«Ich habe es genossen, Flughafendirektor zu sein»

Thomas Kern tritt Ende Jahr zurück. Im Interview erzählt er, was ihm wichtig war. Und bekundet Respekt vor dem, was kommt.

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Wenn man Sie an Veranstaltungen, etwa an Podiumsgesprächen von Fluglärmgegnern, beobachtet, fällt immer wieder auf, wie es Ihnen gelingt, die Menschen für sich einzunehmen – selbst wenn Ihre Positionen meilenweit auseinander sind. Wie machen Sie das?
Ich glaube, es ist eine Kombination aus mehreren Elementen. Zum einen bin ich überzeugt, dass es richtig ist, ehrlich zu sein, auch wenn etwas unangenehm ist. Zweitens glaube ich, die Menschen merken, dass ich sie ernst nehme, auch wenn ich ihnen nicht helfen kann. Und drittens habe ich mir eine recht gute Kommunikationsfähigkeit angeeignet. Damit gelingt es mir nicht immer, aber in aller Regel, so herüberzukommen, wie ich mir das vorstelle.

Ehrlich zu sein: Ist das ein Charakterzug oder mussten Sie auch das lernen?
Ich hoffe, es ist ein Charakterzug – aber dahinter steht auch die Erkenntnis, dass man immer das sagen sollte, was man zum Zeitpunkt x für richtig hält. Das heisst gerade im Flughafenumfeld nicht, dass das einmal Gesagte zehn Jahre später noch richtig ist. Aber: Man muss nicht versuchen, taktisch zu argumentieren. Besser ist es, zu sagen, ich kann es leider nicht ändern, aber es ist so und so.

Sie sagten, Sie hätten ein gewisses Verständnis für die Menschen. Aber es gibt auf Podien sicher auch Momente, in denen Sie am liebsten nur den Kopf schütteln würden.
Da hilft mir das Bewusstsein, dass ich eine Rolle spiele. Ich bin fast eine Art Schauspieler. In meiner Rolle als Flughafenchef muss ich solche Voten aufnehmen können. Nur schon die Tatsache, dass man es als Betroffener dem da, dem Chef, sagen konnte, und eine freundliche Antwort erhalten hat, kann einen positiven Einfluss auf die Stimmung haben – auch wenn die Antwort nicht im Sinn des Betroffenen ist.

Schlussendlich müssen Sie ja aber hinter dem stehen, was Sie sagen. Schauspielern allein reicht nicht.
Nein, natürlich nicht. Und dennoch ist es so: Ich habe eine Rolle. Diese Rolle spiele ich mit meiner ganzen Persönlichkeit, die sich aus dem zusammensetzt, was ich weiss, was ich bin und was ich kann.

Hat Ihnen Ihre Erfahrung im Detailhandel geholfen? Ich habe den Eindruck, Sie wären ein begnadeter Verkäufer.
Ich weiss nicht. Ein Verkäufer muss am Schluss zu einem möglichst guten Preis abschliessen, und ich bin nicht sicher, ob ich das wirklich könnte. Mein Chef hätte wohl keine Freude, wenn ich zu viel Rabatt gäbe.

Sie schmunzeln: Wären Sie so nachgiebig?
Ja, ich würde wohl eher zu sehr nachgeben.

Aber als Flughafenchef dürfen Sie auch nicht nachgeben. Und das haben Sie auch nicht.
In meiner jetzigen Funktion ist das viel einfacher. Wir haben ganz klare Positionen, welche die Geschäftsleitung und dann der Verwaltungsrat sehr präzise formuliert und bestimmt haben. Und entlang dieser Positionen ist es nicht meine Funktion, auch nur ein My nachzugeben. Ich kann zwar bedauern, dass beispielsweise der Osten mit dem Staatsvertrag mehr Lärm erhalten wird, aber unsere Position ist glasklar. Das ist viel einfacher, als wenn ich persönlich verhandeln müsste.

