Gerangel im einzigen Hallenbad

Winterthur hat als sechstgrösste Stadt des Landes nur gerade ein öffentliches Hallenbad. Rangeleien unter Erwachsenen sind an der Tagesordnung. Eine Lösung ist nicht in Sicht.

Es hätte so schön sein können. Projektvisualisierung Cabrio-Dach beim Freibad Geiselweid.

Es hätte so schön sein können. Projektvisualisierung Cabrio-Dach beim Freibad Geiselweid. Bild: zVg

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Das Hallenbad Geiselweid bietet fast alles, was ein städtisches Hallenbad bieten kann. Qualitativ gibt es am Angebot kaum etwas auszusetzen. Nur: Quantitativ fehlt es an allen Ecken und Enden. Schon am Morgen, wenn an drei Wochentagen das Bad um 6 Uhr öffnet, wird es bald einmal eng auf den Bahnen im 50-Meter-Becken. Zwischenfälle sind vorprogrammiert, wenn zügig schwimmende Crawler auf Brustschwimmer mit weit ausladenden Schwimmbewegungen treffen. Da ein Tritt mit dem Fuss, dort eine Kopfnuss, ein Nasenstüber oder ein Schulterbox. Alles natürlich unabsichtlich. Doch oft enden solch unliebsame Begegnungen mit Beschimpfungen oder Schubsereien.

Auch zwischen den Sportvereinen gibt es wegen der beengten Verhältnisse Knatsch. Der Leiter des Sportamtes Winterthur, Dave Mischler, findet sich immer öfter am runden Tisch, um zwischen den Vereinen zu vermitteln. «Wenn auf einer Bahn 20 Wasserballer trainieren und daneben 10 Triathleten Längen schwimmen, kommen sich die Sportler oftmals in die Quere. Bevor das Ganze eskaliert, setzen wir uns mit den Leuten zusammen.» Auch die Situation zwischen Sportlern und Freizeitschwimmern ist nicht sehr angenehm. Mischler: «Es ist noch genauso angespannt wie vor der Sanierung des Bades im letzten Jahr, wenn nicht angespannter.»

Sportschwimmer im Winter an die frische Luft

Eine Schwimmerin (Name der Redaktion bekannt) schildert einen dieser Konflikte so: «Ich war am Crawlen und vor mir ein Brustschwimmer, der die ganze Bahn für sich beanspruchte. Ich wollte auf der rechten Seite dicht am Rand an ihm vorbeischwimmen, als mich sein Fuss am Oberkörper traf. Anstatt sich zu entschuldigen, zeigte er mir den Vogel und schwamm weiter.» Solche Konfrontationen seien an der Tagesordnung. Oft werde auch geschubst, geflucht oder Wasser in die Augen gespritzt. Nach Feierabend wird es noch enger. Böse Zungen behaupten, man könne dann auch trockenen Fusses das Becken überqueren, so viele Leute seien dann am Schwimmen.

Eine Lösung für das Problem wäre das Cabriodach (siehe Box) über dem Olympiabecken im Freibad gewesen. Das Stimmvolk hat diese Lösung Anfang letzten Herbstes an der Urne verworfen. Sportschwimmer, die oft in Neoprenanzügen trainieren und deshalb nicht so schnell frieren, sammelten Unterschriften mit der Bitte für eine verlängerte Saison im Olympiabecken des angrenzenden Freibades. 2011/2012 hatte man damit gute Erfahrungen gemacht. Das Becken wird mit der vorhandenen Restwärme der Kehrichtverbrennungsanstalt (KVA) Winterthur beheizt. So könnten die Vereine ihren Sport ohne Behinderung betreiben und die Familien und Gelegenheitsschwimmer müssten sich das Becken im Hallenbad nicht mit den Sportlern teilen.

«Geisi» bleibt das einzige Hallenbad

Dem zuständigen Stadtrat Stefan Fritschi ist bewusst, dass Handlungsbedarf besteht: «Wir würden gerne die Saison im Freibad um vier Monate auf März bis November ausdehnen. Wir klären jetzt ab, ob die Restwärme der KVA ausreicht. Seit dem vorletzten Winter sind doch einige Häuser neu angeschlossen worden, und die nötige Restwärme ist nicht mehr so reichlich vorhanden.» Eine Zusatzbeheizung mit Gas ist keine Option: «Das würde dem Auftrag des Volksentscheids ‹Energie 2050› widersprechen.» Im besten Fall würde die Freiluft-Saison für die Sportschwimmer schon im März 2013 beginnen. Im schlechtesten Fall ist nicht genügend Restwärme vorhanden und das Freibad ist wie früher von Mai bis September offen.

Die zehn Bahnen von Schwimmbecken und Lehrschwimmbecken wurden 2011 vor der Sanierung der Anlage von 371'753 Besuchern genutzt. Tendenz steigend. Der Belegungsplan ist so dicht, dass man sich wundert, dass ein Spontanbesuch überhaupt möglich ist. Mit dem Wegfallen der Option Cabriodach ist das Problem so akut wie zuvor, aber keine Lösung in Sicht. Vielen, die auf Besserung hoffen, ist nicht bewusst, dass der Stadtrat seine Möglichkeiten ausgeschöpft hat und keine Alternativen bieten wird. Fritschi: «Ein neues Hallenbad ist nicht finanzierbar. Das Cabriodach war die einzige Alternative.» Das «Geisi» wird das einzige öffentliche Hallenbad in Winterthur bleiben. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 08.02.2013, 15:41 Uhr

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Cabriodach Geiselweid

Weil das Hallenbad Geiselweid überlastet ist, wollte der Stadtrat das Olympiabecken im benachbarten Freibad mit einem Schiebedach wintertauglich machen. Laut der Winterthurer Exekutive ist dies der günstigste Weg, um zusätzliche Schwimmbahnen zu erhalten. Der Quartierverein Wohnliches Geiselweid bekämpfte das Projekt seit seiner Entstehung mit dem Argument, es passe nicht in die Parklandschaft.

Der Winterthurer Gemeinderat hat sich mit 46 zu 4 Stimmen deutlich für den 4,8-Millionen-Kredit ausgesprochen. Gegner haben das Referendum ergriffen. Die gesamten Baukosten belaufen sich auf 6,95 Millionen Franken. Davon hat der Bund einen Beitrag von zwei Millionen Franken zugesichert.

Das letzte Wort hatte am 23. September 2012 das Stimmvolk: 52,6 Prozent der Stimmberechtigten haben ein Nein in die Urne gelegt.

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