abtauchen und tagträumen, das kann man nicht. Von diesem kleinen Makel abgesehen ist das Buch jedoch der ideale Reiseführer für ein paar erholsame und anregende Ferienstunden in der Fantasie – fernab jeder Krise.

Steffen Hendel, Werner Nell (Hg.):

Atlas der fiktiven Orte: Utopia, Camelot und Mittelerde – eine Entdeckungsreise zu erfundenen Schauplätzen. Mannheim 2011, 160 S., ca. 48 Fr.

Praktische Karte für Reisen ins Schlaraffenland – wenn man nur wüsste, wie man da hinkommt! Foto: Aus dem besprochenen Band

Erstellt: 03.01.2012, 06:24 Uhr

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