Auch wenn Sie an Podien viele Sympathien gewinnen: Sachlich dringen Sie nicht wirklich durch. Sie haben einmal angetönt, dass Sie das ein wenig frustriere.
Das ist manchmal frustrierend, weil man nicht wirklich etwas zur Lösung beitragen kann. Auch weil die Gegenseite gar nicht bereit ist, bei einer Lösung mitzumachen. Die Positionen rund um den Flughafen neutralisieren sich.

Das ist aber nur die eine Seite. Die andere Seite ist: Auch flughafenintern gibt es unverrückbare Positionen.
Absolut.

Standen Sie auch flughafenintern manchmal an? Wären Sie von sich aus den Leuten mehr entgegengekommen?
Angestanden bin ich nicht. Aber es gab schon Momente, da sassen meine Leute auf Nadeln und fragten sich, ob der Chef nicht vielleicht etwas flicken oder nachgeben wolle. Sie haben mich auch schon zurückgepfiffen. Und ich war mehr als einmal froh, dass mir meine Kommunikationsverantwortliche sagte: Das hat so, wie du es sagst, nicht die beabsichtigte Wirkung. Aber mit der Zeit wird es einfacher. Man lernt zu unterscheiden zwischen den Positionen, die zu halten sind, und dem Mitgefühl, das man durchaus zeigen darf.

Es bleibt ein Spagat.
Ja, es hat manchmal eine ernüchternde, fast frustrierende Seite, weil man es bei allen Bemühungen nicht allen recht machen kann.

War das mit ein Grund für Ihren Rücktritt? Gehen Sie desillusioniert?
Überhaupt nicht. Ich habe immer viel mehr Lob als Kritik erhalten. Die Leute kommen zu mir und sagen, du hast «so en lässige» Flughafen. Man sagt ja, man sollte aufhören, wenn es am schönsten ist. Und dieser Flughafen steht heute sehr gut da. Er ist wirtschaftlich stabil, und mit dem neuen Betriebsreglement und dem Entscheid für den Bau des Circle haben wir zwei zentrale Weichen gestellt. Zudem ist es Zeit, neue Impulse zu setzen. Wenn man einen fähigen, 20 Jahre jüngeren Nachfolger aus den eigenen Reihen hat, ist der Zeitpunkt gut zurückzutreten. Persönlich gebe ich mir mit dem jetzigen Rücktritt die Chance, noch zwei Amtsdauern, also acht Jahre lang, nicht operativ in Verwaltungsräten tätig zu sein. Wäre ich erst mit 65 zurückgetreten, könnte ich nur noch eine Amtsdauer dienen. Denn mit 70 ist Schluss.

Das klingt alles sehr rational. Keine Emotionen?
Es ist eine Kombination aus allem. Ich habe mir immer gewünscht, nicht mit 65 aufzuhören oder gar in einer Krisensituation. Auch bei Interio und Globus hörte ich zu einem Zeitpunkt auf, an dem ich sagen konnte, es geht dem Unternehmen gut. Aber natürlich gibt es Emotionen. Als ich vorher zehn Minuten lang Fotomodell sein durfte, dachte ich mit Bedauern, das ist bald vorbei.

Sie standen nicht ungern im Rampenlicht.
Das stimmt. Ich war sehr gern Flughafendirektor, und ich war sehr stolz darauf. Bei Globus hatte ich über 6000 Leute, beim Flughafen 1600. Aber der Flughafen ist viel bedeutender. Ich habe das genossen, das gebe ich zu.

Was genau haben Sie genossen? Was war, salopp gesagt, der Kick?
Einerseits ist es ein schönes Gefühl, durch den Flughafen zu gehen, und von allen Seiten grüssen Mitarbeiter. Anderseits habe ich in der Öffentlichkeit und in den Medien an Bekanntheit exponentiell zugelegt. Das ist nicht immer einfach, aber es gibt einem ein Gefühl einer gewissen Bedeutung. Was nicht ungefährlich ist, denn diese Bedeutung ist mit meiner Rolle verknüpft. Ich bin mir zu hundert Prozent bewusst, dass ich zwar dieselbe Person bleibe, wenn ich zurücktrete, aber dass ich, wenn ich meine Rolle als Flughafendirektor abgebe, aus dem Bewusstsein eines grossen Teils der Öffentlichkeit verschwinde. Wie ich mit dem umgehe, kann ich Ihnen noch nicht sagen.

