Historisches Kraftwerk mit Zukunft

Das Wasserkraftwerk in Ottenbach ist nach den Hochwassern 2005 und 2007 wieder instand gestellt. Und: Das Museumsstück wird möglicherweise durch eine innovative Anlage ergänzt.

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Hans Fässler löst die Bremse, und langsam beginnt sich die Welt um ihn herum zu drehen. Er spricht von Francisturbinen, Königswellen, Schütz und Streichwehr. Dann sagt er: «Ich bin schon sehr stolz auf dieses kleine Kraftwerk.» Hans Fässler war bis zu seiner Pensionierung technischer Abwart der Firma Haas und als solcher für das 1837 erstellte Kleinkraftwerk zuständig.

Die Firma Haas betrieb einst in Ottenbach an der Reuss eine Seidenstoffweberei. 1975 stellte sie die Produktion ein und wurde zum Shoppingcenter. Das Wasserkraftwerk wurde unter Denkmalschutz gestellt und zusammen mit dem aus derselben Zeit stammenden Streichwehr vom Kanton übernommen. Der 66-Jährige mit dem gewinnenden Lächeln und dem extravaganten Schnurrbart betreut das Kraftwerk auch nach seiner Pensionierung weiter. Zusammen mit einer Betriebsgruppe von ähnlich «Angefressenen».

2005 und 2007: Land unter!

Als 2005 die Reuss hochging und Fässler spätnachts zu seinem Kraftwerk fuhr, weil er vor Sorge kein Auge zutat, sprangen plötzlich aus dem Boden Dutzende kleiner Springbrunnen. «Fast wie auf dem Bundesplatz.» Und dann kam das Hochwasser, das die ganze Anlage überflutete. Allein die Sanierung des Streichwehrs und des Fabrikkanals kostete mehr als 1,3 Millionen Franken. Die Anlage ist erst seit kurzem wieder funktionstüchtig und kann an den Tagen des Denkmals (7./8. September) besichtigt werden.

Nachdem Hans Fässler den Schütz hochgezogen hat, strömt Wasser aus dem Fabrikkanal über ein Saugrohr in das Einlaufwerk. Und als er den Bremshebel löst, beginnt sich die Francisturbine zu drehen. Es plätschert, es klopft, ächzt, knattert und surrt, sodass Fässlers Erklärungen bald in den Umgebungsgeräuschen untergehen.

Um 1900 betrieb das Kraftwerk 350 Webstühle, und die Fabrikglocken der Mechanischen Seidenstoffweberei Zürich, der Vorgängerin von Haas, waren der Pulsschlag der ganzen Region. Weitherum gab es kaum eine Familie, in der nicht jemand «in der Fabrik» arbeitete. 1920 wurde der Betrieb modernisiert, eine Dampfmaschine kam dazu, über eine grosse Schalttafel wurden die Webstühle, Werkstattmotoren, das Warmwasser und die Raumbeleuchtung angesteuert. Die Schalttafel ist das Bijou der Anlage. Technik in Jugendstil.

Dieser könnte demnächst auf modernste Technik treffen. Das Kleinkraftwerk Ottenbach gehört nämlich zu den 13 Standorten, die der Kanton Zürich für die Planung eines modernen Kleinwasserkraftwerkes freigegeben hat. Und die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) zeigen Interesse, als Betreiberin einzusteigen. «Wir sind grundsätzlich daran interessiert, dort ein Kleinkraftwerk zu betreiben», sagt Mediensprecherin Priska Laïaïda.

EKZ an Konzession interessiert

Doch kann sich das rechnen? Der Kanton ist in diesem Sommer in seiner «Positivplanung Kleinwasserkraftwerke» zum Schluss gekommen, dass deren energetisches Potenzial «höchst bescheiden» sei. Allerdings räumt das Awel (Amt für Abfall, Wasser, Energie und Luft) dem Standort Ottenbach eine Sonderstellung ein, weil dort bereits ein Wasserrecht besteht. Das erleichtere das Konzessionsverfahren erheblich. Zudem seien die Fassung sowie der Zu- und Ablaufkanal bereits vorhanden und grösstenteils frisch saniert. Allerdings sei das Gefälle mit 1 Meter relativ gering.

Die Iteco-Ingenieurunternehmung aus Affoltern am Albis hat im Auftrag der EKZ eine Grobanalyse erstellt und misst derzeit den aktuell fassbaren Wasserstrom. Der Projektleiter Hanspeter Leutwiler kennt sich wie kaum ein anderer in dieser Materie aus. Und er hat seit den 90er-Jahren ein Auge auf den Standort Ottenbach geworfen. «Die Chance ist einmalig, Natur- und Denkmalschutz sowie Energie - und Technikgeschichte auf so kleinem Raum zu vereinen.»

Leutwiler spricht von einem «kleinen Technorama». Zumal die Variante für das neue Kleinkraftwerk, die er priorisiert, hochmodern wäre: Iteco empfiehlt den Einsatz einer Wasserkraftschnecke – ein Prinzip, das sich bereits Archimedes ausdachte, das aber erst seit einigen Jahren bei Turbinen eingesetzt wird. «Diese Technologie ist leise, fisch- und tierfreundlich», sagt Leutwiler. Und würde im Falle Ottenbach rund 50 Kilowatt oder rund 30'000 kWh hergeben. Das reicht für die Versorgung von etwa 80 durchschnittlichen Haushalten.

Genügt das den EKZ? «Das ist nicht wahnsinnig viel, aber immerhin etwas», sagt EKZ-Pressesprecherin Priska Laïaïda. Der Entscheid, ob man beim Kanton ein Konzessionsgesuch einreiche, sei zwar noch nicht gefallen, doch: «Die Idee, die historische Anlage mit einem modernen und rentablen Kleinkraftwerk zu ergänzen, ist sehr reizvoll.»


Besichtigung anlässlich der Tage des Denkmals: Sa, 7. Sept., und So, 8. Sept., Führungen: 10, 12 und 14 Uhr (Dauer 90 Min.), Muristr. 33 bei der Reussbrücke. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.09.2013, 11:26 Uhr

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die Turbinenanlage

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