«Ich bin sicher, Sira packt das»

Die 13-jährige Sira Krieger aus Kloten hat ihre ganze bisherige Schulzeit in normalen Schulklassen verbracht, obwohl sie Trisomie 21 hat. Ihre Mutter Maria ist sicher, dass ihr Kind so mehr fürs Leben lernt.

Sira ist körperlich und geistig behindert, geht aber mit gesunden Gleichaltrigen in die Schule.

Sira ist körperlich und geistig behindert, geht aber mit gesunden Gleichaltrigen in die Schule. Bild: Dominique Meienberg

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Sira, gehst du gern in die Schule?
Sira (strahlend): Ja ja.

Welche Fächer hast du am liebsten?
Sira: Schreiben und Sprache. Und Mathematik. Und Mensch und Umwelt. Englisch kann ich auch.
Maria Krieger: Nein, Sira, Englisch hast du nicht.
Sira: Doch, doch, Englisch kann ich. In die Bibliothek gehe ich auch gern.
Maria Krieger:Sira hat eigentlich alle Fächer gern. Aber natürlich kann sie nicht bei allen gleich gut mitmachen. Für Englisch und Französisch ist sie dispensiert. In Mathematik und Sprache hat sie heilpädagogische Unterstützung. In Mensch und Umwelt hingegen macht sie die gleichen Arbeitsblätter wie alle.
Sira: Mami, darf ich ins Zimmer?

Ich möchte noch ein paar Sachen von dir wissen, Sira. Du kommst im Sommer in die Sek. Freust du dich?
Sira: Ja. Dann habe ich einen Mann als Lehrer.

Bereiten Sie sie speziell auf die Sek vor, Frau Krieger?
Maria Krieger: Nein. Sie wird ja auch in der Sek von einer Heilpädagogin unterstützt. Meine Schwiegermutter wird sie eine Zeitlang im Kochen begleiten. Und es sind ja dann auch Gspänli von ihrer jetzigen Klasse da.

Sira, hast du viele Freunde und Freundinnen in der Schule?
Sira: Ja, ich habe eine Freundin. Sie heisst Sara. Und einen Freund, der heisst Luca. Und noch zwei Freundinnen.

Gibt es Kinder, die dich ärgern?
Sira: Nein. Darf ich jetzt ins Zimmer?
Maria Krieger:Ja, Sira, geh nur. Es gibt schon Kinder, die sie foppen. Meist sind es jene, die selbst Mühe haben in der Schule. Die meisten Kinder aber schauen gut zu ihr.

Wie reagiert Sira, wenn sie geärgert wird? Spürt sie, dass sie anders ist?
Nein, sie wird einfach wütend, so, wie alle Kinder. Bis jetzt hat sie, glaube ich, das Gefühl, sie sei wie die anderen. Es ist ihr nicht bewusst, dass sie behindert ist, obwohl sie weiss, was der Begriff heisst. Einmal besuchten wir die Zwirni-Band, eine Musikgruppe von Behinderten, und da erschrak sie ziemlich. Sie fühlte sich diesen Menschen nicht zugehörig. Aber irgendwann werde sie sich ihrer Behinderung sicher bewusst werden, sagte mir ein Heilpädagoge. Dann werde sie sich wahrscheinlich unter ihresgleichen wohler fühlen.

Sira hat heute schulisch etwa das Niveau einer Zweitklässlerin, geht aber in die sechste Klasse. Sind ihr die anderen Kinder da noch ein Ansporn?
Im Turnen und in der Handarbeit auf jeden Fall. Da kann sie viel profitieren, weil sie ihnen «ablueget». Sie lernt viel über die Augen. Wichtig ist für mich auch, dass sie allein in die Schule gehen kann. Wäre sie in der heilpädagogischen Schule in Winkel, müsste sie mit dem Schulbus gehen. Und sie käme über Mittag nicht heim. Alles in allem glaube ich, dass sie so mehr fürs Leben lernt und selbstständiger wird. Ich kann ihr sogar den Schlüssel geben, wenn ich später heimkomme als sie.

Wird sie genug gefördert?
Ja. Natürlich mussten wir irgendwann entscheiden: Wollen wir eine gute Integration oder eine Top-Förderung? Beides geht wohl nicht. Aber ich muss den Lehrpersonen ein Kompliment machen, sie haben manchmal fast zu hohe Anforderungen an sich selbst und glauben, Sira zu wenig bieten zu können. Dabei braucht es gar nicht so viel.

Aber es hängt schon auch vom Engagement der Lehrer ab, ob die Integration klappt?
Ja, das ist so. Wir hatten wie gesagt immer viel Glück. Sira ist aber auch gut integrierbar, das ist nicht bei allen Kindern so. Und man muss klar sagen, wenn Sira nicht acht Stunden pro Woche von einer Heilpädagogin unterstützt würde, würde sie zu wenig gefördert.

Diese Integration wird irgendwann enden, spätestens nach der Schule. Sira wird in einer Behindertenwerkstätte unterkommen. Haben Sie keine Angst, dass Ihre Tochter dann enttäuscht sein könnte?
Irgendwann ist es halt einfach so weit, und dann muss sie sich der neuen Situation anpassen, so, wie sie lernen musste, sich in der Schule anzupassen. Notfalls muss man sie ins kalte Wasser werfen. Aber ich bin sicher, sie packt das. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.12.2010, 23:35 Uhr

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