Sie haben einen gewissen Respekt vor einem Leben abseits des öffentlichen Interesses.
Es hat zwar manchmal etwas Belastendes, wenn man überall erkannt wird. Aber ich muss ehrlich sagen, wenn mich heute niemand erkennen würde, würde ich es vermissen.

Wie würden Sie sich als Chef beschreiben? Sind Sie jemand, bei dem jeder anklopfen kann?
Das kann man, ich glaube, ich habe offene Türen. Gerade heute Nachmittag hatte ich eine sehr nette Begegnung mit jemandem aus der Putzmannschaft, dem ich einmal helfen konnte. Aber wenn ich kritisch zurückschaue, habe ich zu wenig Zeit an der Front verbracht. Ich hatte gute Leute auf allen Stufen, deshalb war das vertretbar, aber ich war nicht übermässig oft draussen.

Bereuen Sie das?
Ja, das tue ich. Vielleicht ist es eine Altersfrage. Es ist auch nicht so einfach am Flughafen, von 25'000 Angestellten sind nur 1600 meine Leute. Aber das ist ehrlich gesagt ein bisschen eine Ausrede. Könnte ich nochmals anfangen, würde ich mehr an die Front.

Was sonst würden Sie anders machen? Bereuen Sie noch mehr?
Nun, bereuen … ich bedaure, dass wir keine Lösung im Gebührenstreit gefunden haben.

Glauben Sie, das lag an Ihnen oder an Ihrem Verhandlungsgeschick?
Ich glaube nicht, dass der Streit lösbar gewesen wäre, aber ich sehe es als negativen Punkt an.

Swiss-Chef Harry Hohmeister tickt völlig anders als Sie. Welche Rolle spielte das?
Sicher ist da eine gewisse kulturelle Unverträglichkeit entstanden, die der Lösung nicht förderlich war. Anderseits hat Harry Hohmeister wirklich eine schwierige Aufgabe, er musste alle seine Partner unter Druck setzen.

Wie verstanden Sie und Herr Hohmeister sich persönlich?
In der direkten Begegnung ist unser Kontakt sehr herzlich. Das letzte Mal hat er mich umarmt; ich könnte Hohmeister jederzeit anrufen. Sachlich sind die Positionen sicher verhärtet. Aber es sieht von aussen schlimmer aus, als es ist.

Reden wir ein paar Worte über Ihre Zukunft. Ihre Wahl in den Verwaltungsrat der Panalpina steht erst für Mai an; zwei weitere, kleinere Mandate sind zwar im Gespräch, aber noch nicht definitiv. Das heisst, dass Sie ab 1. Januar sehr viel Zeit haben werden. Wie fühlt sich das an?
Am 1. Januar reise ich für zehn Tage ins Allgäu, um runterzufahren, wirklich runterzufahren. Und dann baue ich langsam wieder auf, es stehen schon bald erste Sitzungen an. Freunde sagten mir, das werde die schönste Phase im Leben. Ich bin zwar teilweise noch voll in der Mühle, aber dennoch selbstbestimmter.

Es sind ruhigere Zeiten als bisher. Was werden Sie in der Freizeit tun?
Privat möchte ich nach meiner Hüftoperation vom Sommer wieder fit werden. Ich werde sicher mehr meinem Hobby, dem Motorsport, nachgehen. Und ich werde wieder öfter Einladungen annehmen können.

Freuen Sie sich darauf, oder überwiegt der Respekt?
Beides. Ich werde mein Leben neu gestalten müssen; ich muss auch einen Rhythmus finden daheim. Das muss man, glaube ich, wirklich lernen. Wie das wird, werden wir sehen. Ich habe mich ehrlich gesagt noch nicht wirklich damit befasst, dass ich mein Büro werde räumen müssen.

Erstellt: 24.12.2014, 06:14 Uhr

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